Serie „Magische Museen" Geschichte der Migration: Das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven

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In der „Galerie der 7 Millionen“, einer Bibliothek mit Ausstellungs- und Erinnerungsstücken, gehen Besucher im Auswandererhaus Bremerhaven auf Tuchfühlung mit den Schicksalen der Emigranten. Foto: dpa/Ingo WagnerIn der „Galerie der 7 Millionen“, einer Bibliothek mit Ausstellungs- und Erinnerungsstücken, gehen Besucher im Auswandererhaus Bremerhaven auf Tuchfühlung mit den Schicksalen der Emigranten. Foto: dpa/Ingo Wagner

Bremerhaven. Sie sind die besonderen Orte der Kunst – magische Museen. In unserer Serie stellen wir diese stillen Stars unter den Ausstellungshäusern vor. Heute: das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven.

Einfache Holzbänke, in die Jahre gekommene Wandverkleidung und ein Kachelofen, der wenig Charme versprüht – so werden Besucher im Auswandererhaus Bremerhaven begrüßt. Genauer gesagt in der Wartehalle der 3. Klasse der Norddeutschen Lloyd, die einen Vorgeschmack auf den abwechslungsreichen Rundgang am Rande der Weser verspricht.

Eine nachgebaute Kaje im Deutschen Auswandererhaus zeigt wartende Passagiere vor der Hafenkante. Foto: dpa/Michael Bahlo

Eine schmale Treppe führt anschließend an den Hafen, wo sich Besucher an der Kaje wiederfinden und auf die riesige schwarze Schiffswand der Lahn blicken. Eine Gruppe von Personen wartet in historischer Kleidung und Koffern vor dem Steg, während im Hintergrund das Horn des Schiffes auf sich aufmerksam macht. (Lesen Sie auch: Kunsthalle Emden – Kunstgenuss mit Bootsanleger)

Die „Galerie der 7 Millionen“

Nur wenige Meter weiter führt der Rundgang Besucher in die „Galerie der 7 Millionen“, eine Bibliothek mit Ausstellungs- und Erinnerungsstücken, Zeitungsberichten und Bildern. Hunderte Schubladen an den Wänden bieten Einblicke in die Schicksale der Auswanderer. Eine Zeitreise, die zum Beispiel mit Erich Koch-Weser, einem 1875 in Bremerhaven geborenen Juristen und Politiker, beginnt, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1933 mit seiner Familie über Bremerhaven nach Brasilien floh. Kein Einzelfall, wie die Museumsgalerie zeigt.

Mit Hörer am Ohr erfahren Besucher in der „Galerie der 7 Millionen" Hintergründe zu einzelnen Schicksalen der Emigranten. Foto: dpa/Ingo Wagner

Über eine schmale Treppe, an der zuvor gesehenen Schiffswand, geht es anschließend ins Innere der Lahn, wo Besucher auf Tuchfühlung mit den Reisenden an Deck gehen. In den engen Schlaf- und Waschräumen wird die Überfahrt zur realen Zeitreise. Der Blick durchs Bullauge verrät, wo sich die Passagiere befinden, ehe mit der Ankunft in New York die eigentliche Tortur beginnt.

Ankunft in der neuen Heimat

Vor den Toren der Metropole, genauer gesagt auf Ellis Island, werden die Passagiere in Empfang genommen. Nach einer aufwendigen Gesundheitskontrolle müssen die Reisenden im Wartebereich Platz nehmen, der wie eine Art Gefängnis wirkt. Anschließend geht es zur Einlasskontrolle, bei der ein Computer-Terminal die Arbeit der Inspektoren simuliert. „Können Sie lesen und schreiben?, Waren Sie jemals im Gefängnis oder haben Sie von staatlicher Unterstützung gelebt?“ sind nur einige der 28 Fragen, die Einreisende zu Beginn des 20. Jahrhunderts beantworten mussten. „New York ist die Stadt, an die alle denken, wenn es um Freiheit geht und die auch heute noch ein Symbol der Einwanderung ist“, erklärt Direktorin Simone Eick die Bedeutung New Yorks.

Erschreckend real wirkt der nachgebaute Ankunftsbereich Ellis Island vor den Toren New Yorks. Foto: dpa/Ingo Wagner

Dass die Hafenstadt mehr zu bieten hat als die schnöde Wartehalle auf Ellis Island, zeigt sich im letzten Raum der Ausstellung, dem zentralen Bahnhof der Millionen-Metropole. Über eine Empore gelangen Besucher in die riesige Bahnhofshalle mit Wartebänken und Vitrinen. Bilder und Dokumente vergangener Tage erzählen die Geschichten der Auswanderer weiter: Nach seiner Ankunft in Brasilien kaufte Koch-Weser für 6000 Reichsmark eine 300 Hektar große Kaffeeplantage, ehe er Anfang der 40er-Jahre mehrere Werke über die Vergangenheit und die Zukunft Deutschlands verfasste. 1944 verstarb der damals 69-Jährige in der Gemeinde Rolandia im Bundesstaat Parana. (Lesen Sie auch: Wohnhaus als Ort der Kunst: Emil Noldes Seebüll)


Central-Station, der zentrale Bahnhof in New York, war für Millionen Einreisende wichtige Durchgangsstation auf ihrer Weiterreise. Foto: André Pottebaum

Interaktiver Rundgang

Ein besonderes Highlight bietet der Rundgang bereits an der Kasse, mit der Ausgabe einer individuellen Bordkarte, über die Besucher an Computer-Terminals Informationen abrufen können. Mit der Aufforderung „Begleiten Sie Ihren Auswanderer“ werden Gäste dabei zum Zeitzeugen, der einen der Emigranten beim Abschied am Hafen, der Überfahrt und der Ankunft in der neuen Heimat begleitet und so interaktiv durch die Geschichte der Ein- und Auswanderung seit dem 17. Jahrhundert geführt wird.

Eröffnet wurde das Museum 2005. Schon das Bauwerk aus Sichtbeton und Holzvertäfelung am Neuen Hafen bietet eine imposante Kulisse. Die aufragenden Schwingen des Gebäudes, die wie eine Geste des Abschieds wirken, werden zum Sinnbild der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen. (Lesen Sie auch: Lübecker Hansemuseum gräbt 400 Jahre Geschichte aus)

Mit den aufragenden Schwingen erinnert das Auswandererhaus Bremerhaven an eine Abschiedsszene am Hafen. Foto: André Pottebaum

Erweiterung 2012

Seit 2012 verfügt das Bremerhavener Museum zudem über einen Rundgang zur Einwanderungsgeschichte, der über eine Brücke mit der bereits bestehenden Ausstellung verbunden wurde. Der Erweiterungsbereich zeigt das Leben in der Bundesrepublik in den frühen 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts. „Aus jedem Auswanderer wird irgendwann ein Einwanderer“, erklärt Eick die Erweiterung. In einer Einkaufspassage, die unter anderem aus Kiosk, Frisörsalon und Kaufhaus besteht, werden Fragen zur Heimat oder zum Leben als Einwanderer in der BRD beantwortet und ermöglichen den Besuchern einen gelungenen Rückblick auf die Ursprünge der Migration in Deutschland.


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