Roll over Beethoven Musikfest Bremen startet fulminant mit Teodor Currentzis

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Der Höhepunkt bei der Großen Nachtmusik des Musikfests Bremen: Teodor Currentzis und Musicaeterna spielen Beethoven. Foto: Nikolai WolffDer Höhepunkt bei der Großen Nachtmusik des Musikfests Bremen: Teodor Currentzis und Musicaeterna spielen Beethoven. Foto: Nikolai Wolff

Bremen.. Bremen. Das Musikfest Bremen ist mit der Großen Nachmusik in seine 29. Auflage gestartet. Den Höhepunkt des Abends setzte, logisch, Teodor Currentzis.

Zweihundert Jahre alt soll Beethovens Siebte sein. Nach dem Finale der Großen Nachtmusik in der Bremer Glocke möchte man zweifeln: Das Publikum tobt wie nach einem Rockkonzert, und tatsächlich haben Teodor Currentzis und sein Orchester Musicaeterna das Rock-’n’-Roll-Potenzial des Werkes entfaltet. Das gipfelt im ausgiebigen Head-Banging, das der Dirigent und seine Cellogruppe im Takt der Musik vollführen, als würden sie gerade Speedmetal spielen. Fehlt nur noch, dass einer sein Cello anzündet.

Show und Spaß

Klar ist das Show — aber keine Effekthascherei. In diesem Moment erlauben sich ein paar junge Menschen — und jung ist dieses Orchester aus Perm — einen Spaß mit Beethoven. Der und seine Musik vertragen das, weil Currentzis weiß, was er will, und weil sein Orchester vorzüglich spielt. Sollen die ruhig ihre Show abziehen.

Es ist bereits halb elf, als die Siebte in der Glocke beginnt. Für das Orchester ist es bereits die dritte Beethoven-Sinfonie an diesem Abend; vorangegangen sind die fünfte und die sechste Sinfonie. Trotzdem spielt Musicaeterna, als wäre es der Beginn des Abends, und zwar im Stehen. Nach einem umjubelten Zyklus mit allen neun Sinfonien bei den Salzburger Festspielen hat Intendant Thomas Albert die Truppe zur Großen Nachtmusik eingeladen, die traditionell das Musikfest Bremen eröffnet. Albert war einer der ersten, der das Potenzial dieser Formation erkannt hat — deshalb gastiert sie bereits zum vierten Mal bei seinem Festival.

Nun ist die Eröffnung des Musikfests als großes Wandelkonzert angelegt (und bereits ein Festival für sich): Auf drei Zeitschienen wählen die Besucher aus jeweils neun Konzerten aus. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Alter Musik, aber mit Omer Klein und der Richard Bona Group gibt das Musikfest auch dem Jazz ein Forum, und neben den großen und etablierten Namen der Branche wie Jos van Immerseel und seinem Ensemble Anima Eterna bekommen auch junge Formationen wie das Quatuor Ardeo eine Chance. Oder der litauische Akkordeonvirtuose Martynas Levickis: Der streift in der Bremer Bürgerschaft unter dem Titel „Woodspirit“ anhand von litauischen Volksliedern umarrangierten Klavierminiaturen von Jean Sibelius und Originalkompositionen durch die Wälder Litauens und Finnlands. Levickis ist dabei ein grandioser Interpret mit einem feinen Gespür für Klangfarben — ein mitunter burlesker, in weiten Strecken herrlich melancholischer Waldspaziergang.

Urgewalten und stille Schreie

Die Höhepunkte der diesjährigen Nachmusik spielen sich allerdings im großen Saal der Glocke ab, dank Currentzis und den elementaren Urkräften, die er entfalten kann. Doch selbst die Momente der kompletter Entgrenzung gießt er in eine präzise Form: Der Dirigent weiß genau, wie und wo sich die Wucht der Musik entlädt, wo es blitzt und wie heftig es donnert. Doch das ist nur die eine Seite. Die andere demonstriert Currentzis in der „Szene am Bach“ — sie klingt bei ihm füllig und weich, erfreut sich ungebrochener, dunkler Schönheit. Im zweiten Satz der Siebten der Trauermarsch formuliert Currentzis stille Schreie an der Grenze zur Unhörbarkeit - Currentzis’ Piano ist ein Mysterium für sich. Den Kontrast setzt er dann im dritten Satz: Da lässt er Beethovens Musik in ihrer ungestümen Wildheit wüten.

Überhaupt setzt er spitze Akzente und arbeitet tiefenscharf ungeahnte Details aus der Partitur, setzt Schwerpunkte neu. Dazu klimpern die Finger auf einer unsichtbaren Tastatur, lassen große Gesten die Musik strömen, hüpft und springt und stampft der Dirigent mit seinen Springerstiefeln, als wäre die Bühne der Glocke ein Dancefloor. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, aber es ist ja nicht so, dass hier ein Poser seine Show abzieht. Vielmehr steht ein Musiker auf dem Podium, der — wie ein Rockstar — von beiden Seiten her brennt und mit seinem Feuer in den Kosmos Beethoven eingetaucht ist und ihn zum Leuchten bringt. So braucht einem um Beethoven und die klassische Musik nicht Bange werden, weil Currentzis sie frisch und lebendig hält. Dafür überreicht ihm am Ende der Intendant höchstpersönlich die Blumen. Was nicht alle Tage vorkommt.


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