Bestandsaufnahme zum Wagner-Musiktheater Bayreuther Festspiele 2018: Wo geht es zum besten Wagner?

Von Ralf Döring


Bayreuth. Jedes Jahr ab 25. Juli lebt die Stadt Bayreuth im Takt der Wagner-Festspiele. Aber wie sieht es um die Deutungshoheit in Sachen Wagner aus? Eine Bestandsaufnahme.

Gemessen am Schlussapplaus, ist der aktuelle „Parsifal“ der Bayreuther Festspiele ein Riesenerfolg. Andreas Schager in der Titelrolle, Günther Groissböck als Gurnemanz, Elena Pankratova als Kundry: Das Publikum im Festspielhaus tobt vor Begeisterung. Tatsächlich singen die drei sehr gut; Schager hat mit seiner Kraft, Ausdauer und dem heldischen Glanz in der Stimme das Potenzial, zu einem der ganz großen Wagner-Tenöre zu werden. Und selten deklamiert Gurnemanz so klar, singt er so eindeutig wie in der Interpretation durch Groissböck. Um das Bild schließlich abzurunden: Semyon Bychkov führt das Bayreuther Festspielorchester mit der richtigen Mischung aus Gelassenheit und feuriger Gespanntheit durch die komplexe Partitur. Gut, Uwe Eric Laufenberg muss ein paar Buhs ertragen, weil er Amfortas recht drastisch das Martyrium des Jesus am Kreuz nacherleben lässt und religiösen Fanatismus, Nahost-Konflikt und Flüchtlinge, also ein paar sehr aktuelle Problemlagen, thematisiert. Aber am Ende sorgt die einmalige Akustik im Festspielhaus dann eben doch für einen Wagner-Abend, wie man ihn zumindest musikalisch nicht besser erleben kann. Oder? Weiterlesen: So ist der neue „Lohengrin“ in Bayreuth

Glückliche Sechziger

Tatsache ist: Jedes halbwegs ambitionierte Stadttheater hat mittlerweile Wagner auf dem Spielplan, und die großen Bühnen messen sich regelmäßig mit „Ring“, „Tristan“, „Meistersingern“ oder eben „Parsifal“ untereinander und natürlich mit Bayreuth. Die Folge: „Es wird immer schwieriger für Bayreuth und die Festspielleitung – wer immer auch das macht –, die Marktführerschaft zu behaupten“, sagt dazu der Musikwissenschaftler und Wagner-Experte Stephan Mösch. „Das war früher viel einfacher, weil es beispielsweise in der Nachkriegszeit eine überschaubare Anzahl von Regiehandschriften gab.“ Heute hat sich ein Pluralismus herausgebildet, „und da etwas zu finden, was Bayreuth als einmalig definiert, ist fast unmöglich“. Vorbei die glücklichen 1960er-Jahre, als Wieland Wagner beim Werk seines Großvaters den Maßstab setzte, an dem sich alle orientierten. Ein halbes Jahrhundert später verpflanzt  Claus Guth den „Tristan“ in Zürich in die Villa der Kaufmannsfamilie Wesendonck, bindet Stefan Herheim in Berlin seine am Puppentheater geschulte Ästhetik in den „Lohengrin“ ein, wartet Peter Beat Wyrsch im kleinen Münster mit einem düsteren, klar erzählten „Ring“ auf. Weiterlesen: „Lohengrin“ in Osnabrück

Nun hat Bayreuth in seinen unumstrittenen Zeiten auch musikalische Maßstäbe gesetzt, weil dort die besten Wagnersänger auf die besten Wagnerdirigenten trafen. Dieser Stern drohte in den 2000er-Jahren zu verdämmern; seit einigen Jahren aber kehrt sich der Trend wieder um; mit Sängern wie Klaus Florian Vogt, Michael Volle oder eben Schager und Groissböck, mit Dirigenten wie Andris Nelsons, Kirill Petrenko und natürlich dem neuen musikalischen Herrscher am Hügel, Christian Thielemann, ist Bayreuth wieder ganz vorn dabei. Aber eben nicht einsam an der Spitze; die Sänger stehen in Hamburg, Berlin, Stuttgart genauso auf der Bühne wie in Bayreuth. Weiterlesen: „Meistersinger“-Premiere 2017

