Gothic-Festival Amphi Fantasie in Schwarz: In Köln trifft sich die Gothic-Szene

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Osnabrück. Wenn an diesem Freitag der Mond in seine spektakuläre Finsterphase tritt, wird es in Köln noch ein bisschen schwärzer. Denn dort versammelt sich die internationale Gothic-Szene zum diesjährigen Amphi-Festival. 12.000 fantasievoll gekleidete Anhänger der Schwarzen Szene werden erwartet, 45 Bands spielen auf drei Bühnen, eine davon ist auf einem Schiff. Klingt super – allerdings sorgt das Niedrigwasser für Probleme.

Sogar der Mond wird schwarz, wenn ab Freitagabend nach und nach rund 12.000 Gothic-Fans in Köln ankommen, um drei Tage lang ihre Szene und sich selbst zu feiern. Zum 14. Mal ruft das Amphi-Festival die Mitglieder der Schwarzen Szene aus Deutschland und aus aller Welt zusammen, insgesamt 45 Bands wurden für die drei verschiedenen Bühnen gebucht, von denen zwei im malerischen Tanzbrunnengelände direkt am Deutzer Rheinufer liegen. Die dritte im Bunde allerdings befindet sich auf der MS RheinEnergie, einem Schiff, das eigentlich in Steinwurfweite vom Tanzbrunnengelände festmachen sollte. Doch aufgrund der wochenlangen Trockenperiode führt der Rhein aktuell so wenig Wasser, dass ein Anlegen der MS RheinEnergie am Kennedyufer auf der Deutzer Rheinseite nicht möglich ist.

Ausweich-Anleger am anderen Ufer

Schon wieder, denn auch im Vorjahr hatte das Amphi-Festival trotz Starkregens wenige Tage vor dem Startschuss das gleiche Problem. Und wie damals weicht das Schiff auf eine alternative Anlegestelle aus. Die allerdings liegt auf der gegenüberliegenden Altstadt-Rheinseite. Für die Gäste bedeutet das: Zwischen den beiden Tanzbrunnen-Bühnen Main Stage und Theater Stage und der Orbit Stage auf dem Schiff liegt ein Fußmarsch von 20 Minuten. Wer diese Strecke über die berühmte Hohenzollernbrücke nicht laufen kann oder mag, kann den eigens eingerichteten Shuttlebus nutzen, der zwischen Tanzbrunnen und Schiff pendelt.

Das Beste draus machen

Und weil insbesondere das Amphi-Festival schon sturmerprobt ist und immer wieder mit Wetter-Unbilden zu kämpfen hatte, wird das Publikum wohl auch dieses Jahr nachsichtig und gut gelaunt die Umstände so nehmen, wie sie sind und das Beste draus machen. Gut, dass Gruftis vielleicht schaurig aussehen mögen, im Grundsatz aber ausgesprochen friedfertig eingestellt sind. In den Online-Foren zum Festival wird die Bühnenverlegung zwar diskutiert, doch angesichts der höheren Gewalt zumeist positiv: „Für die Hitzewelle kann ja niemand etwas“, schreibt ein Festivalbesucher. „Hat letztes Jahr gut geklappt mit dem Bus“, ein anderer. Derweil gibt man sich lieber Tipps, wie man auch im schönen Grufti-Outfit die Hitze gut übersteht. Das beschäftigt auch die Organisatoren, die unter anderem eine kostenlose Trinkwasserstelle auf dem Gelände eingerichtet haben.

Technik-Tücken und Wetter-Warnungen

Was hat das Amphi schon für Kapriolen überstanden: Technik-Tücken wie in Rauch aufgehende Verstärker, die Bands zum vorzeitigen Abbruch ihres Konzerts zwangen, herabfallende Deckenplatten, die zum Glück nur einen Schrecken, aber keine Verletzten hinterließen, oder 2015 ein Sturm, der so heftig war, dass das Außengelände für einen Tag komplett gesperrt werden musste.

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Auch im vergangenen Jahr musste das Tanzbrunnengelände kurzfristig wegen einer Sturmwarnung geräumt werden. Doch das Unwetter zog vorbei – und das schwarze Musikfestival ging ohne Einschränkungen über die Bühne. Auch dieses Jahr steht zu vermuten, dass sich das Amphi-Publikum von einem verlegten Schiff nicht davon abhalten lassen wird, das Musikfest zu genießen. Zu Recht gilt das Amphi in Köln längst als Festival-Klassiker, der mit besonderer Atmosphäre sowie einer liebevollen Orga punktet.

Die Musik macht‘s

Nicht zu vergessen das Programm. Los geht es am Freitagabend entweder mit einer großen Auftaktparty inklusive namhafter Szene-DJs in der Theater-Bühne oder als Sahneschnittchen für diejenigen, die sich eines der begehrten Tickets sichern konnten, mit einer abendlichen Rheinfahrt plus Konzertprogramm. Auf der Bühne im Schiff zu sehen sein werden dann die schwedischen Future-Pop-Helden Covenant um den charismatischen Sänger Eskil Simonsson, die belgischen Industrial-Größen Suicide Commando sowie Eisfabrik aus Deutschland, die nachdenklichen Schlager mit Dark Elektro und Synth-Pop mischen und in ihren schneeweißen Outfits allein schon optisch einen bemerkenswerten Konterpart bilden. Und natürlich allein durch das frostige Konzept für heiß ersehnte Abkühlung sorgen. Ob sie wieder einen Yeti dabeihaben? Oder einen Eisbären? Und während im Schiffsbauch die Konzerte laufen, werden die Schiffsgäste von der oberen Freiluft-Terrasse aus vermutlich einen besonders guten Blick haben auf die spektakuläre Mondfinsternis am Freitagabend.

