Höhepunkt der Ruhrtriennale Christoph Marthaler macht Charles Ives zum Gesamtkunstwerk

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Über die Schwierigkeiten der Kommunikation lässt sich Christoph Marthaler in „Universe, Incomplete“ mit Musik von Charles Ives aus. Hier leitet  Titus Engel das Ensemble „Rhetoric Projext“. Foto: Walter Mair / Ruhrtriennale 2018Über die Schwierigkeiten der Kommunikation lässt sich Christoph Marthaler in „Universe, Incomplete“ mit Musik von Charles Ives aus. Hier leitet Titus Engel das Ensemble „Rhetoric Projext“. Foto: Walter Mair / Ruhrtriennale 2018

dö Bochum. Christoph Marthaler setzt die Musik von Charles Ives in Szene: Das beschert der Ruhrtriennale 2018 einen umwerfend guten Abend.

Am Freitagabend dreht sich die Ruhrtriennale mal nicht um Politik, sondern ums große Ganze: Christoph Marthaler interpretiert die Musik von Charles Ives, und das an einem zentralen Spielort des Festivals, in der Jahrhunderthalle in Bochum. „Universe, Incomplete“ lautet der Titel des zweieinhalbstündigen Gesamtkunstwerks aus Musik, Tanz, Gesang, Schauspiel, Performance. Tatsächlich ist diese Produktion so etwas wie ein Herzstück der diesjährigen Ruhrtriennale, bildet doch die Kooperation von Intendantin Stefanie Carp und dem Schweizer Regisseur so etwas wie die intellektuelle Achse des Festivals. Weiterlesen: Marthaler unterstützt die Leiterin der Ruhrtriennale

Wie funktioniert Kommunikation?

Ausgangspunkt ist die „Universe Symphony“ des amerikanischen Musik-Utopisten Ives, ein Unterfangen, das der Komponist als Fragment hinterlassen hat. Marthaler arbeitet daher andere Werke aus Ives’ Œvre ein und kreiert so eine Tour d‘Horizon über Ives‘ Musik. Gleichzeitig leitet er daraus die Frage ab, wie Kommunikation funktioniert (oder eben auch nicht), und schließlich setzt er, zusammen mit seiner Bühnenbildnerin Anna Viebrock und dem Dirigenten Titus Engel, die gigantische Jahrhunderthalle fulminant in Szene.

Viebrock baut dabei ein kleines bürgerliches Amerika in die große Jahrhunderthalle: Kirchenbänke, verspielte Brückchen, ein Bahngleis und dahinter eine lange Tafel mit Stühlen im Resopal-Look, ein Kirchenportal, ein Kino. Sie nutzt dafür die Längsseite der Halle, lässt viel Raum für ein zwölfköpfiges Ensemble, das tanzt, schauspielert, singt und dabei ähnlich assoziativ bleibt wie die Musik, ähnlich bizarr, ähnlich überraschend. Es gibt da den Mann, der über die Vorzüge und Nachteile bestimmter Haken doziert, und tatsächlich hat Ives ein Stück mit dem Titel „The Gong on the Hook and Ladder“ geschrieben, auf deutsch etwa „Die Klingel am Feuerwehrwagen“. Ives schichtet dabei Rhythmusebenen übereinander, die zwar völlig autark funktionieren, aber dennoch zum Kollektiv verschmelzen, als hätte Ives das amerikanische Gesellschaftsmodell in Musik übersetzt. Weiterlesen: William Kentridge eröffnet die Ruhrtriennale 2018

Das ist so ungewöhnlich, wie es auch Ives musikalische Erzählstrukturen sind: Oft klingt das, als würden zwei Orchester gleichzeitig völlig unterschiedliche Sachen spielen, oder Klaviere sind im Vierteltonabstand gegeneinander verstimmt, was tatsächlich ziemlich schräg klingt. „Rhetoric Project“ heißt das Ensemble, das hier großes leistet und im Zwanziger-Jahre-Outfit den Gegenpart zu den Bochumer Symphonikern einnimmt. Und das durchaus wörtlich: Das Project-Orchester am linken Rand des Spielraums liefert sich einen leidenschaftlichen Kampf mit dem bis dahin im rechten Gebäudetrakt den Blicken des Publikums entzogenen Symphonieorchester. Und ein ältliches Männlein rennt dazu mit der Tube hin und her, je nachdem, wer gerade spielt und erinnert dabei frappierend an Helge Schneiders Sidekick Sergej Gleithmann erinnert. Ives‘ Musik schillert dabei in allen Farben von zart gewebten Streicherklängen bis zur donnernden Klangeruption, vom zärtlichen Chorlied bis zum Ragtime und Jazz, und oft klingt die Musik der amerikanischen Blasorchester an, die eine wichtige Inspirationsquelle für Ives waren: Der junge Charles war fasziniert von den Klangballungen, die zwei oder mehr Blasorchester erzeugten, wenn sie sich auf den Straßen begegneten. Tatsächlich hat sich in Europa erst die Nachkriegs- Avantgarde Ives’ Ästhetik erschlossen. Weiterlesen: Marthaler inszeniert in Hamburg „Lulu“

Marthaler, der Meister der ironischen Brechung

Marthaler interpretiert diese Klangwelt als Modell für die zwischenmenschliche Kommunikation. In einem typischen Marthaler-Bild lässt der Schweizer Regiemeister seine Darsteller paarweise hintereinander hergehen, der hintere tippt den vorderen auf die Schulder, doch die Einladung zum Dialog verpufft, die Kommunikation bleibt ein Ding der Unmöglichkeit. Später schlägt dieser Versuch des Dialogs zu ätherischer Musik in blanke Aggression um, noch später mischt sich ein Sprechchor zum dadaistisch-babylonischen Sprachgewirr – Ives‘ Ästhetik auf Sprache übertragen.

Der Abend mündet schließlich in das berühmte Orchesterstück „The Unanswered Question“. Da stehen die Darsteller dann da und nicken eifrig und lächelnd auf die Frage, die die Trompeten stellen – neben vielem anderen ist Marthaler eben auch ein Meister der feinen ironischen Brechung. Und so wirkt dieser unendlich vielschichtige, musikalisch und darstellerisch hervorragende Abend lange nach. Ein Höhepunkt der Ruhrtriennale 2018 und des Festivals überhaupt. Weiterlesen: „Pelléas et Mélisande“ bei der Ruhrtriennale 2017


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