Woher rührt Madonnas Erfolg? Madonna, die Queen of Pop wird 60 Jahre alt: Sex trifft Religion

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Who‘s that girl? Bei Madonna ist es schwierig, eine Grenze zwischen Privatperson und Kunstfigur auszumachen. Foto: Jan Woitas/dpaWho‘s that girl? Bei Madonna ist es schwierig, eine Grenze zwischen Privatperson und Kunstfigur auszumachen. Foto: Jan Woitas/dpa

Osnabrück. Madonna weiß immer, was sie will, und das seit über drei Jahrzehnten. Deshalb ist sie auch an ihrem 60. Geburtstag noch ganz oben.

Der Aufschlag ist hart und kompromisslos, 16 Takte, die schnurgerade nach vorn treiben. Hui, das ist kein Pop-Chichi, sondern funkelnder Rock; Bass und Schlagzeug spielen mit lässigem Wumms, was nötig ist, ein bisschen Rhythmus füllt den Raum dazwischen. Nach acht Takten kommen Synthi-Akkorde dazu, mehr als Andeutung, denn als konkrete Idee; nichts, was ablenkt vom kernigen Drive. Die Botschaft des Songs: Liebe Jungs, ihr seid okay, aber in Wirklichkeit suche ich Männer, die sich mein Leben als „Material Girl“ leisten können. Weiterlesen: Keine Material , sondern Riot Girls: Pussy Riot

Dichtung oder Wahrheit? Keine Ahnung. Schon bei der jungen Madonna liegt im Vexierspiel aus Inszenierung und echtem Leben das Geheimnis ihrer Authentizität: Madonna ist zur Popgöttin aufgestiegen, weil sie sich in einer Zielstrebigkeit wie vor ihr nur David Bowie immer wieder neu erfunden hat. In den letzten Jahren hat sie diesen Innovationsdrang allerdings zur lauen Modifikation heruntergedimmt; aber im Herbst soll ja das neue Album herauskommen. Wird sich die Frau, die an diesem Donnerstag unglaubliche 60 Jahre alt wird, da endlich wieder neu erfinden?

Nimm dir, was du willst

Fest steht: Madonna folgt keinen Beliebigkeiten. Im Frühjahr 1984 hat Madonna in den Power Station Studios in Manhatten das Album „Like A Virgin“ aufgenommen, und Jimmy Bralower, der Drummer mit dem lässigen Wumms, sagt, die Verantwortlichen von Warner Brothers wären ziemlich nervös gewesen. „Die Leute fürchteten sich zu Tode, fürchteten sich vor Veränderungen.“ Sie wollten lieber das erste Album weiterführen. „Material Girl“ nimmt sich da aus wie eine Kampfansage: Keiner bringt mich von meinen Weg ab, lautet Madonnas Botschaft an die Plattenbosse. Und ihren – zumeist weiblichen – Fans ruft sie zu: Nimm dir, was du willst, Liebe, Sex, Geld. Sei du selbst.

Marilyn Monroe oder Cindy Sherman?

Für dieses Prinzip arbeitet Madonna hart. Wie das ist, beschreibt Rick Nowels. Zwei Wochen lang trifft sie den Produzenten und Komponisten in dessen Studio in Hollywood Hills, um das Album „Ray of Light“ vorzubereiten. Sie sei „jeden Tag um drei Uhr nachmittags vorgefahren“, sagt Nowels, „ist reingekommen, hat sich ein paar Minuten lang mit mir unterhalten, und dann haben wir uns an die Arbeit gemacht.“ Um sieben Uhr abends fuhr Madonna nach Hause zur Tochter Lourdes, die damals ein halbes Jahr alt war. Produziert hat sie das Album dann mit dem britischen Elektro-Fachmann William Orbit, und herausgekommen ist eines ihrer musikalisch spannendsten Alben.