Böser Look, gute Botschaft

Am Samstag heißt es früh aufstehen, denn bereits um 11 Uhr eröffnet das Elektro-Duo Intent:Outtake aus der deutschen Gothic-Hauptstadt Leipzig das Programm auf der Hauptbühne. Optisch kommt die Band eher finster-martialisch daher, ihre Texte aber sind auffällig nachdenklich und friedfertig. Sie drehen sich insbesondere um die Verantwortung des Menschen, Welt und Umwelt nicht weiter zu zerstören, eine brandaktuelle Botschaft. Insgesamt ein Geheimtipp für Frühaufsteher. Später werden an gleicher Stelle noch die Hannoveraner Goth-Rocker Unzucht einheizen, auch sie sind Live-Garanten.

Weiterlesen: Die Gruftis kommen – Was passiert beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig?

Pop-Ikonen OMD auf der Mainstage

Freunde der 80er-Jahre-Musik dürfen sich auf Orchestral Manoeuvres in the Dark – besser bekannt als OMD – freuen, die ihre melodischen Pop-Hymnen im Gepäck haben. Ihr Hit „Maid of Orleans (The Waltz Joan of Arc)“ von 1982 ist weltbekannt und einer der hartnäckigsten Ohrwürmer der Musikgeschichte. Headliner nach OMD sind die Gothic-Novel-Rocker ASP aus Frankfurt am Main, deren Mastermind und Sänger Alexander Spreng ein ausgesprochener Szene-Liebling ist.

Schwelgen im 80er-Pop

Wer lieber weiter in den 80ern schwelgen möchte, wechselt nach OMD zu Midge Ure auf der Theaterstage. Der Schotte ist Anfang der 80er als Band-Aid-Wegbegleiter von Bob Geldof und vor allem als Sänger der New-Wave-Band Ultravox berühmt geworden, deren Über-Hits „Fade To Grey“ oder „Dancing With Tears In My Eyes“ auch heute noch bestens funktionieren.

Gitarren satt

Mehr Gitarren gibt es auf der Schiffsbühne, zum Beispiel kommt mit A Projection frischer Post Punk aus Schweden an den Rhein.

Extra-Tipp für Osnabrücker Post-Punk-Fans

Wer am Freitag (27. Juli) zufällig in Osnabrück ist, kann die energiegeladenen Schweden A Projection dort bei ihrem „Amphi-Warm-Up“-Konzert im Bastard Club erleben.

Ist das Kunst? Musik? Beides!

Ein Highlight auf der Amphi-Schiffsbühne wird zudem der Auftritt des stets etwas verrätselten Wave-Duos Lebanon Hanover, deren feinhumorige, tieftraurige und ein bisschen böse Lieder jedes für sich ein kleines Kunstwerk darstellt. Headliner hier sind am Samstag She Past Away, das Duo aus der Türkei wohnt mittlerweile in Spanien und bietet feinen Wave-Sound der alten Schule – mit türkischen Texten. Das ist in der Musikwelt wirklich besonders und kommt überdies sehr gut an: Die jüngste Konzertreise von She Past Away 2017 quer durch Deutschland war restlos ausverkauft.

Die „ewigen Headliner“

Auch am Sonntag gibt es volles Progamm, darunter Heldmaschine, Solar Fake, Neuroticfish, Agonoize, Oomph! sowie als fulminanter Schlusspunkt auf der Hauptbühne And One aus Berlin. Die Synth-Pop-Band mitsamt ihres stimmgewaltigen und tanzfreudigen Frontmanns Steve Naghavi bezeichnet sich selbst gern als „ewigen Headliner“. Da ist offensichtlich was dran, denn sie sind gern gebuchter Gast nicht nur auf dem Amphi, sondern auch auf dem M‘era Luna Festival in Hildesheim. Wer es gitarrenlastiger mag, ist bei den Hamburger Goth-Rock-Helden Girls Under Glas im Theater gut aufgehoben, die nach 13 Jahren Funkstille sogar neues Material im Gepäck haben. Aufs Schiff lockt Joachim Witt, Szeneliebling und längst über seinen Neue-Deutsche-Welle-Hit „Der Goldene Reiter“ hinausgewachsener Allround-Künstler. Zusammen mit Peter Heppner, Ex-Sänger von Wolfsheim und nun auf Solopfaden erfolgreich, gelang Witt im Jahr 1998 auch der kommerziell sehr erfolgreiche Chart-Hit „Die Flut“. Ein neues Projekt von Witt und Heppner soll in Arbeit sein, es bleibt also spannend.

Weiterlesen: Peter Heppner, die Stimme von Wolfsheim, im Interview

Die eigentlichen Stars ... sind die Besucher

Doch wie immer bei Gothic-Festivals darf man auch beim Amphi die Frage stellen, ob die eigentlichen Stars nicht eher vor als auf den Bühnen zu finden sind. Denn tatsächlich zeigt sich die Szene in Köln stets in all ihrer Kreativität, vom aufwendigen Kopfschmuck bis hin zu Hörnern oder extremen Irokesen-Haarschnitten ist alles dabei. Und wenn die Kölner Glück haben, sehen sie den einen oder anderen angereisten Grufti auch außerhalb des Tanzbrunnens: Neun namhafte Kölner Museen bieten den Amphi-Gästen ermäßigte Eintrittspreise. Das passt gut, schließlich gilt die Gothic-Szene als besonders kulturinteressiert.


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