Serie Theatersanierungen Das Nationaltheater Mannheim

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Mannheim. Die größte Sanierungswelle seit dem Zweiten Weltkrieg erfasst gerade die deutschen Theater. 80 Prozent aller Bühnen sind davon betroffen, damit Spielbetriebe ohne Gefahr weitergehen können. Auch das bauliche und technische Innenleben im Osnabrücker Theater am Domhof muss bald gründlich überholt werden – Anlass für eine Serie, die an Beispielen beleuchtet, wie Theater und Kommunen die Sanierungsaufgabe angehen, nach welchen Modellen saniert und wie die Finanzierung auf die Beine gestellt wird. Dazu nehmen wir das Oldenburgische Staatstheater, das Nationaltheater Mannheim, das Mainfranken Theater Würzburg, das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin unter die Lupe, dieses Mal das Nationaltheater Mannheim.

Intensive Debatten und öffentliche Aufklärung der letzten Monate haben Früchte getragen: Der Gemeinderat der Stadt Mannheim hat am Dienstag mit breiter Mehrheit beschlossen, das Nationaltheater für rund 200 Millionen Euro sanieren zu lassen. 40 Millionen kommen noch für Ausweichspielstätten und deren Spielbetrieb hinzu. Jetzt ist es offenbar da, das Verständnis für die Notwendigkeit einer so kostspieligen Generalsanierung, von der man am Äußeren des Gebäudes nicht einmal viel sehen wird: Fassaden und Dächer sind schon in den letzten Jahren renoviert worden.

Derart einmütig an einem Strang gezogen haben die Fraktionen in dieser Sache nicht immer. Als das Architekturbüro Schmucker im Sommer 2017 eine Kostenrechnung von 185 Millionen Euro für die Generalsanierung vorlegte, war die Erregung groß. Ohne Grundsatzdebatte darüber, wie die Zukunft des Nationaltheaters aussehen würde, wollten einige Fraktionen diese enorme Summe nicht durchwinken. Ein Abriss kam aus Denkmalschutzgründen nicht infrage, ein Neubau war diskutiert, dann aber aus Kostengründen wieder verworfen worden.

Ältestes kommunales Theater

Denn der klangvolle Name, verbunden mit rund 240 Jahren Theatergeschichte, mag täuschen: Das Nationaltheater am Goetheplatz, ältestes kommunales Theater Deutschlands und 1782 Uraufführungsort von Schillers „Die Räuber“, ist ein Eigenbetrieb der Stadt Mannheim. Im Unterschied zum Staatstheater wie Karlsruhe und Stuttgart ist nicht das Land Baden-Württemberg für seine Finanzierung zuständig.

Doch ein erleichtertes Aufseufzen ging schon vor wenigen Wochen durch die Quadratestadt: Der Bund sagte seine Unterstützung der Sanierungsmaßnahmen mit 80 Millionen Euro zu. Mit dem Land wird noch verhandelt und am Ende dürfte es auf eine Drittelung der Kosten hinauslaufen, bei der die Kommune das letzte Drittel trägt.

Frist für die Sanierung

Mit der Sanierung wird es höchste Zeit, denn wenn mit ihr nicht bis Ende 2022 begonnen wird, verlangen Auflagen der Versammlungsstättenverordnung, dass das Gebäude geschlossen wird. „Dann haben 670 Theaterbeschäftigte sofort Urlaub“ sagt Architekt Marcus Augsburger, Leiter der Geschäftsstelle für die Generalsanierung bei einem Rundgang durchs Vierspartenhaus. Zudem sei das Bauen momentan so günstig wie selten finanzierbar. Aber: „Die Baupreise steigen momentan pro Jahr um 4 Prozent“, sagt Augsburger, „das macht acht Millionen Euro Mehrkosten pro Jahr aus“. Baupreissteigerungen und Unvorhergesehenes seien allerdings in den 200 Millionen Euro eingerechnet worden.

Ein Drittel der reinen Sanierungssumme wird fürs Gebäude, eines für die Haustechnik und das letzte für die Bühnentechnik eingesetzt. Große statische Eingriffe seien gottlob nicht nötig, meint Augsburger. Das Gebäude kann bis auf den Rohbauzustand zurückgebaut werden.

Großes Thema Brandschutz

Brandschutzmängel zu beseitigen ist wie bei fast allen Theatern auch in Mannheim das große Muss. Im riesigen Foyer des Eingangsbereichs fehlen eine Sprinkleranlage und ein effektives Belüftungssystem, Fluchtwege, Brandvorwarnung und -abschottung im ganzen Haus, besonders auch im vollgestellten Keller, einem früheren Weltkriegsbunker, in dem die Lagerflächen zu knapp sind. Garderoben, sanitäre Einrichtungen, Arbeitsräume fürs Bühnenpersonal: Alle sind winzig, wirken schmuddelig, weil der Zahn der Zeit sichtbar an ihnen nagt. Technische Anlangen wie für die Ver- und Entsorgung stammen noch aus der Neubauzeit von 1954-57. Und es tropft von den Bunkerwänden: Dieses Feuchtigkeitsproblem muss beseitigt werden.

Einiges wird aber doch auf Anhieb ins Augen fallen: Ganz neu wird ein unterirdischer Orchesterprobenraum gebaut, weil ausreichend Platz und Lärmschutz für die 100 Orchestermusiker fehlen. Der Gastronomiepavillon auf dem Theatervorplatz wird komplett für die Gastronomie umgebaut, die Kassen kommen ins Foyer. Das obere Foyer, mit seiner Glasfront Schaufenster zu Stadt, wird gründlich restauriert und besucherfreundlicher eingerichtet. Das Schauspielhaus braucht dringend eine neue akustische Verkleidung, das Opernhaus neue Holztapeten für die Akustik und zeitgemäßere Bühnentechnik.

Vier Sanierungsjahre braucht es für all das. Die Mannheimer, so scheint es, stehen zu ihrem Theater.


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