Neuer Roman von Adolf Muschg „Heimkehr nach Fukushima“: Reise in nukleare Endzeit

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Osnabrück. Erleuchtung in Fernost? Nach der atomaren Katastrophe von Fukushima eine verstörende Vorstellung. Adolf Muschg aber schickt seinen Helden in seinem neuen Roman „Heimkehr nach Fukushima“ genau dorthin. Das Buch handelt von einer Welt nach der Apokalypse. Und von einer Liebe über verstrahlter Erde.

Dieser Roman spielt in mehr als nur einer Endzeit. Der Schriftsteller Paul Neuhaus wird zu einer Reise nach Fukushima eingeladen. In der Region des Reaktorunglücks von 2011 soll er ein Modellprojekt für neue Ansiedlungen entwerfen. Aber der 62 Jahre alte Autor, der unvermittelt aus seinem Architektenhaus im beschaulichen Freiburg in eine postapokalyptische Welt aufbricht, sucht selbst nach Sinn. Neuhaus steckt in der Krise, zehrt vom frühen Ruhm seines Romans mit dem esoterischen Titel „Hier und Jetzt“. Mit der altbackenen Idee einer Künstlerkolonie auf verseuchtem Boden reist er los. Und wirkt im fernen Japan als Botschafter einer versackten Wohlstandswelt fremd und ratlos. Wie gelingt der Aufbruch nach finalem Desaster? Autor Adolf Muschg arrangiert in seinem neuen Roman eine herausfordernde Versuchsanordnung. Hier weiterlesen: Mein Buch fürs Leben - Albert Camus und der Kampf gegen das Absurde.

Mit Schutzanzug und Atemmaske

Vor allem schickt er seinen hüftsteifen Helden in unerwartete Abenteuer. Neuhaus reist auf Einladung des japanischen Ehepaares Ken und Mitsu und des undurchsichtigen Bürgermeisters eines nach der Katastrophe verlassenen Ortes in den fernen Osten. Neuhaus stolpert bald mit Mitsu in Schutzanzug und Atemmaske über kontaminiertes Terrain. Ausgerechnet dort, wo Wildschweine verlassene Häuser okkupiert haben und Puppen wie Totengeister im Wind schaukeln, verlieben sich Paul und Mitsu. In der Nähe havarierter Reaktoren tapsen sie mit dem schnarrenen Geigerzähler in der Hand durch das Gelände - und haben in akrobatischer Verrenkung Sex über verseuchtem Boden. Nicht nur diese Szene schwankt zwischen Slapstick und Schrecken. Hier weiterlesen: Mein Buch fürs Leben - das macht Bücher für uns so unersetzlich.

18 straffe Kapitel

Adolf Muschg komponiert seinen Roman in 18 straff wirkenden Kapiteln. Dennoch wirkt sein Buch überladen. Denn Muschg verlässt sich nicht allein auf seine subtilen Schilderungen vom seltsam unwirklichen Leben in der nuklearen Todeszone. Er verwebt seinen Roman zugleich mit Querverweisen auf Adalbert Stifters späte Erzählung „Nachkommenschaften“ und hängt ihm dann noch zum Schluss die Vision eines unheimlichen Spielmannes an. Der Leser muss nicht mit dieser Figur eines aufdringlich eingeführten Todesboten konfrontiert zu werden, um zu verstehen, dass dieses Buch von der Endzeit einer Zivilisation handelt. Zuviel Ballast für ein Buch mit kaum mehr als 200 Seiten? Ja, wenngleich der Bezug zu dem als biedermeierlich verrufenen Stifter trägt. Sein Sprachbild von der „Blumenkette“ aus Handlung und Verantwortung avanciert zum Gleichnis jener Kettenreaktionen der Technik, die dem planenden Menschen entgleiten. Hier weiterlesen: Die Stimme zum Roman - Lesungen machen aus Literatur Events.

Zitate von Adalbert Stifter

Adalbert Stifter spürte mitten im 19. Jahrhundert schon etwas von jenen Unwägbarkeiten, die mit industriellem Fortschritt auf ganze Gesellschaften zukommen sollten. Liefert sein Plädoyer für ein Leben des defensiven Glücks und der Selbstbescheidung ein Modell für die Welt nach Fukushima? Nicht wirklich, denn die Zitate, die Muschg in seinen Text einmontiert, klingen bisweilen sehr nach bildungsbürgerlicher Belesenheit. Die Liebesgeschichte gelingt Adolf Muschg besser, weil er sie mit Zartgefühl als zerbrechliches Wunder beschreibt.

Am Ende ist Mitsu von ihrem todkranken Mann schwanger, Paul lernt Japanisch. So endet dieser Roman mit dem Ausblick auf mancherlei Nachkommenschaften. Mehr ist nach einer Katastrophe wohl auch nicht zu erwarten. Hier weiterlesen: Hüter des „sanften Gesetzes“ - vor 150 Jahren starb Adalbert Stifter.


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