Ähnlich akribisch bereitet Madonna ihre Shows vor; Nichts geschieht ohne sie; jedes Detail wird akribisch erarbeitet. Und das Gleiche gilt für ihrer Kunstfigur. Weiterlesen: Madonna wird 60 – das waren ihre bislang skurrilsten Outfits 

Madonnas Idol Marilyn Monroe ist da eine zentrale, aber eben nicht die einzige Figur. Auf dem Rückcover zu „Like a Virgin“ sitzt sie, mit zerzausten Haaren und nur mit einem dunklen Negligé bekleidet, auf einem Bett, als hätte Schockkünstlerin Cindy Sherman das Bild gestaltet. Das nächste Album, „True Blue“ – das Album, das Madonnas endgültigen Durchbruch markiert – zeigt sie hingegen mit platinblonden Haaren, den Kopf angehoben, die Augen geschlossen und mit roten Lippen: Die Sherman-Figur ist zur ernsthaften Frau gereift. Auf „Ray of Light“ schließlich sieht sie mit ihren vom Wind zerzausten rötlichen Locken aus, als hätte Renaissance-Meister Sandro Botticelli seiner Venus einen blauen Seidenblazer übergezogen. Weiterlesen: Auch Lady Gaga ist eine Popdiva mit Bezügen zur Kunstwelt

So wandelbar ihr Erscheinungsbild aber ist, so sehr achtet Madonna darauf. „Ich bin eine Frau, die lieber ohne Kleider geht als mit Kleidern ohne Stil“, hat sie einmal gesagt. Ein raffinierter Kompromiss war da die Corsage von Jean Paul Gaultier, die sie Anfang der Neunziger bei einer Modeschau in Los Angeles vorführte: Sie lief da mit nackten Brüsten über den Steg. Überhaupt setzt kein Weltstar vor ihr so offensiv nackte Haut ein: Das Album „Erotica“ handelt von Fetisch-Sex, und als flankierende Werbemaßnahme erschien der Bildband „SEX“, in dem sich Madonna nackt und in recht eindeutig erotischen Posen präsentierte.

Überhaupt zieht sich Sex durch Madonnas Leben. Wo aber endet die Kunstfigur und beginnt Madonna Ciccone, wie sie bürgerlich heißt? In jedem Fall liegt auf der Ciccone-Seite dieser Figur ein gewaltiger Monolith, den auch die Kunstfigur mit sich trägt: der Katholizismus.

US-Popstar Madonna bei einem Auftritt in Santiago de Chile im Jahr 2012. Foto: Felipe Trueba/EFE /dpa

Madonna Ciccone kommt am 16. August 1958 als Nachfahrin italienischer Einwanderer zur Welt; da liegt der katholische Glaube mit in der Wiege. Der frühe Tod der Mutter treibt Madonna an: Sie wird Tänzerin, um den Tod zu überwinden, und Weltruhm heißt der Zaubertrank für die Unsterblichkeit.

Wie ihr Idol Marilyn Monroe würde sie am liebsten eine Karriere als Schauspielerin hinlegen. Doch der Erfolg bleibt überschaubar; auf wohlwollende Kritiken für ihre Darstellung einer kleinkriminellen Göre in „Susan… verzweifelt gesucht“ und für die Konzertdoku „In Bed with Madonna“ folgten Häme und fünf Goldene Himbeeren; keine Darstellerin hat diesen Negativpreis für die schlechteste Leistung öfter erhalten. Und doch schafft sie mit ihrer Darstellung der Eva Perón in der Verfilmung von „Evita“ ein neues Image von sich.

Boykott? Vergeblich.

Das probate Mittel, um Ruhm zu erlangen, bleibt aber die Provokation. Und was eignet sich dazu besser als die Kombination aus Sex und Religion? Ihre Entjungferung hat Madonna einmal als „Schritt auf der Karriereleiter“ bezeichnet; auf der „Confessions“-Tour hängt sie zu „Live To Tell“ am Kreuz, eine Dornenkrone auf dem Kopf. Sogar die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann rief damals zum Boykott auf, vergeblich. Weiterlesen: Auf der MDNA-Tour in Berlin gibt sich Madonna recht brav.

So platt derartige Provokationen sein mögen, so vehe-ment setzt sich Madonna aber für die Selbstbestimmtheit von Frauen ein. „Papa Don’t Preach“ wird eine Hymne für Frauen, die als halbe Kinder schwanger werden. Sie singt von Selbstbestimmtheit, sie hält, auch wenn die Ehen mit Sean Penn und Guy Ritchie in die Brüche gingen, die Familie und ihre Kinder hoch. Vielleicht ist das tatsächlich Madonna Ciccone. Die Spannbreite der Kunstfigur hingegen, die präsentiert sie ganz am Anfang ihrer Karriere im Video zu „Like a Virgin“. Da tanzt sie im Brautkleid durch ein Rokoko-Boudoir und im engen Dress auf einer Gondel durch Venedig: hier die Heilige, da die Hure, und am Ende hat sie einen Löwen gezähmt. So enden bei Madonna Männerträume.


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