Serie „Magische Museen“ Kunsthalle Emden: Kunstgenuss mit Bootsanleger

Von Dr. Stefan Lüddemann


Emden. Sie sind die besonderen Orte der Kunst – die magischen Museen. In unserer Serie stellen wir diese stillen Stars unter den Ausstellungshäusern vor. Heute führt die Reise zur Emder Kunsthalle, die „Stern“-Gründer Henri Nannen einst stiftete.

Sein Glück ist blau und liegt am Wasser. Henri Nannen baut es sich, dieses Glück in seiner Heimatstadt Emden. Roter Klinker, blaue Fensterrahmen, Pultdächer – die Kunsthalle für Nannens 650 Bilder sieht bei seiner Eröffnung 1986 so einladend aus wie ein Ferienhaus der Kunst. Henri Nannen, Gründer des Magazins „Stern“, nennt die erste Ausstellung „Bilder, die ich liebe“. Franz Marcs „Blaue Fohlen“ zieren das Plakat. Im Café gibt es Ostfriesentee und Butterkuchen. Und Bilder von Meistern wie August Macke, Karl Schmidt-Rottluff oder Emil Nolde an den Museumswänden, schöne Bilder, zu denen auch jene Ja sagen, die mit moderner Kunst sonst ihre Probleme haben. Hier weiterlesen: Wie geht es mit der Kunsthalle Emden weiter? Eske Nannen im Interview.

Boomjahre der Kultur

Wer sich heute an diese Zeit erinnert, schaut in ein Album mit Fotos aus den Boomjahren der bundesdeutschen Kultur. In Frankfurt formte damals Hilmar Hoffmann sein Museumsufer, das Schleswig-Holstein-Musikfestival ging an den Start, in München machte August Everding das Prinzregententheater wieder auf. Und in Emden eröffnete Journalistenlegende Nannen ein Museum, das er nicht so nannte. Ein Haus für meine Bilder, sagte er. Ein Name wie eine Liebeserklärung. Hier weiterlesen: Das Auto in der Kunst - eine Ausstellung der Kunsthalle Emden.

Die Liebe ist geblieben

32 Jahre später hat sich die Kunsthalle verändert. Die Liebe, mit der viele Besucher gerade dieses Museum sehen, ist geblieben. Sicher, der bescheiden dimensionierte und kaum klimatisierte Klinkerbau von damals wäre heute nicht mehr zeitgemäß. 2000 und 2007 ist das Haus in zwei Schritten erweitert worden, einmal, um die Schenkung des Münchener Galeristen Otto van de Loo aufzunehmen, zum anderen, um die Kunsthalle technisch auf den Stand der Zeit zu bringen und damit auch kostbare Leihgaben aus anderen Museen einwerben zu können. Die Museumsleute kämpfen um Besucher. Und um das liebe Geld. Hier weiterlesen: Speicher besonderer Geschichten - die Serie „Magische Museen“.

Großzügige Geste

Dabei lebt das Haus vom Geist jener großzügigen Geste, die Nannens Stiftung einst auszeichnete. Dieses Haus begegnet dem Besucher mit menschlichem Maß und auf Augenhöhe. Die Kunsthalle beglückt ihr Publikum mit ausgesuchter Kunst, sie belehrt ihre Besucher nicht. Das macht ihr Geheimnis aus, ebenso wie ihre Lage in der Ferienregion Ostfriesland und der Standort am idyllischen Wasserlauf mitten in der Emder City. „Kunsthalle Emden – da lohnt sich ein Besuch“: Der Werbeslogan von einst stimmt noch immer. Wort für Wort. Hier weiterlesen: „Ära der Blockbuster vorbei“ - Museumsdirektoren zu Ausstellungen unter Kostendruck.

Innovative Wege

Das hat auch mit dem besonderen Engagement des Teams der Kunsthalle zu tun, das ungewöhnliche und seinerzeit innovative Wege geht, um dem privat gegründeten Haus die Zukunft zu sichern. Noch vor der Eröffnung des Museums initiiert Eske Ebert die Malschule. Kunstvermittlung für die Kleinen avanciert zum Markenzeichen der Kunsthalle ebenso wie die ausgesprochene Findigkeit bei der Suche nach Unterstützern und Sponsoren. Aus Eske Ebert wird mit der Heirat 1990 Eske Nannen, die von 1992 bis 2017 die Geschicke der Kunsthalle lenkt. Und die um öffentliche Zuschüsse kämpft. Sie muss es auch, denn das einstmals kleine Bilderhaus ist zum großen Museum mit 1800 Quadratmetern klimatisierter Ausstellungsfläche, Vorplatz und eigener Schiffsanlegestelle gewachsen. Das freut Besucher – und erhöht die laufenden Kosten. Seit 2014 unterstützt auch das Land Niedersachsen das Haus. So scheint seine Zukunft einstweilen gesichert. Stefan Borchardt, Direktor und Geschäftsführer in einer Person, sorgt nun dafür, dass die Kunsthalle auf dem richtigen Kurs bleibt. Hier weiterlesen: Leuchtturm im Nordwesten - Kunsthalle Emden wird 25 Jahre alt.

Profilierte Sammlung

Für Wiedererkennbarkeit sorgt unterdessen die profilierte Kollektion. Henri Nannen hatte die Kunst des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit gesammelt. Ebenso wie Lothar-Günther Buchheim erwarb Nannen Gemälde der Maler der „Brücke“ und des „Blauen Reiters“, als die noch halbwegs erschwinglich waren. Meisterwerke von Franz Marc, Lyonel Feininger, Gabriele Münter oder Max Beckmann verleihen dem Emder Museum seine ganz eigene Kontur. Die Schenkung van de Loo mit Werken von Kunststars wie Arnulf Rainer, Asger Jorn oder Emil Schumacher verlängerte Nannens klaren Sammlungsschwerpunkt in die Zeit nach 1945 – ein Glücksfall. Hier weiterlesen: „American Dream“ - Ausstellung in der Emder Kunsthalle.

Fragen der Zukunft

Für das volle Kunstglück sorgen aber auch sensibel inszenierte Sonderausstellungen. Mit „Glasnost“, einer Schau mit damals noch unbekannter Kunst aus der Sowjetunion, setzte Henri Nannen 1988 höchstpersönlich einen Glanzpunkt. 2004 strömten rund 120000 Besucher zu Bildern von Edvard Munch, bescherten der Kunsthalle den bisherigen Besucherrekord. In der Ausstellung „Garten Eden“ hielten 2007 erstmals Foto und Video Einzug in das Haus. 2017 eröffnete die Kunsthalle mit „American Dream“ ihre erste Ausstellung, die in Kooperation mit einem anderen Museum, dem Drents Museum im niederländischen Assen, ausgerichtet wurde. Mehr Mut zu Neuen Medien, zu Kooperationen, zeitgenössischer Kunst: Das sind die Zukunftsfragen, die in der Emder Kunsthalle angegangen werden müssen. Ein Haus mit menschlichem Maß, wie der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1986 bei der Eröffnung sagte, ist das Ausstellungshaus weiterhin. Was für ein Glück.


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