Birgit Minichmayr als Schauspielerin in Residence „Wege durch das Land“ gastierte für drei Tage auf Schloss Ippenburg

Von Christa Bechtel


Bad Essen „Mut und Widerstand“ – diesem Thema widmete sich das 19. Literatur- und Musikfest „Wege durch das Land“, das seit Mai mit 26 Veranstaltungen durch Ostwestfalen-Lippe zog. Zum Finale machte das Festival erstmals auf Schloss Ippenburg Station. Dort gestaltete Birgit Minichmayr als diesjährige Schauspielerin in Residence solistisch und gemeinsam mit weiteren Künstlern das Programm und verwandelte so die Remise an drei Abenden zur Theaterbühne.

„Henry David Thoreau war uns die letzten drei Monate ein ständiger Begleiter. Sein tolles Essay über die ‚Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat‘ aus dem Jahr 1849 stand quasi als Leittext über dem Festival“, erklärte der künstlerische Leiter Albrecht Simons von Bockum Dolffs.

Birgit Minichmayr, die Säule der Ippenburg-Tage, las daher gemeinsam mit Johanna Eiworth aus Thoreaus „Walden“. 1845 zog er sich an den Walden-See in den einsamen Wäldern von Massachusetts zurück, um fern aller Zivilisation ein Leben im Einklang mit der Natur zu erproben. Letztendlich ist es vom Reichtum und Geheimnis der wilden Natur geprägt – und schlägt so einen Bogen zu dem geheimen Garten, dem wilden Ort von Schloss Ippenburg.

Hommage an gealterte Motorradfahrer

Zuvor hatte Büchner-Preisträger Jan Wagner mit seiner prägnanten Stimme das Programm mit seinem Gedicht „Alter Biker“ eröffnet – eine Hommage an mit Würde gealterte Motorradfahrer. Wagner ist in Hamburg zur Welt gekommen, „wo schwarz-weiße Kühe die höchsten Erhebungen sind.“ Ob seine Pflanzen-, Unkraut-, Gemüsegedichte, seine Hommage an Bettlaken oder seine Käseekstase: hintergründig, mit einer Prise schwarzem Humor brachte er die Lachmuskeln seiner 200-köpfigen Zuhörerschaft in Wallung. Da das Festival eine Melange aus Literatur, Musik und Essen ist, gestaltete den ersten Abend musikalisch Lilly Among Cloud mit ihrer ausdrucksstarken Stimme und ihrem Ensemble.

Mit Empathie: Birgit Minichmayr liest

Kraftvoll las Birgit Minichmayr am Samstag, mit Empathie und einer ungeheuren Präsenz aus Marieluise Fleißers „Avantgarde“. Darin schildert Fleißer in Anlehnung an ihre Beziehung zu Bertolt Brecht, wie eine junge Autorin in den 1920er-Jahren von einem avantgardistischen Dramatiker „gebrochen“ wird, wie sie sich schließlich von ihm lossagen kann und selbst anfängt zu schreiben. Sensibel-virtuos sorgte für den musikalischen Rahmen die Pianistin Lusine Grigoryan, die Kompositionen ihres armenischen Landsmannes Komitas Verdapet interpretierte, der eine ureigene Klangsprache schuf.

Am letzten Abend war Birgit Minichmayr mit Dorothy Parkers „New Yorker Geschichten“ zu erleben. Kurzgeschichten, in denen die Schriftstellerin eine Balance zwischen bitteren Humor und grausamer Desillusion schaffte. Dazu spürte das Classic-Jazz-Pianoduo Chris Hopkins & Bernd Lhotzky im Konzert dem Amerika der 1930er-Jahre nach.


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