Fast lebendig: Tübingen stellt hyperrealistische Skulpturen aus Unheimliche Begegnungen

Von Veit-Mario Thiede

Über das Reale hinaus: In der Ausstellung „Almost Alive“ in der Kunsthalle Tübingen liegt die Skulptur „Josh“ des Künstlers Tony Matelli aus dem Jahr 2010 auf dem Boden, im Hintergrund ist die Skulptur „Self Stretch“ des Künstlers Evan Penny aus dem Jahr 2012 zu sehen. Foto: dpa/Marijan MuratÜber das Reale hinaus: In der Ausstellung „Almost Alive“ in der Kunsthalle Tübingen liegt die Skulptur „Josh“ des Künstlers Tony Matelli aus dem Jahr 2010 auf dem Boden, im Hintergrund ist die Skulptur „Self Stretch“ des Künstlers Evan Penny aus dem Jahr 2012 zu sehen. Foto: dpa/Marijan Murat

Tübingen „Die weltweit erste Überblicksschau zu hyperrealistischen Skulpturen“ nennt die Kunsthalle Tübingen ihre neueste Ausstellung „Almost Alive“. 26 internationale Künstler mit 30 Werken zur hyperrealistischen Bewegung der letzten 50 Jahre sind dort vertreten.

In der Kunsthalle Tübingen muss man sich auf unheimliche Begegnungen gefasst machen. Ein Bodybuilder ist auf einem Stuhl in sich zusammengesunken. Sein zu Boden gerichteter Blick scheint zu signalisieren, dass ihn eine jähe Erkenntnis betroffen macht. Den einsamen Burschen schuf der US-Amerikaner Duane Hanson 1990. Dann stößt ein Riese durch den Fußboden und stemmt sich mit beiden Händen in die Höhe. Oder ist es umgekehrt? Ist der Koloss eingebrochen und wehrt sich gegen sein gänzliches Verschwinden? Der Mazedonier Zharko Basheski gab seinem Geschöpf den irritierenden Titel „Gewöhnlicher Mann“ (2009/10). Schließlich treffen wir auf das Gesicht einer Frau, das wie eine Ziehharmonika auseinandergezogen ist. Diese verstörende Erscheinung hat der Südafrikaner Evan Penny 2008 in die Welt gesetzt.

Die Kunstwelt des Hyperrealismus ist voller weiterer merkwürdiger Erscheinungen, wie uns die Schau anhand von 30 Skulpturen aus den letzten 50 Jahren verdeutlicht. Ob aus Silikon, Wachs oder farbig bemalter Bronze, ob mit echter Kleidung ausgestattet, nackt oder zum Torso verstümmelt: Die Künstlerinnen und Künstler haben es verstanden, ihre Geschöpfen verblüffend lebendig erscheinen zu lassen. Sie vermitteln „die Illusion einer tatsächlichen oder möglichen Realität“, wie Ausstellungskurator Otto Letze erklärt. Seine Mitkuratorin Nicole Fritz ergänzt, dass es sich dabei um „körperbetonte Kunst“ handele.

Es ist bemerkenswert, dass viele Künstler offenbar Unbehagen erzeugen wollen. Hanson äußerte: „Meine Arbeit handelt von Menschen, die in stiller Verzweiflung leben.“ Die sieht man auch der faszinierend lebensecht aussehenden älteren Frau an, die der in den Vereinigten Staaten lebende Serbe Marc Sijan 2011 mit viel Liebe für das faltige Detail ausgeformt hat. Sie kauert in einer Ecke, macht sich klein und schaut bekümmert drein.

Zuweilen macht man gar richtig abstoßende Entdeckungen. So hat die Belgierin Berlinde De Bruyckere eine verkrümmt auf Kissen liegende Gestalt namens „Elie“ (2009) beigesteuert. die keinen Kopf hat. Der verquollene nackte Körper soll mit seinen eigentümlichen Verfärbungen offenbar den Eindruck von Verwesung erwecken. Und auch Patricia Piccininis „Neugeborenes“ (2010) ist kein schöner Anblick. Die in Australien lebende Künstlerin schuf eine friedlich schlummernde Ausgeburt der abstoßend niedlichen Art. Die Nase sieht aus wie ein kleiner Elefantenrüssel und die Ärmchen wie Schwimmflossen. Will Piccinini damit vor den Auswüchsen der Genmanipulation warnen?

Aber die Schau bietet auch manch schönen Anblick. Die attraktive „Lisa“ liegt nackt schlafend auf dem Boden. Der in den Vereinigten Staaten lebende John DeAndrea schuf sie 2006. Und als sei die Wand eine Wasserfläche, lässt die US-Amerikanerin Carole A. Feuerman den Kopf und Oberkörper einer dunkelhäutigen Bikini-Schönheit (2009–2011) auftauchen. Mit geschlossenen Augen scheint sie den Augenblick zu genießen, mit sich und der Welt im Einklang.


Almost Alive:

Kunsthalle Tübingen. Bis 21. Oktober. Di.-So. 11-18 Uhr, Do. 11-19 Uhr.

Eintritt: sieben Euro.

Informationen unter Tel. 07071/96910 oder unter www.kunsthalle-tuebingen.de.

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