Filmfestival Fern von Sensationsgier: Ein starker Jahrgang in Locarno

Von dpa

Filme vor großartiger Kulisse: die Piazza Grande in Locarno. Foto: Alexandra WeyFilme vor großartiger Kulisse: die Piazza Grande in Locarno. Foto: Alexandra Wey

Locarno. Es sind überzeugende Filme mit politischem Blick, die beim 71. Filmfestival in Locarno gezeigt werden. Auf die Jury wartet eine schwierige Entscheidung.

Die zweite Halbzeit des 71. Internationalen Filmfestivals Locarno begann mit einem Paukenschlag: Im Wettbewerb lief die französische Dokumentation „M“ der Regisseurin Yolande Zauberman.

Der Film blickt auf einen kleinen Teil der Welt ultraorthodoxer Juden in Israel. Im Zentrum steht der Sänger und Schauspieler Menahem Lang. Der heutige Enddreißiger wurde vor Jahren bekannt, als er öffentlich gemacht hat, dass er als Kind mehrfach von Männern aus der Gemeinschaft sexuell missbraucht wurde.

Der Film ist typisch für diesen Locarno-Jahrgang, den letzten in der Verantwortung des künstlerischen Leiters und künftigen Berlinale-Chefs Carlo Chatrian. Es wird behutsam erzählt, ohne Wertungen, fern von Sensationsgier. Die Konfrontation mit persönlichen Schicksalen weitet den Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen. Yolande Zauberman ist es gelungen, Männer mit Schicksalen wie Menahem Lang, und auch solche, die andere gepeinigt haben, zum Reden zu bringen. Dabei wird deutlich, welche Lebensumstände dazu beitragen können, dass auch in einer nach Harmonie strebenden Gemeinschaft Schreckliches passiert.

Neben „M“, dem einzigen Dokumentarfilm im Hauptwettbewerb, wird „Sibel“ (Regie: Çagla Zencirci und Guillaume Giovanetti) die größte Chance auf eine wichtige Auszeichnung eingeräumt. Das als französisch-deutsch-luxemburgisch-türkische Gemeinschaftsproduktion realisierte Drama beleuchtet das Schicksal einer um ihre Würde kämpfenden jungen Frau in der türkischen Provinz. Der Film fesselt mit einer spannenden Story, stilistisch und schauspielerisch.

Doch die Konkurrenz ist stark. Spielfilme aus China, England, Italien und den USA liegen ebenfalls hoch in der Gunst von Publikum und Kritik. Sie alle eint, dass sie scheinbar kleine individuelle Geschichten erzählen, die sich zu kritischen Gesellschaftsbildern weiten. Aber es stehen weitere Novitäten an. Dazu gehört der Spielfilm „Wintermärchen“. Der deutsche Regisseur Jan Bonny erzählt darin von jungen rechtsextremen Mördern. Der Film wird mit großer Spannung erwartet.

Insgesamt bewerben sich 15 Filme aus aller Welt um den Hauptpreis, den Goldenen Leoparden. Weithin wird davon ausgegangen, dass die fünfköpfige Jury einen künstlerisch und auch politisch überzeugenden Film prämieren wird. Denn Jia Zhang-ke („Still Life“), der Jury-Vorsitzende, gilt als einer der wichtigsten politisch wachen Filmkünstler seiner Heimat. Auch seine Mitjuroren, wie der US-amerikanische Regisseur Sean Baker („The Flroida Project“), gelten als künstlerisch und politisch engagiert.

Gut möglich aber auch, dass die Jury den längsten Wettbewerbsfilm prämiert, das 14-stündige brasilianische Epos „Die Blüte“. Regisseur Mariano Llinás bietet sechs verschiedene Geschichten in sechs verschiedenen Stilen, etwa Thriller, Musical und Melodram. Der Film überzeugt als originelle Liebeserklärung an das Kino.

Die Gewinner werden am 11. August bekannt gegeben. Dann wird auch der Publikumspreis vergeben. Er geht an einen außerhalb der Wettbewerbe gezeigten Film aus dem Programm der Freiluftaufführungen für bis zu 8000 Zuschauer auf der Piazza Grande von Locarno. Neben der deutschen Komödie „Was uns nicht umbringt“ (Regie: Sandra Nettelbeck) bekamen bisher die italienisch-schweizerische Gaunerkomödie „Geliebter Feind“ (Regie: Denis Rabaglia), das Action-Spektakel „The Equalizer 2“ (Regie: Antoine Fuqua) und die Anti-Rassismus-Farce „BlacKkKlansman“ von Regisseur Spike Lee (USA) besonders viel Beifall.


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