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"Der verschwundene Hochzeiter" Bayreuther Festspiele wagen nach 136 Jahren eine Uraufführung

Von Dietgard Oberst

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Die perfekte Illusion: "Der verschwundene Hochzeiter" beeindruckt mit der Technik des Varieté-Theaters. Foto: Enrico Nawrath / Diskurs Bayreuth / Bayreuther FestspieleDie perfekte Illusion: "Der verschwundene Hochzeiter" beeindruckt mit der Technik des Varieté-Theaters. Foto: Enrico Nawrath / Diskurs Bayreuth / Bayreuther Festspiele

Bayreuth. Die Bayreuther Festspiele gehen mit der Zeit und erweitern sich. Deshalb beginnen das Wagner-Festival in diesem Jahr einen Abend vor der „Lohengrin“-Premiere mit einer Uraufführung.

So, die Bayreuther Festspiele haben es geschafft, wieder einmal ein nagelneues Werk auf die Bühne zu bringen, 136 Jahre nach der Uraufführung des „Parsifal“. Setzen die Festspiele damit um, was Festivalgründer Richard mit dem Satz, „Kinder macht Neues“ seiner Nachwelt mit auf den Weg gegeben hat? Nun, „Der verschwundene Hochzeiter“ ist sicher ein Stoff, der es an rätselhafter, um nicht zu sagen: verwirrender Mystik mit den Werken Wagners aufnimmt. Komponist Klaus Lang setzt diese Geschichte in transzendierende Klangflächen, die beherzte Schnitte gut vertragen könnten — wer will, kann da ebenfalls Parallelen zu den ausladenden Gesamtkunstwerken des Bayreuther Meisters erkennen. Und schließlich spielen ein Verbot und klaffende Löcher im Raum-Zeit-Gefüge eine entscheidende Rolle, wie in „Lohengrin“ und „Parsifal“. Weiterlesen: Der aktuelle Bayreuther "Parsifal"

Neues Format: "Diskurs Bayreuth"

Tatsächlich ist die Oper Teil des im letzten Jahr auf den Weg gebrachten Formats „Diskurs Bayreuth“, ein Rahmenprogramm, um das Phänomen Richard Wagner wissenschaftlich und kulturhistorisch neu zu ergründen. „Verbote (in) der Kunst“ steht diesmal als Titel über der Veranstaltungsreihe, und die Oper von Klaus Lang ist sicher ein markanter Beitrag. Gut, ins Festspielhaus hat es die neue Oper nicht geschafft; tatsächlich ist das Stück für die kleine Bühne konzipiert. Deshalb findet es im ehemaligen Kino Reichshof in der Bayreuther Fußgängerzone seinen passenden Ort (nachdem das frisch renovierte Markgräfliche Opernhaus sich als ungeeignet herausgestellt hatte, weil man Angst hatte, durch Langs Musik könnte der frische Putz von den Wänden fallen). Die Bayreuther Festspiele liegen damit im kulturpolitischen Trend, demzufolge die Institutionen ihre angestammten Tempel verlassen und dorthin gehen, wo sie neues Publikum vermuten. Eine Kleinkunstbühne könnte da genau der rechte Ort sein.

Tatsächlich arbeitet Regisseur Paul Esterhazy ausführlich mit den Mitteln der Kleinkunst, genauer: des Varietés. „Pepper’s Ghost“ heißt die Illusionstechnik, mithilfe derer Esterhazy die beiden Protagonisten auf der Bühne vervielfältigt — eine Technik aus der Zeit Richard Wagners, die auch im digitalen Zeitalter noch verblüfft. Pepper’s Ghost projiziert Figuren auf die Bühne, die wieTraumwesen bar jeder Stofflichkeit die beiden Hauptdarsteller umgeben. Bezaubernd ist das, wenn sich die Tänzerzwillinge Jirí und Otto Bubeníček, die realen Figuren mithin, vervielfachen, wenn einem Schlafenden eine Traumfigur entsteigt und ihr Eigenleben führt, bis Traum und Bühnenrealität wieder miteinander verschmelzen.

Ins Zeitloch gefallen

Eine kleines, kahles Zimmer mit zwei Fenstern hat Esterhazy auf die Bühne gebaut: Spielfläche für die beiden Tänzer und ihre illusionierten Doubles, sowie Projektionsfläche für die Videos von Friedrich Zorn. Erzählt wird eine österreichische Sage: Ein junger Mann, frisch verheiratet, wird von einem eigenartigen Menschen zu einer noch eigenartigeren Hochzeitsfeier eingeladen, wo im ausdrücklich verboten ist, länger zu tanzen, als die Musik spielt. Weil er dieses Verbot bricht, fällt er in ein Zeitloch und kommt 300 Jahre später zurück in sein Heimatdorf, erkennt das und zerfällt zu Staub. Diese Geschichte lässt Esterhazy fein in Niederösterreich; deshalb steckt Kostümbildnerin Pia Janssen den einen der beiden Tänzer in farbenprächtige Tracht und den anderen zum schwarzweißen Gegenentwurf gemacht.

So führt der Weg zu Wagner diesmal über die niederösterreichische Landschaft, aber es beschleicht einen sehr schnell das Gefühl, der Weg ende irgendwo im Wald. Das größte Problem aber sind die Klangflächen Klaus Langs, die weniger an die sanften Hügel Niederösterreichs denken lassen, als mehr an die flirrende Eintönigkeit unendlicher Karglandschaften.

Dabei erzeugt Lang eine gedrückte Atmosphäre, arbeiten das Ictus Ensemble und der Chor Cantando Admont klangliche Raffinessen durchaus heraus. Und die Solisten Alexander Kiechle (Bass) und Countertenor Terry Wey singen die Solopassagen mit feinen Stimmen, auch wenn sie klingen, als hätte Lang sie im Deklamationsschretter zerhäckselt. Vor allem aber tragen die Klangflächen nicht über anderthalb Stunden, und den allzu locker durchhängenden Handlungsfaden können nicht einmal die bezauberndsten Illusionen mit Spannung aufladen. Aber das Premierenpublikum feiert die Produktion trotzdem, und als Anfang für das Bayreuth der Zukunft mag dieser „Hochzeiter“ ja taugen. Richard Wagner hat ja auch gebraucht, um Festspiel-Niveau zu erreichen.


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