Mit Filzanzug und Capri-Batterie Osnabrücker Joseph Beuys-Sammlung geht nach Münster

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Münster. Eine Osnabrücker Sammlung mit Kunstwerken von Joseph Beuys (1921-1986) geht nach Münster. Das Sammlerpaar Manfred und Ingrid Rotert hat dem LWL Museum für Kunst und Kultur 150 Werke von Beuys geschenkt. Zu der Kollektion von sogenannten Multiples gehören so wichtige Objekte wie der Filzanzug oder die Capri-Batterie.

„Das Konvolut ist enorm wichtig für unser Haus“, feiert Marianne Wagner, Kuratorin für Kunst der Gegenwart am Münsteraner Museum, die Schenkung. „Die Sammlung kommt aus einer Hand und ist noch nie öffentlich gezeigt worden“, erläutert Wagner gegenüber unserer Redaktion den Wert der Sammlung näher. Die Kollektion besteht aus rund 150 sogenannten Multiples, also Objekten, die der Künstler in Auflagen von wenigen bis hin zu mehreren tausend Exemplaren herstellte. Zu den herausragenden Stücken der Sammlung gehören der legendäre Filzanzug, den Joseph Beuys 1974 bei einer Aktion in der Düsseldorfer Kunstakademie trug, die Capri-Batterie von 1985 sowie das aus fünf Filmspulen gefügte Objekt „Das Schweigen“ von 1973. Hier weiterlesen: Weltkunst in Münster - was sind die Skulptur Projekte?

Kein Interesse in Osnabrück

Manfred und Ingrid Rotert haben ihre ersten Beuys-Objekte ab 1971 vor allem bei den Editionen von Klaus Staeck in Heidelberg und Rene Block in Berlin erworben. Joseph Beuys selbst sind sie bei ihrer jahrelangen Sammeltätigkeit niemals persönlich begegnet. „Wir hatten nie den Ehrgeiz, alles von Beuys zu besitzen, wussten aber bei unserem ersten Kauf: Das ist es“, erläutert Manfred Rotert, der als Mineralölkaufmann in Mannheim und in Weil am Rhein tätig war und sich mit seiner Frau schnell für die um Fragen alternativen Wirtschaftens und Naturschutz kreisende Ideenwelt von Beuys begeisterte. Manfred und Ingrid Rotert kehrten später in ihre Heimatstadt Osnabrück zurück. Die zeigte an der Beuys-Kollektion offenbar wenig Interesse. André Lindhorst, früherer Leiter der Kunsthalle Osnabrück, bekam einige Stücke aus der Kollektion zu sehen, winkte aber ab. „Er konnte mit Beuys nichts anfangen“, erzählt Sammler Rotert. Hier weiterlesen: Weltkunst in Kassel - was ist die Documenta?

Beuys und die soziale Plastik

Die Münsteraner Kuratorin Wagner, die gemeinsam mit Kasper König und Britta Peters die letzte Ausgabe der Skulptur Projekte von 2017 verantwortet hat, schätzt den Neuzugang aus der Nachbarstadt dafür umso höher ein. Das LWL Museum verfüge bereits über einige Stücke von Joseph Beuys. Dieser Bestand werde nun durch die Schenkung bedeutend erweitert. Die in Auflage hergestellten Objekte stehen nach der Erläuterung von Marianne Wagner beispielhaft für den erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys. Der Künstler habe die Objekte eingesetzt, um seine künstlerischen Ideen auch in einem großen Publikum zirkulieren zu lassen. „Diese Werke und ihre Ideen gehören zum Gesamtgebäude von Beuys´ Idee der sozialen Plastik“, ordnet Wagner die Stücke der Osnabrücker Sammlung in den großen Kontext der Idee einer zur sozialen Arbeit erweiterten Kunst ein. Joseph Beuys hat mit seinem Konzept der sozialen Plastik den Kunstbegriff revolutionär erweitert und zeitgenössische Kunst für ein Millionenpublikum populär gemacht. Als einer der weltweit wichtigsten Aktions- und Objektkünstler prägte Joseph Beuys auch die Geschichte der Kasseler Documenta. Hier weiterlesen: Die Magie des Joseph Beuys - Ausstellung auf Schloss Moyland.

Ausstellung und Vortragsreihe

Die Beuys-Kollektion soll vom 29. November 2018 bis zum 29. September 2019 im LWL Museum präsentiert werden. Die Kuratoren haben mit dem Lichthof des Altbaus ihres Hauses für die Ausstellung einen beziehungsreichen Ort ausgewählt. Im Lichthof präsentierte Joseph Beuys 1977 seine mehrteilige Skulptur „Unschlitt/Tallow“ aus Talg und Wachs als Beitrag zur ersten Ausgabe der inzwischen weltberühmten Ausstellungsreihe „Skulptur Projekte“. Diese Objekte befinden sich seit Jahren im Hamburger Bahnhof, dem Berliner Museum für zeitgenössische Kunst. Eine Vortrags- und Diskussionsreihe mit dem Titel „Beuys sammeln“ soll die Ausstellung begleiten. Hier weiterlesen: Klassikerin der Fluxus-Kunst - Yoko Ono wird 85.


Was ist ein Multiple?

Der Begriff Multiple bezeichnet in der Kunstwelt ein mehrfach hergestelltes, meist kleineres Kunstobjekt. Der Begriff kommt in den sechziger Jahren in Mode, als Aktions- und Objektkünstler den Kunstbegriff erweitern und die Kunst demokratisieren wollen. Bei Multiples handelt es sich meist um kleine Objekte aus unterschiedlichen Materialien wie Holz, Metall oder Kunststoff, die in Auflagen von einigen wenigen bis hin zu mehreren tausend Exemplaren hergestellt und über Galerien oder Editionen vertrieben werden. Joseph Beuys (1921-1986) gehört zu jenen Künstlern, die sich der Idee des Multiples intensiv widmen. Das Werkverzeichnis der Multiples von Beuys listet rund 500 verschiedene Werke auf. Beuys produziert seine Multiples ab 1965. Zu den besonders wichtigen Objekten, die in Auflagen mehrfach produziert werden, gehört der berühmte graue Filzanzug, den Beuys auch bei Aktionen getragen hat, und die Capri-Batterie, ein Objekt aus einer Zitrone und einer gelben Glühbirne. Beuys fertigte Multiples in sehr unterschiedlicher Form. Zu seinen Objekten gehörten Holzpostkarten, bedruckte Zeitungsseiten oder die grüne Violine, die Beuys auch bei einer Aktion einsetzte. Wie andere Künstler verfolgte auch Beuys mit den Multiples das Ziel, Kunst zu demokratisieren und seine künstlerischen Ideen zu möglichst vielen Menschen zu bringen. Beuys verstand Multiples als Botschafter seiner künstlerischen Ideen und als Praxis einer Arbeit am Projekt der „sozialen Plastik“, unter der Joseph Beuys die ganze Gesellschaft verstand. lü

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