Maxim Billers Roman „Sechs Koffer“ Lauter Gefangene einer kollektiven Lüge

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Der Schriftsteller Maxim Biller. Foto: Swen Pförtner/dpaDer Schriftsteller Maxim Biller. Foto: Swen Pförtner/dpa

Osnabrück. Wer hat den Großvater ans Messer geliefert? Maxim Biller erzählt in seinem neuen Roman „Sechs Koffer“ die bizarre Familiengeschichte von Menschen und ihrer verdrängten Schuld. Zugleich porträtiert er ein politisches System, das Menschen in die Lüge trieb und so unausweichlich zu Verrätern machte.

Die Liebe sollte eine Familie zusammenhalten. In der Familie, von der Maxim Biller in seinem neuen Roman „Sechs Koffer“ erzählt, sind es das Misstrauen und der Hass. Wer hat den Großvater einst an die Machthaber in der Sowjetunion verraten und trägt damit die Schuld an seiner Hinrichtung? Die Frage klingt nach dem Whodunit-Schema des klassischen Kriminalromans. Biller macht aus dem Handlungstreiber, der Detektivgeschichten zuverlässig strukturiert, ein irrlichterndes Motiv in einem Erzähldickicht, dessen Undurchdringlichkeit sich niemals lichtet. Hier weiterlesen: Liebe im kontaminierten Gebiet - Adolf Muschg´ Roman „Heimkehr nach Fukushima“.

Schuld und Rache

Das wäre bei dieser Familie auch nicht zu erwarten. Nicht, dass sie eine Ausnahmeerscheinung wäre, diese Familie aus Prager Intellektuellen. Im Gegenteil. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat Väter und Mütter, Onkel, Tanten und Kinder zwischen die Mahlsteine von Diktatur und Holocaust, von Flucht und Exil genommen, einige von ihnen ausgelöscht und alle deformiert. Maxim Biller schickt seinen zu Beginn des Romans sechs Jahre alten Erzähler auf eine Reise, die mit ihren Stationen Prag und Hamburg, Moskau und Zürich auch zu den versprengt lebenden Mitgliedern der Familie führt. Die Erwachsenen halten sich gegenseitig ihre offenen Rechnungen vor. Schuldgefühle und Rachegelüste haben sie zu Gespenstern einer immer noch toxisch strahlenden Geschichte gemacht. Hier weiterlesen: Mein Buch fürs Leben - Albert Camus und der Kampf gegen das Absurde.

Hitzige Kontroversen

Maxim Biller geht keiner Kontroverse aus dem Weg. Mit bissigen Statements hat er die Gespräche des unter Volker Weidermann neu gestarteten „Literarischen Quartetts“ bis zu seinem Ausscheiden Ende 2016 zu hitzigen Kontroversen verwirbelt. In seinem Roman „Esra“ soll er intime Details aus dem Leben einer früheren Partnerin geschildert haben. Die gerichtliche Auseinandersetzung ging 2003 als Kontroverse um literarische Freiheit und Persönlichkeitsrecht in die Literaturgeschichte ein. Auch in seinem neuen, offenkundig autobiografisch inspirierten Roman geht Biller an Schmerzgrenzen. Alle Mitglieder der Familie, die er porträtiert, haben gelogen, sich angepasst, feige Tipps gegeben, um in der Diktatur zu überleben. Hier weiterlesen: Hüter des „sanften Gesetzes“ - vor 150 Jahren starb Adalbert Stifter.

Finten und falsche Fährten

„100 Zeilen Hass“, so hieß einst Billers Kolumne in der Zeitschrift „Tempo“. Nun hat er einen Roman geschrieben, der durchtränkt ist von schlecht verdrängtem Hass und Selbsthass. Biller steht dabei nicht einfach nur draußen. Sein Erzähler adaptiert die Strategien der Verdrängung, indem er so erzählt, wie die Mitglieder seiner Familie kommunizieren – mit Andeutungen und Verdächtigungen, Finten und falschen Fährten. Im Zweifelsfall einfach etwas erfinden und so weiterreden: Nach diesem Muster verstecken sich hier alle hinter einem Vorhang aus alten Geschichten wie hinter einer muffigen Wohnzimmergardine. Hier weiterlesen: Mein Buch fürs Leben - das macht Bücher für uns so unersetzlich.

Die Menschen verraten

Wer hat den Großvater ans Messer geliefert? Die Antwort auf diese Frage ist am Ende nicht mehr wichtig. Denn der eigentlich Schuldige war ein Staatssozialismus, der Menschen an die vermeintlich richtige Sache verriet und damit in die kollektive Lüge trieb. „Sechs Koffer“ ist ein Familienroman, ein Zeitroman müsste er sein. Biller aber schaut nicht hinter die Familienränke, erklärt nicht wirklich, was sie antreibt. Was für ein Manko. Hier weiterlesen: Hüter des „sanften Gesetzes“ - vor 150 Jahren starb Adalbert Stifter.


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