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Publikum bejubelt Premiere Bayreuther Festspiele 2018: Lohengrin als Herr der Fliegen

Von Ralf Döring


Bayreuth. Christian Thielemann ist der derzeit maßgebliche Bayreuther Wagner-Dirigent. Das hat er mit „Lohengrin“ erneut untermauert. Die Regie von Yuval Sharon lässt beim Spielzeitauftakt der Bayreuther Festspiele 2018 hingegen Wünsche und Frage offen.

Wieder einmal scheitert Lohengrin, in diesem Fall privat. Er mag Elsa fesseln, um ihren Willen, ihre Persönlichkeit zu brechen. Sie aber streift die Fesseln ab mit eben den Fragen, die er ihr verboten hat: Wer bist du, woher kommst du?

Diese Szene im Brautgemach zählt zu den prägnantesten Momenten im neuen „Lohengrin“, der am Mittwoch die Bayreuther Festspiele eröffnet hat. Regisseur Yuval Sharon erzählt hier von physischer und psychischer Gewalt in der Ehe, und das erschreckend präzise. Das knallige Orange des Brautgemachs steht im krassen Gegensatz zum vorherrschenden Graublau dieses „Lohengrin“, und erst einmal hält Christian Thielemann mit einem zärtlichen Liebeslied die Zeit an. Leise und luftig spielt das Bayreuther Festspielorchester — es ist ein Beispiel dafür, welch feine Nuancen Thielemann diesem Orchester entlocken kann. Genauso prägnant erzählt das Orchester aber auch von der Nervosität, die sich in die Unterhaltung der Brautleute einschleicht und sie allmählich überflügelt, bis aus dem Liebesgesäusel ein hart geführter Machtkampf geworden ist: Da hat Lohengrin die Bücher ins Nachtschränkchen gelegt, aus denen sie eben noch gelesen haben. Heraus holt er ein langes Seil, und ein paar Momente später ist Elsa an einen großen Isolator gefesselt - wie zu Beginn der Oper. Weiterlesen: Bayreuth 2018 - Eine Uraufführung vor der Premiere  

Piotr Beczala in der Titelrolle unterstreicht hier mit der Kraft und der Farbenvielfalt seines Tenors die italienischen Anklänge, derer sich Richard Wagner im „Lohengrin“ durchaus bedient hat, und bringt Klangfarben ins Festspielhaus, die nach dem monochromen Glanz Klaus Florian Vogts fast erfrischend wirken. Anja Harteros setzt dem als Elsa flammende Dramatik entgegen, überflügelt mit ihrem Sopran und mit der Ausdruckskraft den Partner sogar - bei ihr ist Elsa zur Kämpferin gereift, die für ihre Rechte streitet und vielleicht sogar für die Rechte der Frauen im Großen und Ganzen. Den Kommentar dazu formuliert Thielemann mit dem Orchester: Jedes Detail stellt er mit bestechender Tiefenschärfe dar, ohne den großen Bogen aus dem Blick zu verlieren. Genau das macht ihn zum unumschränkten musikalischen Herrscher am Grünen Hügel. Weiterlesen: Anja Harteros im Interview

Im Märchen geht alles

Nun wird Wagners „Romantische Oper“ gern als „Märchen“ apostrophiert. Deshalb darf „Lohengrin“ mit seinem Schwan in ein Umspannhäuschen krachen, und deshalb kann Regisseur Yuval Sharon der Aristokratie Flügel umhängen und sie damit dem Reich der Insekten zuordnen, während das Volk von Brabant einerseits in Renaissancetracht, andererseits in Trainingsklamotten auf der Bühne steht. Gleichzeitig scheinen ein Strommast nebst Umspannhäuschen als zentrale Bühnenelemente das Werk in einer konkreten Zeit zu verankern und werden zur zentralen Metapher: Der Ritter Lohengrin lädt das Volk von Brabant mit britzelnder und blitzender Energie auf, vor bedrohlichen Wolkenhimmeln und Strandlandschaften, die Neo Rauch und Rosa Loy gemalt haben. Weiterlesen: Die „Meistersinger“ eröffnen die Bayreuther Festspiele 2017

Allerdings lassen Sharon und seine Ausstatter Fragen offen, zum Beispiel, was die Fliegen besagen sollen. Auch herrscht auf der Bühne viel Stillstand: Die Chöre entwickeln dank Chorleiter Eberhard Friedrich ihre gewohnte klangliche Pracht, begrenzen aber oft, statischen Mauern gleich, links und rechts die Bühne. Und auch die Solisten üben sich in Statik: Georg Zeppenfeld als gravitätischer König Heinrich, Egils Silins als Heerrufer mit klarster Diktion. Tomasz Konieczny singt einen dämonisch abgründigen, aber auch recht raubeinigen Telramund.

Quidditch in Brabant

Nun versucht Sharon, die ernste Geschichte aufzulockern. Aber wenn Lohengrin gegen Friedrich von Telramund einen Luftkampf führt, um Elsa vor der Anklage des Brudermords zu rehabilitieren, sieht das nach Harry Potters Quidditch aus, was in seiner Unbeholfenheit wirkt wie ein gequälter Chefwitz. Andererseits nimmt die Inszenierung die großen Themen ins Visier, und eines ist dabei die Frage, wie Frauen sich in dieser Männerwelt behaupten. Ortrud kämpft da mit einem Nachdruck, der Elsa mitreißt - und so fügt es sich gut, dass Harteros‘ Sopran ähnlich dramatisch glüht wie der Mezzo von Waltraud Meier. Die feiert mit der Rolle der Ortrud ihre Rückkehr zum Grünen Hügel und gleichzeitig ihren Abschied: Mit diesem „Lohengrin“ ist für sie Schluss in Bayreuth. Entsprechend leidenschaftlich feiert sie das Publikum für ihre farben- und facettenreiche Darstellung.

Die beiden Frauen bleiben übrig, wenn Lohengrin Braband verlässt. Doch dem Ende wohnt ein Zauber inne, und dieser Zauber heißt Gottfried, Elsas Bruder. Wenn der leuchtend grüne Waldschrat die Bühne betritt, sinkt das Volk saft- und kraftlos zu Boden, während Elsa und Ortrud in Einsamkeit vereint beiseite stehen. Ob die beiden einen neuen Weltentwurf in der Tasche haben, oder ob der grüne Gottfried  die Macht an sich reißt: Mit solchen Fragen entlässt dieser Abend sein Publikum in die warme Bayreuther Nacht. Vorher gibt es begeisterten Beifall für alle Beteiligten, denn dieser „Lohengrin“ tut keinem weh. Wirklich berühren kann er aber nicht.


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