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Marksteine auf dem Feld der Erinnerung

Haben vor zweitausend Jahren in Kalkriese doch keine ganz normalen Menschen gegeneinander gekämpft, sondern germanische Riesen gegen römische Titanen? Was da im Park von Schloss Ippenburg unter einem Baum liegt, wirkt jedenfalls wie das gigantische Überformat eines Kriegerhelms. Rostig, schartig, halb in den Boden eingesunken, ruht das Riesending dort wie ein vergessener Archäologenfund aus sehr fernen Zeiten. Wie aus weiter Ferne dringt auch Lärm aus diesem Ungetüm von einem Helm: Schreie, Pferdegetrappel, Kampfrufe, Waffenklirren und dazwischen irres Gelächter. Wer hier für einen Moment Zeit und Ort vergisst, der hat es – das Gefühl, in entlegene Vergangenheit hinabhorchen zu können.

„Sunk“ nennt Slava Nakovska ihr Objekt mit integrierter Klanginstallation. Helm, Krieg, Fundstück, Historie: All diese Assoziationen verdanken sich künstlerischer Idee und Regie. Nakovskas Werk gehört zu „Colossal“, dem Kunstprojekt zum Jahr der Varusschlacht. 20 internationale Künstlerinnen und Künstler haben insgesamt 27 durchgehend im Außenraum platzierte Objekte und Installationen beigetragen. Mit dem Park des Varusschlachtmuseums in Kalkriese, dem Park von Schloss Ippenburg bei Bad Essen sowie dem Stadtgebiet Osnabrück hat die Schau ihre Schwerpunkte, an denen jeweils mehrere Beiträge zu sehen sind. Orte von „Colossal“ sind aber auch Bauernhöfe zwischen Bramsche und Bad Essen oder das „Wabe-Zentrum“ der Fachhochschule Osnabrück in Wallenhorst, wo Yue Minjun die lebensgroße Figur eines lachenden Chinesen aufgestellt hat, der „3009 N. CHR.“, so der Titel, mit dem Metalldetektor keine römischen Funde mehr aufspürt, sondern einen alten Traktor, der mit Kühlerhaube und Fahrersitz aus der Ackererde hervorragt.

Wer zu den Arbeiten von Minjun und Nakovska noch „Pacto de Madrid“ von Fernando Sánchez Castillo hinzunimmt, hat einen grundsätzlichen Zugangsweg der Künstler zum Thema der Varusschlacht bereits erkannt: Künstler umkreisen Geschichte als einen Komplex aus Themen und Assoziationen, der uns aus dem Boden wie aus dem Untergrund lang verdrängter Erinnerung regelrecht entgegenkommt. Ist Vergangenheit erst einmal freigelegt, offenbart sie ihre verquere Fremdheit, aber auch die Relativität von Macht und Würde, Prominenz und Ruhm. Castillo hat im Kalkrieser Museumspark einen Krater ausgehoben und dort Cäsaren- und Pferdekopf nebst Imperatorenstab so eingefügt, als liege unter der Grasnarbe der ganze erhabene Rest des kolossalen Reiterdenkmals.

So viel Ironie schafft Distanz – auch zum lastenden Deutungsanspruch, den Geschichte immer wieder für die Gegenwart erhebt. Als Intervention in ein archäologisches Gelände, umgebende Landschaft und einen Stadtraum darf Kunst hingegen ihren Anspruch nicht auf solche Wirkungen begrenzen. Als Kunst im öffentlichen Raum (siehe nebenstehenden Hintergrundbericht) steht das Projekt „Colossal“ unter Erwartungsdruck. Just zum Jahr der Varusschlacht soll es, wenn schon nicht Sinnstiftung organisieren, so doch Fragen kanalisieren und Erfahrungen anleiten helfen, die Diskussion über Ereignis und Mythos der Varusschlacht mit Kunstwerken als regelrechten Stolpersteinen neu in Gang bringen.

Kurator Jan Hoet, als ehemaliger Documenta-Leiter und Chef des Herforder Museums „Marta“ fast wie ein kulturpolitischer Heilsbringer in die Region geholt, löst jeden vertretbaren Anspruch ein. „Colossal“ ist gelungen – als künstlerisches Großereignis wie als Wegmarke einer thematisch zentrierten Debatte. Hoets größtes Verdienst – wie das der Künstlerinnen und Künstler – liegt darin, mit den Kunstprojekten eine ganze Landschaft neu kartiert und so in veränderter Weise lesbar gemacht zu haben. „Colossal“ ist kolossal, weil es die im Boden verborgene Geschichte regelrecht nach oben holt und für alle sichtbar macht. Auf diese Weise entsteht keine simple Nach- oder Neuerzählung, sondern ein Netz aus neuen Topografien, die miteinander einen ganz eigenen Dialog beginnen. Das im widerständigen Sinn der Bilder sprechende Idiom der Kunst verhält sich kontrovers zu den einfachen Wahrheiten, die manche Geschichtserzählung suggerieren möchte. Das macht einen unersetzbaren Wert aus, den der ebenso qualitätsbewusst wie sensibel inszenierende Jan Hoet zu voller Entfaltung führt.

Natürlich hat eine so weit ausgreifende Schau auch ihre kleinen Durchhänger. Was lehrt uns Hans Lemmens „Golden Boy“, der als riesiger Schattenmann über Baumstämme im Kalkrieser Park geistert? Und welch kruder Sinn explodiert in dem in Ostercappeln aufgestellten Container, in dem Bazon Brock mit einer Installation aus Germanenfell und Führerbunker Arminius und Stauffenberg miteinder in gewagte Allianz zwingt? Das macht wenig aus angesichts der in Fülle gebotenen Highlights. Zu denen gehört Susanne Tunns großer Stein „The Key“, der nun vor dem Eingang des Kalkrieser Terrains mit seiner Sperrigkeit wie mit seiner sensiblen Balance Geschichte als im Kunstwerk gespeicherte Zeit sinnlich erfahrbar macht. Dazu gehört gleichfalls Massimo Bartolini, dessen „Floating Floor“ als im Ippenburger Gewässer treibender Mosaikboden uns geradezu schmerzlich die Brüchigkeit von Zivilisation und Erinnerung lehrt. Oder die beiden Wachtürme, die Pedro Cabrita Reis („The Enemies“) wie zwei verschlossene Schweiger in die Landschaft stellt – Feindschaft als Resultat ausbleibender Kommunikation.

Solche und andere Werke wie die nun auch nach unerquicklichem Streit glücklich in Osnabrück angekommene „Abu Ghraib“-Plastik von Wilfried Hagebölling machen „Colossal“ zu dem, was es ist: ein Kunstprojekt der ganz großen Dimension, das nicht nur jetzt angeschaut, sondern über Jahre hinweg immer wieder erfahren und diskutiert sein will. Jan Hoets Ankündigung, für eine Erweiterung von „Colossal“ streiten zu wollen, ist deshalb mehr als ein hohles Versprechen. Dieser Gedanke macht beizeiten klar, dass dieses Kunstprojekt eines gewiss sein wird: ein Phänomen der sehr langen Dauer.


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