Filzanzug und Capri-Batterie Osnabrücker Beuys-Sammlung für Museum in Münster

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Münster. Über Jahrzehnte haben sie ihren Schatz gehütet. Jetzt kommt er doch noch ans Licht. Manfred und Ingrid Rotert aus Osnabrück haben Münster 150 Kunstwerke von Joseph Beuys geschenkt. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Gabe.

„Das ist jedes Mal ein bisschen wie Weihnachten“, sagt Ingrid Hillebrand und strahlt. Dabei liegt auf dem Tisch vor ihr nur ein schlichter Kleidersack. Aber als sie langsam am Reißverschluss zieht, beugt sich auch Marianne Wagner über die betagte Hülle. Zentimeter für Zentimeter kommt im Museumsbüro ein Schatz der Kunst zum Vorschein. In dem Kleidersack liegt einer der berühmten Filzanzüge von Joseph Beuys. Der Kunstschamane trug ihn 1974 bei einer seiner Aktionen. 100 Exemplare ließ er als Edition fertigen. Einer gelangte nun als Teil einer Schenkung aus dem benachbarten Osnabrück in das LWL-Museum für Kunst und Kultur nach Münster. Dort sichten Kuratorin Marianne Wagner und Dokumentaristin Ingrid Hillebrand gerade die kostbaren Neueingänge, zu denen auch der Filzanzug gehört. Hier weiterlesen: Osnabrücker Sammlerpaar schenkt Münster seine Beuys-Kollektion.

„Noch nie öffentlich gezeigt“

„Das Konvolut ist enorm wichtig für unser Haus“, feiert Marianne Wagner, Kuratorin für Kunst der Gegenwart am Münsteraner Museum, die Schenkung. „Die Sammlung kommt aus einer Hand und ist noch nie öffentlich gezeigt worden“, erläutert Wagner den Wert der Sammlung näher. Die Kollektion besteht aus 150 Multiples, Objekten, die der Künstler in Auflagen von wenigen bis hin zu mehreren Tausend Exemplaren herstellte.

„Wir wussten: Das ist es“

Weit musste das Konvolut nicht reisen. Es kam aus dem benachbarten Osnabrück. Die passionierten Kunstsammler Manfred und Ingrid Rotert haben ihren Beuys-Schatz seit 1971 zusammengetragen. „Wir hatten nie den Ehrgeiz, alles von Beuys zu besitzen, wussten aber bei unserem ersten Kauf: Das ist es“, erläutert Manfred Rotert, der als Mineralölkaufmann in Mannheim und in Weil am Rhein tätig war und später gemeinsam mit seiner Frau in die Heimatstadt Osnabrück zurückkehrte. Beide begeisterten sich früh für die Ideenwelt von Joseph Beuys. Hier weiterlesen: Weltkunst in Münster - was sind die Skulptur Projekte?

Hut und Anglerweste

Der Charismatiker mit Hut und Anglerweste revolutionierte nicht nur die moderne Kunst, er machte sie mit seinen ritualhaft verrätselten Aktionen und seinen Auftritten bei der Kasseler Weltkunstschau Documenta auch zum Medienspektakel für Millionen. Seine Ideen von der Gesellschaft als sozialer Plastik und der Kunst als Kreislauf der Ideen machten die Kulturszene demokratischer, nahmen Vorstellungen der Friedens- und Ökologiebewegung um Jahre vorweg.

Bestes Beuys-Paket

Fachleute wie die Kuratorin Marianne Wagner wissen das. Deshalb griff sie auch bei der Offerte aus Osnabrück sofort zu. „Wir bekommen fast wöchentlich Schenkungen angeboten. Es geht aber nicht darum, nur das Depot zu füllen“, macht Wagner klar, dass auch bei großzügigen Angeboten von Kunstsammlern sorgsam ausgewählt wird. Das Osnabrücker Beuys-Paket hingegen hat es in sich. Ob der Filzanzug, die aus Glühbirne und Zitrone gefügte „Capri-Batterie“ oder „Das Schweigen“, ein Objekt aus fünf verlöteten Filmspulen – die Sammlung wäre für ein Museum heute unerschwinglich. Entsprechend aufmerksam haben die Münsteraner Museumsleute die Objekte auch in Empfang genommen. „Wir wollen die Sammlung erst einmal kennenlernen“, sagt Marianne Wagner freundlich. Während sich die Kuratorin schon Gedanken um die Präsentation der neuen Schätze macht, kümmert sich Dokumentaristin Ingrid Hillebrand noch darum, dass die Neuzugänge inventarisiert werden. Auspacken, begutachten, fotografieren, verzeichnen, restauratorisch überprüfen: Jedes der Objekte durchläuft in der neuen Umgebung einen Parcours der sorgfältigen Aufnahme. Hier weiterlesen: Weltkunst in Kassel - was ist die Documenta?

