Programm der Ruhrtriennale Bouchra Khalili zeigt ihre Videos im Museum Folkwang

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Essen. In Kooperation mit der Ruhrtriennale zeigt Documenta-Künstlerin Bouchra Khalili zwei Videoinstallationen im Essener Museum Folkwang. In „Twenty-Two-Hours“ und „The Tempest Society“ geht es um politische Minderheiten und Strategien des Widerstands.

Finger wischen über ein Smartphone. Bilder tauchen auf, Fotos von dem unangepassten Dichter Jean Genet, von Mitgliedern der Black Panther-Bewegung, von Hearings und Demonstrationen. Dazu berichten Stimmen aus dem Off von Genets Besuch 1970 in den USA, von seinem Kampf für inhaftierte Mitglieder der Black Panther. In ihrem 43 Minuten langen Video „Twenty-Two-Hours“ rekonstruiert die Künstlerin und Filmemacherin Bouchra Khalili eine lang vergessene Geschichte. Aus Fotos und Zeitzeugnissen, aus Berichten eines Aktivisten, der damals Genet begegnete, komponiert sie in dem Video eine Lesart der Zeitgeschichte, die im Widerspruch zu ihren offiziellen Versionen steht. Khalilis Video kreist um Minderheiten und ihren Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung. Hier weiterlesen: Weltkunst in Kassel - was ist die Documenta?

Projekt der Ruhrtriennale

„Twenty-Two-Hours“ ist jetzt als Produktion der Ruhrtriennale 2018 im Museum Folkwang in Essen zu sehen. Khalili präsentiert als zweite Arbeit ihr Video „The Tempest Society“, mit dem sie 2017 in Kassel und Athen auf der Documenta 14 präsent war. „The Tempest Society“ erzählt von drei jungen Leuten, die in Athen eine Theatergruppe gründen, die bürgerrechtliche Engagement anschieben will. Die Theatermacher erinnern sich an Vorläufer, die in den siebziger Jahren in Frankreich ein ganz ähnliches Anliegen verfolgten. Die Studenten Genevieve und Philippe taten sich seinerzeit mit dem jungen Immigranten Mokhtar zusammen und gründeten eine aktivistische Theatergruppe, die gegen Ungleichheit und Rassismus protestierte. Das Video verbindet in Rückblenden die Aktionen der siebziger Jahre mit den Protestversammlungen auf dem Athener Syntagma-Platz, bei denen Menschen in den letzten Jahren gegen die Sparpolitik ihrer Regierung aufbegehrten. Hier weiterlesen: Büchertempel und Auschwitz-Skandal: was bleibt von der Documenta 14?

Frage nach Schicksalen

Politisches Engagement und eine komplexe Bildsprache: Die 1975 im marokkanischen Casablanca geborene Bouchra Khalili verknüpft politisches Anliegen und künstlerische Strategie in ihren Arbeiten auf wirkungsvolle Weise. Ihre Videos plädieren dabei nicht einfach nur für eine bestimmte politische Position, sie fragen vor allem nach Menschen und ihren oft übersehenen Schicksalen. Khalilis Videos sind deshalb nicht einfach als linear erzählte Geschichten zu konsumieren, sie fordern vor allem dazu auf, Geschichte und ihre Geschichten als Konstrukte zu verstehen und darüber nachzudenken, wer sie mit welcher Intention erzählt. Dafür arbeitet die Künstlerin mit Rück- und Vorblenden, mit Rollenträgern, eingeblendeten Fotos und Texten.

Liebling der Kunstwelt

Khalili artikuliert die Stimmen von Außenseitern, spielt damit allerdings im Kunstbetrieb eine Hauptrolle. Präsentationen auf der Documenta, auf diversen Biennalen oder im New Yorker Guggenheim Museum, das sie gerade für den Hugo Boss-Preis nominiert hat, weisen sie als Liebling der Kunstwelt aus. Kein Wunder. Khalili trifft den Trend. Ihre Geschichten von unterdrückten Minderheiten reflektieren perfekt jenen Befreiungsdiskurs, der sich zwischen Globalisierungskritik und dem Nachdenken über neue Formen des Aktivismus aufspannt. Der Bestseller „Empire“ (2002) von Michael Hardt und Antonio Negri und Bücher von Judith Butler über Versammlungen als neuen Formen direkten Engagements markieren Eckpunkte jenes Diskurses, der in den letzten Jahren auch das Programm von Biennalen und Festivals bestimmt und für viele Kuratoren zum postkolonialen Mainstream gehört. Hier weiterlesen: Weltkunst in Münster - was sind die Skulptur Projekte?

Stoff für neue Debatten?

Wie die politische Parteinahme von Künstlern den Machern großer Kulturfestivals aber auch Probleme bereiten kann, erfährt in diesen Wochen allerdings Stefanie Carp, die Intendantin der Ruhrtriennale, die nun Bouchra Khalilis Folkwang-Ausstellung als Teil ihres Programms präsentiert. Der Wirbel um den geplanten Auftritt der Band „Young Fathers“ sorgte vor Wochen für Empörung. Die Musiker solidarisieren sich mit der Bewegung „Boycott, Divestment and Sanctions“ (BDS), die Israel international isoliert sehen möchte. Der Streit um ihre Einladung spitzte sich zur hitzigen Debatte um die Grenze zwischen Kunstfreiheit und Antisemitismus zu. Zuletzt gab es Ärger um eine Formulierung im Programmheft der Triennale, in dem der Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges als „Umsiedlung“ verharmlost wurde. Die nun präsentierte Bouchra Khalili selbst solidarisierte sich wiederholt und nachdrücklich mit der Sache der Palästinenser. Ob sie auch den BDS unterstützt, bleibt einstweilen unklar. Liefert das womöglich den Stoff für eine Neuauflage der Debatte um die Ruhrtriennale und den Einfluss des BDS auf die Kulturwelt? Das Museum Folkwang spricht von der „Kraft der Partizipation und Solidarität“, die sich in Khalilis Videos zeigen soll. Möge diese Kraft allen Menschen gelten, ganz gleich welcher Herkunft sie sind. Hier weiterlesen: Skandale zeigen: Kunst und Kultur werden zur Kampfzone.


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