Der neue Roman von Juli Zeh „Neujahr“: Roman über ein Kindheitstrauma

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Osnabrück. Prägt die Kindheit das ganze Leben? Juli Zeh erzählt in ihrem neuen Roman „Neujahr“ die Geschichte eines überforderten Familienvaters, den ein traumatisierendes Kindheitserlebnis einst aus der Bahn warf. Auf der Insel Lanzarote stellt er sich lange verdrängter Vergangenheit.

Sein Weg führt ihn den Bergkegel steil hinauf und zugleich tief hinab in das dunkle Loch seiner Vergangenheit. Henning macht eigentlich den perfekten Urlaub. Zwei Wochen auf Lanzarote über Weihnachten und Neujahr, zusammen mit Frau und den beiden Kindern. „Erster, Erster“: Diese innerlich immer wiederholte Parole taktet sein Leben. Aber eine Radtour am Neujahrsmorgen wird für den jungen Familienvater zum Horrortrip. Henning keucht, außer Form und körperlich völlig überfordert, eine steile Piste hinauf. Oben kommt der erschöpfte Radler zu einem Haus, in das er freundlich eingelassen wird. Aber dann ahnt er: Hier war er schon einmal. Die Erinnerung an eine dunkle Episode aus seiner Kindheit überkommt ihn wie der Flashback einer traumatisierenden Erfahrung. Hier weiterlesen: Das Geschäft mit dem Terror - Juli Zehs Roman „Leere Herzen“.

Leben auf Lanzarote

Mit ihrem neuen Buch „Neujahr“ lässt Juli Zeh nach „Nullzeit“ (2012) wieder einen Roman auf ihrer Lieblingsinsel Lanzarote spielen. Und wieder führt sie, wie schon in ihrem bejubelten Debütroman „Adler und Engel“ (2001) Menschen in jenen Randbereich ihres Lebens, in dem Normen und Zusammenhalt brüchig werden. Ihr letzter Roman „Leere Herzen“ (2017) handelte von einem Paar, das ein lukratives Geschäft mit dem Terror betreibt und sich in moralischer Grauzone verliert. Juli Zeh treibt ihre Figuren wie in Versuchsanordnungen, mit denen Grenzen des Ertragbaren ausgelotet werden. In dem neuen Buch geht es um ein Kindheitserlebnis und die Frage nach der Stabilität des Gefüges einer Familie. Juli Zeh will es wieder einmal wissen und treibt ihren wie auf dem Reißbrett entworfenen Plot auf die Spitze - auch auf Kosten von Ungereimtheiten. Hier weiterlesen: Der Blechtrommler als junger Mann: Neue Aspekte zu Günter Grass.

Überforderter Familienvater

Die Wichtigste: Kann ein Mann wirklich auf eine Insel reisen und nicht daran denken, schon einmal dort gewesen zu sein? Ist es möglich, ein schockierend verunsicherndes Erlebnis aus der Kindheit so vollkommen zu vergessen, dass erst ein zufälliges Wiedersehen Jahrzehnte später die Erinnerung wieder aufruft? Egal. Mit Henning lernt der Leser den Typus des jungen Familienvaters kennen, der es allen recht machen will und zwischen Familie und Job, Kindern und Sport die eigenen Wünsche aus dem Blick verloren hat. Panikattacken verweisen auf tief sitzende Probleme. Henning führt ein Leben nach Plan und ahnt nicht einmal, welchem Skript er dabei folgt. Verantwortung ist ihm zur zweiten Natur geworden. Aber kann eine solche Tugend auch zum gestörten Verhalten pervertieren, wenn sie ihren Ursprung im Erleben einer dramatischen Überforderung hat? Hier weiterlesen: Daniel Kehlmanns „Tyll“ - ein Schreckensbild des Krieges.

Flashback des Traumas

Der vom Radeln erschöpfte Henning wird von einer freundlichen Aussteigerin in ein Haus eingeladen, um sich zu erholen. Plötzlich weiß er, dass er in diesem Haus schon einmal war. Als kleiner Junge verbrachte er hier, gemeinsam mit Vater, Mutter und kleiner Schwester, Tage, die als unbeschwerte Ferien begannen und in einer Katastrophe endeten. Die von ihrem Ehemann enttäuschte Mutter riskiert den Seitensprung mit dem Gärtner. Sie werden entdeckt, der Vater braust mit dem Wagen davon, seine Frau folgt ihm Hals über Kopf. Die Kinder finden sich beim Aufwachen unversehens allein wieder. Anfangs hoffen Bruder und Schwester noch auf die Rückkehr der Eltern, aber dann gleitet die Situation ins Chaos. Hier weiterlesen: „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ - der neue Roman von Wilhelm Genazino.

Kinder verzweifeln

Ein Junge und ein Mädchen und ihre wachsende Verzweiflung: Juli Zeh erzählt dies ganz aus der Sicht der Kinder, lässt auch den Leser geradezu körperlich direkt spüren, wie es ist, wenn fundamentale Lebensgewissheiten kollabieren. Da macht es auch nicht mehr viel, dass die Autorin ansonsten mit Klischees des Psychoschockers arbeitet. Das finstere Loch der Zisterne, in dem ein Ungeheuer wohnen soll, eine Hauswand, auf denen dicht an dicht die Spinnen hängen - das wirkt wie aus dem Baukasten des Gruselgenres geklaut. Die Erzählung entwickelt dennoch dramatischen Sog und kulminiert am Ende in einem abrupten Befreiungsakt. Hier weiterlesen: Aus dem Nachlass - der Roman „Der Überläufer“ von Siegfried Lenz.

Intakte Bindungen

Juli Zeh stellt in ihrem neuen Roman die Frage nach der Prägekraft der Kindheit und nach den Freiheitsräumen für eigene Entscheidungen, die danach noch bleiben. Der Mensch bleibt an frühe Erfahrungen und ihre bestimmende Kraft gebunden. So lautet wohl das Plädoyer hinter der Romanhandlung. Zeh erteilt damit allen Träumen von einem ungebundenen, weil selbst erfundenen Leben eine Absage. Ja, sie scheint auch für traditionelle Rollenkonzepte zu votieren. Ist es denn nicht die Ehefrau und Mutter, die mit ihrem kleinen Schritt in einen Augenblick des eigenen Glücks die Traumatisierung ihrer Kinder verschuldet? Jenseits solcher Interpretation ist eines klar - wie sehr der Mensch als zutiefst soziales Wesen auf intakte Bindungen angewiesen bleibt.


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