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12.08.2018, 12:00 Uhr KOLUMNE

Tanz den Partisanen

Von Maik Nolte

Party-san statt Partisan: Die Antifa-Hymne „Bella Ciao“ ist zum Pop-Hit mutiert. Foto: dpa/Martin SchuttParty-san statt Partisan: Die Antifa-Hymne „Bella Ciao“ ist zum Pop-Hit mutiert. Foto: dpa/Martin Schutt

Osnabrück. In unserer wöchentlichen Kolumne „Silberblick“ berichtet die Kulturredaktion über mehr oder weniger skurrile Beobachtungen aus Alltag und dem Kulturleben. In dieser Woche geht es um politisches Liedgut und die Frage, ob ein Sommerhit wehtun kann.

Als ich vor ein paar Jahren an meinem damaligen Wohnort ab und zu Demonstrationen der örtlichen Antifa-Gruppe mitbekommen habe, liefen diese eigentlich immer gleich ab. Zentrale und nicht verhandelbare Grundregel: Gefühlt einmal pro Viertelstunde musste „Bella Ciao“ aus der per Bollerwagen mitgeführten Musikanlage donnern. Nun frage ich mich, wie sehr es diese Aktivisten wohl schmerzt, dass die altehrwürdige Partisanenhymne in ihrer neu abgemischten Form zum profanen Pop-Hit mutiert ist, zu dem das Partyvolk lieber abtanzt als mitmarschiert. Schon irgendwie blöd: Da will man die Weltrevolution starten und bekommt dann auf der Straße zu hören: „Ey! Cool! Das ist doch dieser Netflix-Song!“ Party-san statt Partisan; Groove versus Guerilla: 1:0.

Andererseits: So lässt sich am Ende vielleicht mehr Aufmerksamkeit generieren. Denn seien wir ehrlich: Eine regelrechte, nun ja, Breitenwirkung hatten diese Protestveranstaltungen nie; Rückmeldungen aus dem werktätigen Volk beschränkten sich in der Regel auf ein dahingebelltes: „Geht arbeiten!“ Was, wenn nun plötzlich die halbe Innenstadt mitsänge? Freilich ohne zu wissen, worum genau es dabei eigentlich geht, aber das wusste ja auch schon früher kaum einer.

Überhaupt: Lasst uns der Politikverdrossenheit musikalisch entgegentreten! Für die SPD läge darin Hoffnung: Wenn die Partei es schon nicht schafft, mit Inhalten aus dem tiefen Umfrageloch herauszuklettern, dann ließe sich immer noch „Wenn wir schreiten Seit an Seit“ in einer Dancefloor-Remix-Version herausbringen. Die CSU müsste sich allerdings etwas anderes ausdenken – mit Blasmusik funktioniert das nicht.


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