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Gus Van Sants "Don't worry" Joaquin Phoenix im Rollstuhl: Spott auf Augenhöhe

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Tolles Schauspiel: Joaquin Phoenix in Gus Van Sants "Don't worry, weglaufen geht nicht". Foto: Scott Patrick Green/AmazonTolles Schauspiel: Joaquin Phoenix in Gus Van Sants "Don't worry, weglaufen geht nicht". Foto: Scott Patrick Green/Amazon

Berlin. John Callahan soff sich in den Rollstuhl und wurde Cartoonist. Gus Van Sants "Don't worry, weglaufen geht nicht".

Joaquin Phoenix im Rollstuhl: In Gus Van Sants "Don't worry, weglaufen geht nicht" (Filmstart am 16. August) erzählt die Geschichte des umstrittenen Cartoonisten John Callahan.




Wer war John Callahan?

Mit 21 Jahren steigt John Callahan (1951-2010) volltrunken in das Auto eines Besoffenen. Es kommt zum Unfall; Callahan ist seitdem querschnittgelähmt. Ein Grund mehr zum Trinken. Es braucht eine ganze Weile, bis er begreift: Nicht die Behinderung ist sein Handicap – sondern der Alkoholismus, der ihn überhaupt erst zum Behinderten gemacht hat. Was ihm hilft, sind die Anonymen Alkoholiker, die über alles lachen, was er als Grund seiner Sucht auflistet: mangelnde Mutterliebe. Seine Außenseiter-Rolle in der Adoptiv-Familie. Der Rollstuhl. Der Spott wird Johns Therapie gegen das lähmende Selbstmitleid – und sein Beruf: Obwohl er einen Stift nur unter Zuhilfenahme beider Hände führen kann, wird John Callahan zum umstrittensten Cartoonisten seiner Heimatstadt Portland.  (Wie lief es auf der Berlinale? Die Deutschland-Premiere von "Don't worry, weglaufen geht nicht")

Witze über Lesben, Schwarze und Jesus

Nicht nur sein Strich ist grob, sein Humor ist es auch: „Endlich Freitag“ schreibt er zum Beispiel über den Gekreuzigten. Einen Bettler lässt er mit einer Stevie-Wonder-Pointe um Geld schnorren: „Bin schwarz und blind, kann aber nicht singen.“ Auch der Filmtitel – zugleich der von Callahans Memoiren – stammt aus einem Cartoon: „Keine Sorge, zu Fuß kommt er nicht weit“, sagt ein Sheriff, der im Wüstensand nicht das tote Pferd des Schurken entdeckt, sondern seinen umgekippten Rollstuhl. (Der deutsche Verleihtitel verdirbt den Gag leider.)

Mit Witzen über Behinderte, Schwarze, Schwule und Lesben schafft Callahan sich Fans und Feinde gleichermaßen. An einem besonders sensiblen Cartoon ( „Achtung, Baustelle wird von freilaufenden Lesben bewacht!“) spielt der Film exemplarisch durch, wie unterschiedlich die Lesarten gewagter Gags sein können – in diesem Fall reichen sie grober Frauenfeindlichkeit bis hin zur Entlarvung von Homophobie. Die Filmbiografie ist damit nicht nur das Porträt einer Selbstrettung aus der Verzweiflung. Er ist auch ein Plädoyer für den offensiven Humor, mit dem Callahan die eigenen Empfindlichkeiten genauso verlacht wie die der ganzen Gesellschaft. Spott auf Augenhöhe ist sein Gegenmittel gegen die herablassende Bemutterung jedweder Randgruppen. (Meisterwerk mit Joaquin Phoenix: Kennen Sie "A Beautiful Day"?)

Drum herumreden hilft auch nicht 

Dass „Don’t Worry, weglaufen geht nicht“ dabei selbst sehr komisch ist – auch, aber nicht nur in den zum Teil animierten Cartoons – , kann seine Glaubwürdigkeit nur stärken. Denn hier geht’s regelmäßig ans Eingemachte: Die Erbärmlichkeit der Sucht schildert Van Sant genauso offen wie die Frage nach der Erektionsfähigkeit von Gelähmten. In einer der besten Szenen kippt Callahan vor einer Gruppe Skater-Kids aus dem Rollstuhl – die ihm fröhlich helfen, aber auch keinen Hehl aus ihrem Ekel vor dem auslaufenden Urin-Beutel machen. Es hilft ja nicht, drum herum zu reden - dieses Ethos prägt den ganzen Film.

Zum ersten Mal seit „To Die For“ (1995) hat Van Sant wieder mit Joaquin Phoenix gedreht, der als Hauptdarsteller eine rücksichtslose Liebe zum Leben verkörpert: Um die Figur zu verstehen, muss man nur sehen, wie sein Callahan im E-Rolli so halsbrecherisch rast, dass es ihn an jedem Kantstein durchschüttelt. Der Komiker Jonah Hill spielt eine wunderbare Nebenrolle als Donnie, Callahans AA-Mentor, der seine Schützlinge mit einer großartigen Mischung aus Menschenliebe und Erschöpfung begleitet. Die Musikerin Beth Ditto hat als Alkoholikerin ein überzeugendes Schauspiel-Debüt.

Robin Williams wollte die Rolle spielen

Etwas merkwürdig ist die Entscheidung, die nicht-chronologisch erzählte Geschichte, mit einer Rede Callahans zu rahmen: Seine Lebensbeichte wird dabei zur Predigt, der alle Weggefährten ergriffen lauschen. Der Schlenker ins Gefühlige ist womöglich eine Reaktion auf eine lange Produktionsgeschichte, in der – so der Regisseur im Presseheft – der Stoff immer wieder abgelehnt wurde. Van Sant kommt wie Callahan aus Portland; beide kannten sich schon am Beginn ihrer Karriere, und die Idee zum Film ist 20 Jahre alt. Anfangs hatte übrigens Robin Williams die Rechte erworben, um die Hauptrolle selbst zu spielen. Nicht nur er hat die Premiere nun nicht mehr erlebt. Vor acht Jahren starb auch John Callahan im Alter von 59 Jahren an den Folgen einer Operation.

"Don't worry, weglaufen geht nicht". USA 2018. R: Gus Van Sant. D: Joaquin Phoenix, Jonah Hill, Rooney Mara, Udo Kier, Beth Ditto. 115 Minuten.


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