Während sich nun im Klassikbetrieb längst die Ideen und Erfahrungen der historischen Aufführungspraxis etabliert haben, pocht Bayreuth auf seine langjährige Tradition, mit fatalen Folgen. Hartmut Haenchen, der kurzfristig eingesprungene Dirigent des „Parsifal“ 2016, begann seine Arbeit damit, das Notenmaterial zu sichten und anhand von Quellen Fehler zu korrigieren. „Das hat gar nicht so sehr mit dem Interpretationswillen der Dirigenten zu tun, sondern mit philologischer Genauigkeit“, sagt Mösch. „Die im Probenprozess umzusetzen bedeutet nicht nur einen größeren Zeitaufwand, sondern häufig auch ein Umdenken, einen Abschied von lange gepflegten Traditionen. Es kann unbequem sein. Und deshalb gibt es Widerstand dagegen, offenbar auch im Orchester.“ Weiterlesen: Andreas Schager als „Tristan“ in Berlin

Dabei sind die Exegeten des Originalklangs längst bei Wagner angelangt: Bruno Weil und die Cappella Coloniensis haben einen viel beachteten und hochgelobten „Holländer“ im historischen Klanggewand des 19. Jahrhunderts aufgenommen, Thomas Hengelbrock – in Bayreuth mit „Thannhäuser“ kläglich gescheitert – hat in Dortmund und Essen mit seinem Balthasar-Neumann-Ensemble einen „Parsifal“ auf Originalinstrumenten konzertant aufgeführt.

Es bleibt der Mythos

Als Großprojekt angelegt sind die „Wagner-Lesarten“, die das Originalklangorchester Concerto Köln zusammen mit Kent Nagano erarbeitet. Es geht dabei um Wagners Opus Magnum, den „Ring“. Ziel ist es, sich Wagners Musik mit den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis neu zu erschließen. „Die Zeit ist reif für einen historisch informierten Wagner“, sagt Kai Hinrich Müller, der wissenschaftliche Leiter der „Wagner-Lesarten“. Ziel ist dabei nicht, das Bayreuther Festspielorchester zum Originalklang-Ensemble umzuformen. Aber die „Wagner-Lesarten“ könnten sich auf das moderne Orchester auswirken. „Wichtig ist es, die Angaben zu Dynamik und Spielweisen vor dem Hintergrund des damaligen Instrumentariums zu lesen“, sagt Mösch. 

Bleibt die Akustik des Festspielhauses. Solange kein chinesischer Multimilliardär eine Kopie des Festspielhauses in China nachbauen will, muss Bayreuth nicht um  dieses Alleinstellungsmerkmal fürchten. Dazu kommt die Mystik des Ortes: Nirgendwo anders auf der Welt kann der gläubige Wagnerianer am ersten Festivaltag zum Grab des Meisters im Garten der Villa Wahnfried pilgern. Aber man muss kein gläubiger Wagnerianer sein, um sich davon verzaubern zu lassen, wenn das „Rheingold“-Vorspiel aus dem Orchestergraben emporschwebt oder der silbrig-ätherische Klang des „Lohengrin“-Vorspiels durch den Raum weht. Aber ob das allein genügt, Bayreuths Status in einer Kulturlandschaft und einer Gesellschaft zu sichern, die sich immer vielfältiger auffächert, ist nicht sicher. Zumindest für den Moment vermelden die Bayreuther Festspiele aber volles Haus bei mehrfach überbuchten Tickets. Die nächste Zukunft scheint also gesichert.


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