„Knabe im Moor“ ist auch dabei Die Droste kommt nach Hause: Nachlass nach Westfalen

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Münster. 1500 Texte der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff kommen jetzt in das Westfälische Literaturarchiv. Der Bestand, der sogenannte Meersburger Nachlass, soll für breitere Publikumskreise erschlossen werden.

„Dass eine Frau literarische Texte schrieb, war eigentlich nicht vorgesehen“, sagt Literaturwissenschaftler Jochen Grywatsch. Annette von Droste-Hülsdorff (1797–1848) tat es doch. Und wie. Grywatsch, Leiter der Münsteraner Droste-Forschungsstelle des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, faltet vorsichtig ein in dichten Zeilen beschriebenes Manuskript auseinander. Die westfälische Dichterin hatte einst auf diesen Blättern ihr Lustspiel „Perdu!“ aufgeschrieben. In der Farce, deren Handlung im Haus eines Verlegers spielt, versammelt die Droste Akteure des damaligen Literaturbetriebes. Sie selbst ist auch dabei – in einem satirischen Selbstporträt. Hier weiterlesen: Geburtshaus der Droste - Bund fördert Ausbau der Burg Hülshoff zum Literaturzentrum.

Dichterin auf Banknote

Adliges Fräulein mit strenger Scheitelfrisur, Motiv auf dem letzten 20-DM-Schein, Verfasserin der düsteren Erzählung „Die Judenbuche“, Klassiker unter den Schullektüren – die Droste hat ihren Ruf weg. Sie gilt als steif und konservativ, ihr Werk auch. Das könnte sich jetzt bald ändern. Denn ihr Werk soll nun mit neuem Schwung vermittelt werden. Grundlage ist der Meersburger Nachlass der Dichterin, der jetzt von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin dem Westfälischen Literaturarchiv des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) übergeben worden ist. Hier weiterlesen: Porträt auf dem 20-Mark-Schein - die Droste im Kurzporträt.

„Weg vom verstaubten Image“

Was nach einem Verwaltungsakt klingt, soll zu einer Beschleunigung all der Aktivitäten führen, die dem Werk der Droste neue Aufmerksamkeit sichern könnten: digitale Erschließung und Ausstellungen. „Für die Droste und ihr Werk interessieren sich längst junge Autoren. Ihr Revival führt weg vom verstaubten Image“, betonte Barbara Rüschhoff-Parzinger, Kulturdezernentin des LWL, bei der Übergabe des Nachlasses im Rüschhaus bei Münster. In dem von dem Barockarchitekten Johann Conrad Schlaun erbauten Anwesen hatte die westfälische Dichterin von 1826 bis 1846 gelebt.

Gedichte und Quittungen

Gedichte, Briefe, Notizen, sogar Quittungen: Der Meersburger Nachlass der Droste bietet sich heute nach den Erläuterungen von Droste-Forscher Grywatsch und Marcus Stumpf vom LWL-Archivamt als bunter Mix der Textsorten dar. Zum Kernbestand der rund 1500 Dokumente des Nachlasses, die sich beim Tod der Dichterin auf der Meersburg am Bodensee fanden, gehören die handschriftlichen Fassungen berühmter Gedichte wie „Der Knabe im Moor“ oder „Die Mergelgrube“. „Der Meersburger Nachlass umfasst rund zwei Drittel der von der Droste hinterlassenen Schriften. In ihm finden sich alle wichtigen Gedichte der Gedichtausgabe von 1844“, ordnet Jochen Grywatsch die Bedeutung des Konvolutes ein, das bislang in der Bibliothek der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster lagerte. Hier weiterlesen: Die Droste ist auch dabei - Rolf Eschers „DichterOrte“ im Stadtmuseum Münster.

Nachlass ging nach Berlin

Der Meersburger Nachlass nahm einen merkwürdigen Weg. Bis 1967 in Privatbesitz, wurde er von der Thyssen-Stiftung erworben. Für eine symbolische D-Mark übernahm ihn die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. „In den Sechzigerjahren sollte Westberlin kulturpolitisch an die alte Bundesrepublik stärker gebunden werden“, erläuterte Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung, der zur Übergabe des Nachlasses aus Berlin nach Münster gereist war. Die Droste-Texte bleiben Eigentum der Stiftung, sollen im Westfälischen Literaturarchiv nun aber schneller digitalisiert und aufbereitet werden.

Texte im Netz

In der Bibliothek der Universität sei diese Arbeit nicht im gewünschten Tempo zu bewerkstelligen, sagte Johannes Wessels, Rektor der Universität. Die Texte sollen zügig erfasst, ins Netz gestellt und für Ausstellungen aufbereitet werden, damit sich noch besser erfüllt, was die Droste 1843 in einem Brief schrieb: „In hundert Jahren möchte ich gelesen sein.“


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