Schuld und Sühne in der Ex-DDR Gundermann - ein singender Baggerführer im Stasisumpf

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Das Ehepaar Conny und Gerhard Gundermann.Das Ehepaar Conny und Gerhard Gundermann.

Osnabrück. Andreas Dresens Film überLiedermacher "Gundermann" nahe zeichnet ein vielschichtiges Bild über das Leben in der DDR.

Wer war Gerhard Gundermann?

Doch was zunächst nach einer einfachen Frage klingt, wird in der Beantwortung zu einem komplexen Porträt. Eines, dass der Film „Gundermann“ erstaunlich vielschichtig zeichnet.

Da ist zum einen Gundermann, der Liedermacher in der DDR. Einer, der es nach der Wende sogar geschafft hat, zusammen mit seiner Band als Vorgruppe für Bob Dylan aufzutreten. Und der doch ein “working class hero“ geblieben ist.

Ein Attribut, das keine Attitüde war: Gundermann schuftete schließlich im Dreischichtensystem als Baggerführer im Braunkohletagebau.

Und dann ist da noch der mann, der ab 1976, mit Anfang 20, als Stasi-Spitzel arbeitete, der Freunde, Kollegen und Mitstreiter ausspionierte und teilweise intime Informationen von Vertrauten an den Staat weitergab.

Als Anfang der 90er Jahre die Täterakte des „IM Grigori“, so sein Deckname, auftauchte, fielen nicht wenige seiner Vertrauten aus allen Wolken. „Gundi“ war ein Verräter? Jener Mann, der sich mit der SED anlegte, immer wieder schlechte Arbeitsbedingungen und fehlende Sicherheitsmaßnahmen ansprach – bis es den Funktionären zu viel wurde? Der schließlich sogar von der Partei ausgeschlossen wurde, obwohl er überzeugter Kommunist war?

Einmal, in der Führerkabine seines Baggers, als Gundermann Texte in sein Diktaphon einspricht, klingt ein Satz wie das Resümee seines Lebens: „Ich habe aufs richtige Pferd gesetzt. Aber nicht gewonnen.“

Eines Lebens, das in der Akte der Gauck-Behörde scheußliche Details offenbart. Und die Gundermann nicht wahrhaben will.

Oder hat er sie vergessen? Verdrängt? Oder schlichtweg nicht geahnt, welche Konsequenzen seine Tätigkeit hatten? Wobei ab 1984 aus dem Täter schließlich ein Opfer wurde: Gundermann wurde von da an von der Stasi beobachtet.

Es gehört zu den größten Stärken von Regisseur Andreas Dresen und seiner Stamm-Drehbuchautorin Laila Stieler fern jeder simplen Schwarz-Weiß-Zeichnung das Porträt eines Menschen zu zeigen, der nicht nur auf die bekannten Fakten reduziert wird. In Erinnerung bleibt ein Mann, der in Schattierungen gezeigt wird. Und an politische Verhältnisse, die Einfluss auf jeden hatte, der ihnen ausgesetzt war. Und er zeigt „Gundi“ auch als treusorgenden Familienvater und liebevollen Ehemann, als Poeten und Querdenker. Ohne die Mitarbeit der Witwe, „Gundi“ starb bereits 1998 mit 46 Jahren, und der Tochter, wäre „der Film nie entstanden“, wie es im Nachspann heißt.

Alexander Scheer spielt den Titelhelden vielschichtig als Mensch mit Fehlern und singt übrigens auch alle im Film vorkommenden Songs Gundermanns selber. Zudem konnte Dresen auf ein grandioses Ensemble zurückgreifen. So spielt Anna Unterberger die Ehefrau, Milan Peschel einen Kollegen, Peter Sodann einen SED-Funktionär, Axel Prahl einen Verbindungsoffizier und Bjarne Mädel den Vorgesetzten.

Bewunderswert auch, wie dramaturgisch gekonnt Regisseur Andreas Dresen mit den Zeitebenen spielt. Da ist einerseits die Zeit in der DDR, diese Enge und Muffigkeit der 70er Jahre in Hoyerswerda, wo nicht nur der Rauch der Braunkohle jede Farbe aus aus dem Leben der Menschen gesogen hat. Und da ist die Zeit Anfang der 90er Jahre, als Kleidung und Fernsehprogramme schriller und bunter werden, die Tristesse aber blieb. „Blühende Landschaften“ sehen anders aus.  

„Gundermann“ ist ein bewegender Film über politische und persönliche Umbrüche. Und mindestens genauso vielschichtig wie das Leben seines Protagonisten.


„Gundermann“. D 2018. R: Andreas Dresen. D.: Alexander Scheer, Anna Unterberger, Axel Prahl, Peter Schneider, Bjarne Mädel, Peter Sodann, Mila Peschel. 127 Minuten. FSK: o. A.

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