Roman „Dämmer und Aufruhr“ Bodo Kirchhoff ist dem Unsagbaren auf der Spur

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Ein Erzähler, der in den Bann zieht: Bodo Kirchhoff. Foto: dpa /Arne DedertEin Erzähler, der in den Bann zieht: Bodo Kirchhoff. Foto: dpa /Arne Dedert

Osnabrück. Bodo Kirchhoff erzählt in seinem großen, autobiografischen Roman „Dämmer und Aufruhr“ atemberaubend gut von seinen frühen Jahren und findet sogar eine Sprache für das Unsagbare, den sexuellen Missbrauch im Internat.

Die höchste Kunst besteht wohl darin, von den eigenen frühen Jahren zu erzählen, ohne die Leser zu langweilen. Deshalb trauen sich die meisten Schriftsteller erst spät an ein großes autobiografisches Werk. Wie Bodo Kirchhoff, Jahrgang 1948, der all seine reichen Erzählmittel eines langen Schriftstellerlebens aufbringt, um mit „Dämmer und Aufruhr“ in seine Jugend abzutauchen.

Was er ans Licht bringt aus dem Brunnen seiner Erinnerung, funkelt. Weil es gereinigt wurde von den Schlacken des Alltäglichen, weil es durch eine staunenswerte Sprachkraft veredelt wird und weil behutsam die roten Fäden gesucht und gefunden werden, die aus dem kleinen Jungen jenen Schriftsteller haben werden lassen, als den wir Kirchhof kennen.

Natürlich eilt dem Buch ein Ruf voraus: Dass Kirchhoff mit ihm seine Missbrauchserfahrungen in einem Internat am Bodensee aufarbeiten werde. Doch er erzählt so, dass die Erfahrungen des Elfjährigen mit einem Lehrer eine Episode, wenn auch eine einschneidende, bleiben. Sie zieht nicht alles an sich, auch erzählerisch nicht, bleibt aber ein schwieriger Akkord in einer Lebenskomposition, die dennoch ihre Würde behält. Wer sich auf das Buch einlässt, sollte sich deshalb unbedingt auf alles Erzählte einlassen und es Satz für Satz würdigen.

Farbglühende Landschaftsbilder

Denn Kirchhoff beschreibt hinreißend farbglühend schöne Landschaftsbilder, evoziert frühe Erinnerungen etwa von sommerlich tanzendem Staub im Sonnenlicht, die schlagartig eigene vergrabene Erinnerungsbilder abrufen. Das zarte Beziehungsgefüge zwischen dem kleineren Jungen und seiner vor Lebenssehnsucht vibrierenden Schauspielermutter atmet junges, sinnenfrohes Leben aus. Vor allem im Kontrast mit jenen Abschnitten, die die Besuche der sehr alten und hinfälligen Mutter schildern. Nur noch spärliche Erinnerungsfetzen lassen sich der mit ihren mühseligen Alltagsritualen kämpfenden alten Dame abringen. Seine Kummerspannungen bei diesen Begegnungen ertränkt der Sohn mit Wein.

Sprache fürs Unbenennbare

Für die Schilderung des Missbrauchs und seiner Folgen hilft ihm seine Sprachversiertheit. Für Erlebnisse, die die bisherige Erfahrungswelt aus den Angeln hebt, weil es in ihr keine Worte und Begriffe dafür gibt – und keine Bewertungen. Der Junge erlebt etwas, das sein Fassungsvermögen um Lichtjahre übersteigt. Das ist neben der physischen Gewalt, zu der es auch kommt, das eigentliche Verheerende an jedem Missbrauch an Minderjährigen. Der Elfjährige wird so aus dem titelgebenden unschuldigen Dämmer der Kindheitsjahre in den Aufruhr der erwachten Sexualität katapultiert.

Prägende Lektüreerlebnisse

Doch der Erzähler, obwohl er später Psychologie studiert hat, analysiert weniger, was mit ihm geschehen ist, sondern er schildert möglichst genau, Besuche im Frankfurter Rotlichtviertel und völlig isolierte Phasen etwa als Student mit nichts als obsessiver Malerei. Die inneren Bilder, auch die schönen, beglückenden, wollen bearbeitet, gestaltet werden. Erst später wechselt er das Medium und schreibt. Faszinierend beschrieben sind auch die Lektüreerlebnisse des jugendlichen Viellesers, der sich von Thomas und Klaus Mann, Alberto Moravia, Boris Vian, Jean-Paul Sarte und Albert Camus und vielen mehr beeinflussen lässt. Natürlich auch von den bald folgenden 68er Jahren. Doch seine Rebellion gegen Konventionen folgt weniger diesen äußeren Ereignissen als dem eigenen inneren Entwicklungsdruck. „Dämmer und Aufruhr“ ist ein ehrliches, kühnes und atemberaubend lesenswertes Buch.


Bodo Kirchhoff, „Dämmer und Aufruhr. Roman der frühen Jahre“, Frankfurter Verlagsanstalt, 468 S., 28 Euro

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