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Aufstand gegen die Bürgerwelt Eugen Brachts Endzeitvision „Die Gestade der Vergessenheit“ in Bielefeld zu sehen

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Bielefeld. „Gefangene werden nicht gemacht!“, raunzte er 1900 in seiner „Hunnenrede“, Bilder des Impressionisten Max Liebermann denunzierte er als „Rinnsteinkunst“. Doch welche Kunst fand Gnade vor den Augen des Weltkriegs-Kaisers Wilhelm II.? Eugen Brachts Endzeitvision „Die Gestade der Vergessenheit“ zum Beispiel. Sie ist jetzt in Bielefeld zu sehen.

Das Meer schwappt als dunkelgrüne Ursuppe an einen fahlen Strand. Karstige Felsen ragen wie stumme Wächter auf. Im kalkweißen Sand verbleichen die Schädel des letzten Menschengeschlechts. Eugen Brachts 139 mal 257 Zentimeter riesiges Gemälde erdrückt als Totenmonument, erschüttert als Vision einer kahlen, kalten Welt nach dem Menschen. Regisseur Franklin J. Schaffner und Hauptdarsteller Charlton Heston hätten an diesem Ort der Verlassenheit auch den Science-Fiction-Klassiker „Planet der Affen“ drehen können. Kaiser Wilhelm II. kaufte Brachts gemalten kalten Horror 1889 noch vor dessen erster Präsentation. Das Gemälde avancierte zu einem der Lieblingsbilder eines Monarchen mit offensichtlichem Faible für den Untergang aller Zivilisation.

Brachts Brecher hängt jetzt in der Kunsthalle Bielefeld. Das Haus breitet eine Kunstrichtung opulent aus, die heute fremd anmutet – den Symbolismus des späten 19. Jahrhunderts mit seinem Protest gegen die rationale Welt der arbeitsteiligen, verbürgerlichten Gesellschaft. Während die Impressionisten Naturbilder in duftige Farbklänge auffächerten oder Kubisten ihre Bildobjekte zu splittrigen Prismen zerbrachen, gingen die Symbolisten einen ganz anderen Weg. Maler wie Arnold Böcklin, Franz von Stuck, Lovis Corinth, Max Klinger oder der Worpsweder Heinrich Vogeler inszenierten ihre Bilder als Lebensrätsel und Sehnsuchtswelten. Parallel zu Erfindungen von Telefon bis Automobil schwelgten symbolistische Maler in Bildvisionen von trunkenen Bacchanten, lockender Femme fatale oder dräuender Toteninsel. Das Leben als Risiko und Rausch, jedes Bild zwischen Drohung und Droge – Symbolisten feierten ein Fest der Ekstasen und Mystifikationen.

150 Gemälde und Skulpturen, in sieben Kapitel von „Jugendliche Helden“ bis „Böse Frauen“ sortiert: So liest sich die statistische Außenansicht einer Ausstellung, die auf wollüstigem Violett ausbreitet, was viele Kunsthistoriker sonst nur mit spitzen Fingern anfassen. Der geballte Aufstand gegen Vernunft, Planung, Nutzen treibt Künstler zu Bildwelten, die heute in Fantasy, Science-Fiction oder Mythenkitsch ihren Platz hätten. Nicht jeder symbolistische Künstler bewahrt einen so klaren Kopf wie Lovis Corinth , der seine „Heimkehrenden Bacchanten“ (1898) als taumelnde Spießbürgerfamilie inszeniert. Der hüllenlose, hübsch beschwippste Dutzendmensch – mit diesem Entwurf macht Corinth aus dem Götterrausch eine Wohnzimmerfantasie. Wie herrlich entlarvend.

Dabei ist der Symbolismus vor allem ironiefrei. Und seine Künstler machen Ernst. Franz von Stucks „Blasender Faun“ (1914) räkelt sich auf Felsen am Meer. Hans Thoma zeigt seine spärlich bekleideten „Bogenschützen“ als Prachtexemplare eines neuen Heroengeschlechts. Und Ferdinand Hodler malt mit „Böcklins Grab“ (1901/02) die Künstlergruft als Pilgerstätte eines neuen, heidnischen Kultes. Die Symbolisten feiern das Leben als Fest und betrauern zugleich die sichere Endlichkeit aller wieder gewonnenen Hochgestimmtheit. Wie die Romantiker wollen sie das Leben als Vitalität, die Natur als Heimat, die Welt als Klangschale einer unendlichen Melodie zeigen und damit den wahren Grund aller Existenz neu in sein Recht setzen. So viel drangvoller Lebenssehnsucht entspricht allerdings fatal die schwarze Todeserwartung, die viele Bilder dieser Schau düster durchzieht.

Wo es keinen wirklichen Sinn mehr gibt, hilft nur die Flucht in den Rausch. Leo Putz malt sein „Bacchanal“ (1905) als wüste Sex-Orgie. Hier die blanken Frauenleiber, dort die Männer als Bestien von Eisbär bis Panther – so ungehemmt verrutscht der Protest gegen das verregelte Leben zur pornografischen Fantasie. Das Gegenstück zu diesem wüsten Treiben liefert Sascha Schneider mit dem „Triumph der Finsternis“. Der Maler und Brieffreund von Old Shatterhand-Erfinder Karl May konfrontiert den toten Christus mit dem überlegen grinsenden Luzifer. Der Heiland dahin, der Teufel in schwarzer Schwingenpracht: Schneider bedient das Untergangsklischee. Wundert da noch, dass der Mann einst ein „Kraft-Kunst-Institut“ gründete? Bielefeld vermisst die Welt jener Irrationalität, die in das Chaos der Weltkriege münden sollte. Die Kunst des Symbolismus ist schauderhaft, die Ausstellung hingegen glänzend.

Bielefeld, Kunsthalle: Schönheit und Geheimnis. Der deutsche Symbolismus. Die andere Moderne. Bis 7. Juli. Di., Do., So. 11–18 Uhr, Mi. 11–21 Uhr, Fr. 11–20 Uhr, Sa. 10–18 Uhr. www.kunsthalle-bielefeld.de


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