150. Geburtstag Camille Claudel: Die Kunstrebellin lebte gefährlich

Von Dr. Stefan Lüddemann | 08.12.2014, 00:00 Uhr

Camille Claudel hat Epoche gemacht - als Künstlerin und als Rebellin. Wer war die Bildhauerin? Der 8. Dezember ist ihr 150. Geburtstag.

Genial, schön, rebellisch: Die Bildhauerin Camille Claudel steht wie keine zweite Künstlerin für den Aufbruch der Frauen in die Kunst der Moderne – und für ihren tragisch tiefen Fall. Vom Vater gefördert, von Auguste Rodin, dem Übervater der Bildhauerei , als Geliebte und Mitarbeiterin aufgenommen, später von ihm schmählich fallen gelassen, von Mutter und Bruder, dem berühmten Schriftsteller Paul Claudel, ins Irrenasyl weggesperrt: Camille Claudels Lebenstelegramm verläuft nach der Fieberkurve einer schauderhaften Kolportage.

Heute vor 150 Jahren kommt sie im nordfranzösischen Fère-en-Tardenois zur Welt. Die junge Camille modelliert mit Hingabe. Lehrer empfehlen eine künstlerische Ausbildung, der Vater ebnet den Weg an die private Pariser Académie Colarossi. Offizielle Akademien sind Frauen zu dieser Zeit noch verschlossen. 1883 beginnt mit einem Lehrer-Schüler-Kontrakt, was sich zur kongenialen Arbeitsgemeinschaft und später zur Liebestragödie entwickeln sollte – Camille Claudels ebenso symbiotische wie vor emotionaler Spannung vibrierende Beziehung zu Auguste Rodin (1840–1917). Camille modelliert Hände und Füße für Rodins berühmte Figurengruppe „Die Bürger von Calais“ (1889), fertigt Details für dessen noch berühmteres, 1926 zum ersten Mal in Bronze gegossenes „Höllentor“.

Und sie kreiert selbst Plastiken, die zunächst sogar auf Pariser Weltausstellungen gezeigt werden, später aber für Jahrzehnte vergessen bleiben. Ab den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts werden Claudels Werke in Ausstellungen als bewegende Schöpfungen moderner Plastik triumphal neu entdeckt. 1988 dann die ganz große Wiederkehr: In Bruno Nyttens Kinofilm verkörpert Isabel Adjani die Künstlerin, Gérard Depardieu den Bildhauer Rodin. Camille Claudel avanciert zum Idol selbstbewusster Frauen, die ihren Traum leben wollen – ohne Rücksicht auf Rollenmuster.

Das ganze Leben, und das sofort: Nach diesem Motto modelliert Camille Claudel Plastiken, die noch heute wie Manifeste eines Lebens auf der Kippe wirken. Die „Welle“ zeigt drei winzige badende Frauen und hinter ihnen eine sich gigantisch auftürmende Woge , so als sei der Traum der Freiheit stets vom Untergang bedroht. Unter dem Titel „Der Walzer“ vereinigt Claudel Mann und Frau zum verschmelzenden Paar. Allerdings ist die Figurengruppe so stark geneigt, als würde sie im Rhythmus der Musik dem Fall entgegentaumeln.

Camille Claudel ist über die Maßen sensibel und reizbar zugleich. Auf die Frage nach der entscheidenden Qualität einer Frau antwortet sie 1888 in einem Fragebogen: „Den Mann in Rage zu versetzen.“ Mit ihrem Temperament verletzt die Künstlerin alle Konventionen, die ihre Zeit einer Frau auferlegt. Nach der Trennung von Rodin fällt Claudel in eine Krise, zerstört viele ihrer Werke. Mutter und Bruder schieben sie 1913 in die Psychiatrie ab, meiden über Jahre jeden Kontakt. „Ich habe nicht all das getan, was ich getan habe, um namenlos in einem Irrenhaus zu enden“, fleht Camille Claudel in einem Brief an ihren Bruder. Doch Paul Claudel, Mitglied der Académie française und mit dem Großkreuz der Ehrenlegion dekorierter Vorzeigeautor, schweigt. Camilles Leben endet in Einsamkeit, aber eines ist sie heute nicht mehr: namenlos. Ganz im Gegenteil.