Stück über Ersten Weltkrieg in Afrika Ruhrtriennale 2018: Erfolg für William Kentridge und Stefanie Carp

Von Ralf Döring


Duisburg. Die politischen Querelen im Vorfeld spielen keine Rolle: Mit einer wuchtigen Produktion von William Kentridge feiert die Ruhrtriennale 2018 eine gelungene Eröffnung.

Es ist die pure Überwältigung. Auf der endlos breiten Bühne in die Kraftzentrale des Landschaftsparks Nord in Duisburg fährt William Kentridge so ziemlich alles auf, was man mit Augen und Ohren erfassen kann: Performance, Oper, Tanz, Schauspiel, ein Salonorchester. Trotzdem ist die Bühne von Sabine Theunissen so aufgeräumt, dass Platz bleibt für Leitern, ein riesiges Megaphon, Zimmer, die sich wie Schachteln auf und zu klappen lassen, die Kentridge-typischen Requisiten eben. Vor allem aber wird die Bühnenrückwand zur Projektionsfläche für Texte, Zeichnungen, Scherenschnitte, Schattenspiele: Zur Eröffnung der Ruhrtriennale 2018 darf der südafrikanische Universalkünstler alle seine Talente auf einmal auf der Bühne entfalten. Weiterlesen: Carps Vorgänger Johan Simons verabschiedet sich von der Ruhrtriennale

Thema der Ruhrtriennale: Migration

Migration hat Intendantin Stefanie Carp als Thema gesetzt, und die Eröffnung widmet sich einem vernachlässigten Aspekt in diesem großen Tableau: Kolonialismus und die Folgen. Darum dreht sich der Eröffnungsvortrag der indischen Philosophin Nikita Dhawan, und darum geht es auch in „The Head and the Load“, einem Teamwork von Kentridge mit Künstlern aus Afrika, Europa und Amerika. Er greift dabei wiederum einen Aspekt heraus, über den der Westen lieber schweigt als diskutiert: Der Erste Weltkrieg in Afrika. Weiterlesen: Eröffnung der Ruhrtriennale 2017 mit „Pelléas et Mélisande“

Diesen Krieg haben die Europäer brutal auf dem Rücken der einheimischen Bevölkerung ausgetragen. Darauf spielt der Titel an, den Kentridge einem Sprichwort aus Ghana entnommen hat: „The head and the load are a trouble for the neck“ / „Des Nackens Leid sind Kopf und Last“ heißt es da. Wie die Last aussieht, erzählt ein Schauspieler im bunten Anzug (Mncedisi Shabangu): Ein zynisches Weltbild degradiert die Einheimischen in den Kolonien zu einer mathematischen Größe und ihren Tod zu einem Registereintrag. „Advanced Arithmetics“ nennt Kentridge das.

Unterschiede werden zur Kraftquelle

Leiteten nun die Kolonialherren aus kulturellen Unterschieden ihre Vormachtstellung ab, münzt Kentridge sie zur Kraftquelle um. Das symbolisiert die Musik von Philip Miller und Thuthuka Sibisi: Weiß der eine, schwarz der andere, mischen sie aus der Palette der Kunstmusik vom Anfang des 20. Jahrhundert und den vielfältigen Musikkulturen des afrikanischen Kontinents ein schillerndes Kaleidoskop aus Minimal Music, Klassik, Marsch- und Weltmusik. Überhaupt speist sich die Wucht des Abends aus den Unterschieden: Martialisches Militärgetrommel zu afrikanischen Tänze, Afrikaner exerzieren zackig nach westlich-militärischem Vorbild. Joanna Dudley zwitschert, stöhnt und ächzt ihre Dada-Lautspielereien zu Fritz Kreislers „Liebesleid“; beim afrikanischen Warlord (Hamilton Dlamini) mutiert Dada zum Ra-ta-ta der Maschinengewehre. Im Salon mischt sich bürgerliche Salonmusik vom Ensemble The Knights aus Brooklyn mit zu Herzen gehenden Liedern, in denen sich N’Faly Kouyate selbst an der Harfenlaute Kora begleitet. Und wenn die schwarze Sängerin Ann Masina aus Südafrika Eric Saties Schmacht-Salonwalzer „Je te veux“ singt, ist das so schön wie exotisch, weil schwarze Sängerinnen auf westlichen Klassikbühnen so rar sind wie Migranten in Sachsen-Anhalt, zumal, wenn sie pittoreske afrikanische Tracht tragen. So rückt uns die Frage des Postkolonialismus ganz nah. Weiterlesen: William Kentridge bei der Lichtsicht-Biennale in Bad Rothenfelde

Bilderzauberer Kentridge

Dazu zaubert Kentridge fantastische Bilder an die Projektionswand: Seine eigenen Zeichnungen, Worte und die Schattenrisse der Darsteller entwickeln dort ihr zauberhaftes und oft genug auch bedrohliches Eigenleben. All das überspannt er mit einem riesigen, mitunter verwirrenden Beziehungsgeflecht von Kurt Schwitters „Ursonate“ bis zu Textlawinen im babylonischen Sprachgewirr aus europäischen und afrikanischen Sprachen. Zentrale Thesen erhalten aber trotzdem den Raum, um ihre Wirkkraft zu entfalten: Am Ende sprechen die Afrikaner davon „dieses Europa zu verlassen“. Das korrespondiert wunderbar mit der Eröffnungsrede von Nikita Dhawan, die sagt, man müsse die „Aufklärung vor den Europäern retten“ – weil die Errungenschaften der Aufklärung ein exklusives Gedankengut von Europäern für Europäer war.

Das hat „The Head and the Load“ in üppigen Bildern und Tönen vor Augen und Ohren gebracht, und dafür spendet das Premierenpublikum begeisterten Applaus. Damit rundet sich der Abend: Zu Beginn des Abends in der Gebläsehalle empfängt warmer Applaus Intendantin Stefanie Carp; offenbar verzeiht man ihr die Ungeschicktheiten im Vorfeld und lässt jetzt die Kunst zu Wort kommen. So gesehen ist diese Premiere ein Erfolg für Kentridge – und für Carp. Weiterlesen: Harsche Kritik an Stefanie Carp


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