Anzug im Kleidersack

Dabei machen die Museumsleute immer wieder erstaunliche Entdeckungen. So fand sich im Kleidersack mit dem Filzanzug ein handgeschriebener Zettel mit der Aufschrift „Achtung Kunst!“. Sammler Manfred Rotert erklärt: „Wir hatten den Filzanzug immer im Keller bei unseren Wintermänteln hängen und uns überlegt, was wohl sein würde, wenn uns etwas passiert. Wir wollten verhindern, dass dann andere Leute den Filzanzug einfach mit zu den Altkleidern gegeben hätten.“ Manfred und Ingrid Rotert haben auf diese Weise alle ihre Schätze sorgsam gehütet. Sie kauften bei den Editionen von Klaus Staeck in Heidelberg und von René Block in Berlin, zunächst für überschaubare Beträge. „Was wir damals gekauft haben, konnte sich jeder leisten, der es gewollt hätte“, erzählt Manfred Rotert mit verschmitztem Lächeln. Aber nicht jeder griff bei den Beuys-Objekten zu, und noch weniger machten eine richtige Sammlung daraus. Die in zwölftausend Exemplaren produzierte „Intuitionskiste“, ein schlichter Holzkasten mit Bleistiftzeichnung, kostete beim Kauf vor vielen Jahren lächerliche acht Mark. Heute gehört sie zu einer Kollektion, die nach Meinung der Münsteraner Museumsleute alle Aspekte des komplexen Werkes des Jahrhundertkünstlers Beuys spiegelt.

Kunst für jedermann

„Mit den Multiples schuf Beuys erschwingliche und demokratische Werke für jedermann, die – wie Vehikel – seine künstlerischen Ideen in Tausende von Haushalten transportierten“, beschreibt Kuratorin Marianne Wagner den besonderen Stellenwert dieser Kunstwerke. Unter dem Titel „Hülle und Kern. Multiples von Joseph Beuys“ soll die Kollektion der Roterts vom 29. November bis zum 29. September 2019 im LWL-Museum ausgestellt werden. Marianne Wagner und ihre Kollegen haben dafür den Lichthof im Altbau des Museums gewählt. Dort präsentierte Beuys 1977 Fettkeile unter dem Titel „Unschlitt/Tallow“ als seinen Beitrag zur ersten Ausgabe der Skulptur Projekte.

Kein Interesse in Osnabrück

Manfred und Ingrid Rotert haben sich wegen dieser berühmten Präsentation für Münster entschieden, als es darum ging, für die kostbare Sammlung eine dauerhafte Heimat zu finden, aber auch deshalb, weil in Osnabrück niemand so recht Interesse für ihren Schatz zeigte. Bei André Lindhorst, dem vormaligen Leiter der Kunsthalle, seien sie abgeblitzt. „Der hat Beuys nicht verstanden“, meint Manfred Rotert heute. Wenn es um Beuys geht, kommen die Roterts an kein Ende. Ihr liebstes Objekt? „Die Capri-Batterie. Es ist doch einfach genial, wie Beuys mit der Glühbirne und der Zitrone Natur und Technik versöhnt hat“, sagen die Roterts. Ihre lustigste Beuys-Episode? Während der Documenta 5 fuhren die Eheleute 1972 nach Kassel, um ihr Idol kennenzulernen. Beuys betrieb dort sein Büro der „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“, Tag für Tag. „Aber genau an dem Tag, als wir kamen, war er einmal nicht da.“ Heute lacht Manfred Rotert darüber.


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