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26.07.2018, 19:50 Uhr KOLUMNE

Die Einsamkeit des Langstrecken-Gaming-Zuguckers

Von Maik Nolte

Nur dabei statt mittendrin: Erstaunlich viele Leute beschäftigen sich damit, anderen online beim Spielen zuzuschauen. Foto: dpa/Jan WoitasNur dabei statt mittendrin: Erstaunlich viele Leute beschäftigen sich damit, anderen online beim Spielen zuzuschauen. Foto: dpa/Jan Woitas

Osnabrück. In unserer wöchentlichen Kolumne „Silberblick“ berichtet die Kulturredaktion über mehr oder weniger skurrile Beobachtungen aus Alltag und dem Kulturleben. In dieser Woche brechen wir eine Lanze für eine sozial ausgeklammerte Gruppe: die Gaming-Video-Zuschauer.

Computerspiele machen einsam, doof und – angesichts der den Spielern unvermeidlich zugeschriebenen Cola-Chips-Pizza-Diät – zu allem Übel auch noch dick und pickelig. Hieß es immer. Heißt es bei manchen vermutlich immer noch. Natürlich ist das Quatsch. Spielen ist längst Massenkultur, und dank des Internets muss man auch nicht mehr allein zocken. Sorgen Sie sich also nicht um Gamer – sorgen Sie sich um jene, die den Gamern beim Spielen zugucken. Einige Halb- oder Vollprofispieler, die ihre Zockrunden per Internet übertragen und auf Youtube stellen, haben Zigtausende Fans, die ihnen beim Ballern – denn darum geht es ja meist – online zuschauen. Vielleicht gar mit Unmengen an Cola und Chips in Reichweite, denn in jedem Klischee steckt auch ein Körnchen Wahrheit.

Anderen stundenlang beim Daddeln zugucken, auch wenn es bisweilen nicht einmal live ist – klingt bizarr? Vielleicht. Andererseits: So viel anders als Fußballgucken ist es nun auch wieder nicht. Anfeuerungs- und Schmährufe verhallen ungehört in den eigenen vier Wänden; und dass man es selbst natürlich viel besser gemacht hätte als der eSportler auf dem Bildschirm, bekommt auch niemand mit. Denn beim Gaminggucken ist man meist allein, zu so etwas trifft man sich nicht mit Freunden.

Das ist irgendwie tragisch, also sollte die Gesellschaft ihren von sozialer Verwahrlosung bedrohten Mitgliedern helfen, wo es nur geht. Veranstalten wir Public-Viewing-Abende, wann immer Leute mit Namen wie „xX76da“ oder „ChKR1990“ sich gegenseitig das digitale Licht ausblasen wollen. Gründen wir Fanclubs, kleiden wir uns in, äh, Trikots unserer Lieblingsspieler und diskutieren wir bei der Arbeit deren Leistungen („Hat der am Samstag wieder einen Mist zusammengeschossen!“). Lassen wir mehr eSport-Turniere in Stadien stattfinden. Das würde nicht nur gegen die Einsamkeit helfen, sondern, so rein tageslichtbedingt, auch gegen die Pickel.


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