Landeshauptstadt als „Kioskhochburg“ Büdchen erleben in Hannover ihre Renaissance

102 Biersorten: So viel Auswahl bietet der Kiosk von Ngoc Duc Nguyen in Hannover-Linden. Foto: dpa/Julian Stratenschulte102 Biersorten: So viel Auswahl bietet der Kiosk von Ngoc Duc Nguyen in Hannover-Linden. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

dpa Hannover Für die meisten Hannoveraner ist es nur ein Katzensprung zum nächstgelegenen Büdchen. Kioske sind nicht nur Retter, wenn kein Bier mehr im Kühlschrank ist, sondern auch ein Ort zum Plauschen. Aber was hat das mit einer Kulturhauptstadt-Bewerbung zu tun?

Die Jüngsten locken „Bunte Tüten“ mit süßen Schlümpfen, Colaflaschen und Fröschen zum Selbermischen, Rentner holen sich am Kiosk an der Ecke das neueste Rätselheft: Die Büdchen wurden angesichts der Konkurrenz durch Supermärkte schon häufig totgesagt, in Hannover erleben sie eine Renaissance. „Die Leute schätzen das Persönliche“, sagt Anna Morawek, die in ihrer Ausstellung „Kioskkult(ur)“ Fotografien von 140 Kiosken präsentiert. Gemeinsam mit Laura Kettler führte sie für ihre Bachelor-Arbeit Interviews mit Betreibern und Kunden. „Die Kioske funktionieren nicht nur als Verkaufsstellen, sie sind soziale Treffpunkte, die die Nachbarschaft beleben“, sagt die Gestalterin, die mittlerweile in Kiel studiert.

„Kioskkult(ur)“

An diesem Wochenende werden mit Konzerten, Lesungen, Filmen und Aktionen für Kinder die ersten hannoverschen Kiosktage gefeiert. Der eine Teil der Schau „Kioskkult(ur)“ findet sich im Stadtteil mit der höchsten Kiosk-Dichte Linden-Limmer, der andere am Kult-Kiosk „Onkel Olli“. „Wir zeigen auch die Schattenseiten“, sagt Morawek. So geben die Betreiber in Video-Interviews einen Einblick in ihr hohes Arbeitspensum, den wachsenden Druck durch teils bis Mitternacht geöffnete Supermärkte sowie die Angst vor Einbrüchen.

Niedersachsens Landeshauptstadt will mit dem Thema sogar bei ihrer bisher schleppend angelaufenden Bewerbung als Europas Kulturhauptstadt 2025 punkten. Ein mobiler Kulturhauptstadtkiosk geht in den nächsten Monaten auf Tour durch die Stadtteile, um Ideen von Bürgern zum Leitthema „Nachbarschaft“ zu sammeln. Nach Angaben der Stadt hat Hannover eine der höchsten Kioskdichte in Deutschland. Allerdings feierte das Ruhrgebiet schon 2016 ein Jahr der Trinkhalle inklusive eines Tages der Trinkhalle. Nach Schätzungen gibt es dort zwischen 12 000 und 15 000 Büdchen, in Hannover sind es laut einer 2013 veröffentlichten Studie der Leibniz Universität 341 Kioske.

Ursprung der Büdchen

Spätis werden sie in Berlin genannt, Wasserhäuschen in Frankfurt. Die Mini-Läden kamen in Ballungsräumen während der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts in Mode. Unternehmer versuchten, die Arbeiter dort mit Mineralwasser zu versorgen, um sie vom Alkohol wegzubringen. Historisch gehen die Büdchen wohl auf orientalische Wasserverteilstellen zurück. Schon seit Jahrzehnten sind die Verkäufer auch so etwas wie Lebensberater oder Seelentröster. Liane Korbach hat mehr als 40 Jahre im Kiosk am Herrenhäuser Markt in Hannover gearbeitet und den Stadtteil geprägt. Am Samstag wird sie dort in einem Erzählcafé zurückblicken.

Zukunft des Kiosks

Und wie sieht die Zukunft des Kiosks aus? Wie Kult-Betreiber Onkel Olli setzt auch Ngoc Duc Nguyen in seiner 2017 eröffneten „Pro Bier Bude“ auf eine große Auswahl an Biersorten. 102 verschiedene sind es zurzeit, darunter sogar ein Produkt aus Hawaii. Viele Büdchen auf der Limmerstraße haben eine Bank oder wie Nguyen ein paar Holzkisten vor dem Verkaufsfenster stehen. „Die Leute mögen es, hier auf Kisten zu sitzen - es ist billiger und persönlicher als in einem Café oder einer Bar“, meint der 30-Jährige, der vor dem Sprung in die Selbstständigkeit Wirtschaftsinformatik studierte.

An der „Pro Bier Bude“ gibt es am Kiosktag eine Lesung und ein Konzert mit den Künstlern Jan Fischer und Martin Spieß. „Kioske sind magische Orte, in denen es alles gibt und die uns mehr als einmal durch die Nacht geholfen haben“, sagt Spieß.


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