Kunsthalle zeigt Skulpturen Lakonischer Jedermann: Stephan Balkenhol in Emden

Von Dr. Stefan Lüddemann


Emden. Der Mann in Hemd und Hose ist sein Markenzeichen: Die Kunsthalle Emden präsentiert Werke des Bildhauers Stephan Balkenhol. 40 Skulpturen zeigen, warum uns seine Figuren so faszinieren. Sie wirken anonym und verschlossen, zugleich aber auch entspannt und bescheiden. Ihre Unaufgeregtheit wirkt wie ein nachhaltiger Einspruch gegen die Arroganz und Lautstärke der Populisten.

Sie halten die Arme verschränkt oder lassen sie einfach hängen, bleiben entspannt. Ob der Wasserspiegel steigt oder fällt, ficht sie nicht an. Schwarze Hose, weißes Hemd, Seitenscheitel - die „Vier Männer auf Bojen“ schauen ungerührt ins Weite. Die Holzskulpturen, die seit Jahren in der Elbe treiben, sind Musterbeispiele für das Werk des Bildhauers Stephan Balkenhol. Ein Mann mittleren Alters in schwarzer Hose und weißem Hemd, gern als frontale Figur: Der 1957 im hessischen Fritzlar geborene Bildhauer hat aus diesem Motiv ein Markenzeichen gemacht, das allgegenwärtig ist. Ob Museen, öffentliche Plätze oder eben die Elbe - der Mann von Balkenhol ist omnipräsent. Jetzt zeigt die Kunsthalle Emden rund 40 Werke eines Stars der Kunst, dessen Figuren auf den ersten Blick gar nicht so sehr in den Vordergrund drängen. Hier weiterlesen: Kunstgenuss mit Bootsanleger - die Kunsthalle Emden im Porträt.

Helden und Kraftmeier

Den besetzen in der öffentlichen Wahrnehmung schon die massigen Helden von Lüpertz oder Baselitz. Achtzehn Meter hoch und 23 Tonnen schwer ist der „Herkules“, den Markus Lüpertz auf einen Förderturm in Gelsenkirchen hieven ließ. Seine Denkmäler für Wolfgang Amadeus Mozart in Salzburg oder Ludwig van Beethoven in Bonn sorgten für Skandale. Zu grob, zu massig, so lauteten die Verdikte über diese Brocken aus Bronze, die dann doch gefeiert wurden. Baselitz wuchtete zuletzt seine pralle „Schwesterngruppe“ in den Lichthof der Münchener Siemens-Zentrale. Gegenständliche Skulptur aus Deutschland: Da beherrschen gegenwärtig offenbar Klötze und Kraftmeier das Bild. Stephan Balkenhol hat vor Jahren seinen Jedermann neben die Berserker der Künstlerheroen gestellt. Dort behauptet er still sein Terrain. Hier weiterlesen: Das Auto in der Kunst - eine Ausstellung der Kunsthalle Emden.

Kanten und Splitter

Kuratorin Katharina Henkel soll sich schon lange mit dem Gedanken für eine Balkenhol-Ausstellung in Emden getragen haben. Kein Wunder. Dieses unaufgeregte Werk passt in die Kunsthalle mit ihrem nördlichen Flair. Die meist kleineren Figuren stehen fest verankert auf den runden Holzstämmen, aus denen sie gemeißelt worden sind. Balkenhol lässt Kanten und Splitter einfach stehen. Seine Figuren wirken lässig, haben aber eine raue Haut. Ganz so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint, kann man es sich mit ihnen also nicht machen. Denn sie haben eine Eigenschaft, die gerade heute besticht. Balkenhols Figuren wahren Haltung und Gleichmut, wollen nicht mehr scheinen, als sie in Wirklichkeit sind. Gerade in einer Zeit, die von Prahlern und Populisten dominiert wird, sorgt das für einen wohltuenden Kontrast. Hier weiterlesen: Speicher besonderer Geschichten - die Serie „Magische Museen“.

Hemd und Hose

Dabei wirkt Balkenhols Stringenz bisweilen monoton. Was lässt sich machen aus einer künstlerischen Grundidee, die vor langer Zeit definiert wurde und seitdem immer wieder variiert wird? In Emden faltet der Bildhauer aus, was sich mit der statisch stehenden Figur machen lässt. Ob Mann in Hose und Hemd oder Frau im Kleid mit fleckigem Kuhmuster - Balkenhol stellt uns Menschen ohne Eigenschaften vor Augen, bundesdeutsche Normalos, typische Vertreter einer Ära, die Historiker als das postheroische Zeitalter bezeichnen. Die Kämpfe sind gekämpft, Errungenschaften errungen. Nun dehnt sich eine ereignislose Gegenwart. Genau das scheint sich in Balkenhols Figuren abzuzeichnen. Sein Mann wartet ab. Er wirkt lakonisch, übt sich in Understatement. Das beruhigt, oder? Hier weiterlesen: „American Dream“ - Ausstellung in der Emder Kunsthalle.

Mann und Schatten

Nein, nicht immer. Denn Balkenhols Mann weiß um seine Durchschnittlichkeit, seine Endlichkeit. Der Mann aus Holz weiß auch, dass Aktionismus nichts bringt. Er greift nicht ein, behauptet aber seinen Platz. Balkenhol stellt seinen Mann auch als „Tod“ auf den Stamm. Eine Sense trägt dieser Tod nicht, dafür aber Gehrock und Zylinder. Noch die Schreckensfigur erscheint bei Balkenhol als unauffälliger Zeitgenosse, der ruhig seinen Geschäften nachgeht. Keiner soll mehr scheinen, als er ist. Was für Gevatter Hein gilt, zeichnet Berühmtheiten den Rahmen vor. Für sein Leipziger Wagner-Denkmal postierte der Bildhauer den selbstverliebten Komponisten als Männlein vor seinem riesigen Schatten. Balkenhol plädiert für Demut. Für den Entwurf für das Berliner Einheitsdenkmal von 2011 nahm er wieder den Mann in Hemd und Hose. Aber diesmal ließ er ihn knien, in demütigem Dank für das Geschenk der Einheit. Welch vorbildliche Haltung. Hier weiterlesen: Leuchtturm im Nordwesten - Kunsthalle Emden wird 25 Jahre alt.


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