Würdigung zum 100. Geburtstag Ein Mann, viele Facetten: Bemerkungen zu Leonard Bernstein

Von Ralf Döring und Dr. Stefan Lüddemann

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Jung und wild: Leonard Bernstein im Jahr 1947 in seinerNew Yorker Wohnung. Bernstein wäre am 25.08.2018 100 Jahre alt geworden. Er starb am 14.10.1990. Foto: Str/AP  LIBRARY OF CONGRESS/dpaJung und wild: Leonard Bernstein im Jahr 1947 in seinerNew Yorker Wohnung. Bernstein wäre am 25.08.2018 100 Jahre alt geworden. Er starb am 14.10.1990. Foto: Str/AP LIBRARY OF CONGRESS/dpa

Osnabrück.. Leonard Bernstein ist ein Phänomen mit vielen Facetten. Drei davon beleuchten die Kulturredakteure Ralf Döring und Stefan Lüddemann.

Lenny, der Literat: Mit Beethoven in die Rockies

Darf man Beethoven mit einem Gebirge vergleichen, und wie gut hat George Gershwin tatsächlich komponiert? Anscheinend nicht soo brillant – und trotzdem liebt Leonard Bernstein diese Musik, die so geschickt auf der Grenze zwischen Klassik und Jazz, zwischen E und U balanciert. Oder gerade deswegen. Solche Fragen diskutiert Bernstein gern, und zwar offenbar am liebsten mit sich selbst, wie er in herrlichen „Erdachten Gesprächen“ oder ebenso erdachten Briefwechseln mit erdachten Dichtern oder Musikmanagern darlegt. Denn neben seiner Begabung als Dirigent, Pianist und Komponist konnte Leonard Bernstein brillant über Musik sprechen und schreiben. Er führt die Gespräche auf einer Autofahrt durch die Rocky Mountains oder in einem Café downtown New York, das heißt: Er holt die heilige klassische Musik mitten ins Leben. So liest sich Bernstein tatsächlich auch: humorvoll und ein bisschen knarzig, nach einem Glas Whiskey und ein paar Zigaretten. Vor allem aber spricht eine große Liebe zur Musik aus jeder Zeile, die Leonard Bernstein geschrieben hat.


Leonard Bernstein kommt in London an, um das Philharmonic Orchestra zu dirigieren. Foto: imago/ZUMA/Keystone


Lenny, der Komponist: Die richtige Dosis Humor

„Cool“ hat Leonard Bernstein einen Sinfonischen Tanz aus der „West Side Story“ genannt und gleichzeitig „Fugue“dahinter geschrieben. Bernstein stellt damit eigentlich einen unauflöslichen Widerspruch auf: Die strengste aller musikalischen Formen kann majestätisch sein oder erhaben. Aber cool? Genau darin zeigt sich Bernsteins Komponierkunst. E und U, Klassik und Jazz, sogar Pop: Natürlich hat Bernstein sehr wohl unterschieden zwischen den einzelnen Genres und Musikgattungen. Nur hat er nicht gewertet: Er hat die Musik Louis Armstrongs genauso innig geliebt wie die Sinfonien von Brahms. Das hört man seinen Kompositionen an: Er nimmt sich aus dem Schatzkästchen der Musik, was er braucht, von der Zweiten Wiener Schule bis bis zum Big-Band-Swing. Sein Operettenheld Candide stolpert in verqueren südamerikanischen Rhythmen durch die Welt, während das Musical „Wonderful Town“ Lenny, den Filou und Verführer vor Ohren führt. Gleichzeitig beantwortet Bernstein endgültig die Frage, ob Humor und Musik zusammenpassen: entschieden ja.


Familienbande: Leonard kommt am 17. Juni 1983 mit seiner Tochter Jammie in Houston an. Dort erlebt gleich seine Oper "A Quiet Place" ihre Uraufführung. Foto: imago/UPI Photo


Lenny, der Emphatiker: 9. Sinfonie zum Mauerfall

Diesen Kuss der ganzen Welt: Kein anderer Dirigent wäre wohl imstande gewesen, dieser Botschaft aus dem Schlusssatz von Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie im historischen Augenblick des Mauerfalls eine solche Emphase zu geben wie Leonard Bernstein. Der Charismatiker unter den Orchesterleitern hat Musik nie nur kühl zelebriert. Am Pult avancierte Bernstein zum großen Performer, der sich mitreißen ließ.

1989 steigerte er zwei Berliner Aufführungen von Beethovens Neunter in der Philharmonie und im Konzerthaus am Gendarmenmarkt zu historischen Marksteinen. Bernstein formierte nicht nur einen internationalen Klangkörper, indem er das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Musikern aus London, Paris, New York und Sankt Petersburg erweiterte. Bernstein dichtete auch Schillers Ode an die Freude zur Ode an die Freiheit um. Bernstein dirigierte. Aber vor allem durchbebte er Beethovens Musik als Erlösungsbotschaft. Eine große Stunde – für Deutschland, für die humane Kraft der Kultur und für Bernstein, der ein knappes Jahr später starb.


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