Neu in Worms und Bad Hersfeld „Siegfrieds Erben“ und „Shakespeare in Love“

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Machtvolle Erscheinung: Bruno Cathomas als König Siegmund mit Raubtierpelz bei einer Probe zu „Siegfrieds Erben“ während der Nibelungen-Festspiele in Worms. Foto: imago/ Michael DebetsMachtvolle Erscheinung: Bruno Cathomas als König Siegmund mit Raubtierpelz bei einer Probe zu „Siegfrieds Erben“ während der Nibelungen-Festspiele in Worms. Foto: imago/ Michael Debets

Worms/Bad Hersfeld. Neues bieten die beiden renommierten Freilichtbühnen in Worms und Bad Hersfeld: „Siegfrieds Erben“ bei den Nibelungen-Festspielen und „Shakespeare in Love“ als amüsantes Sommertheater in Hersfeld.

Es beginnt mit einem gellenden Schrei – und endet in einer blutigen Mordorgie im Schatten des mächtigen Kaiserdoms. „Siegfrieds Erben“ präsentiert sich bei den diesjährigen Nibelungen-Festspielen in Worms als Reise tief ins Herz der Finsternis. Für das Spektakel hat Intendant und Ufa-Chef Nico Hofmann wieder bekannte Namen an seine Tafelrunde in einer der ältesten Städte Deutschlands geholt.

Als Hunnenkönig Etzel stapft der hollywooderfahrene Jürgen Prochnow in Schnürstiefeln über die Freilichtbühne, begleitet von Ochsenknecht-Sprössling Jimi Blue als Siegfrieds Sohn Gunther – bis zum grässlichen Tod im Flammenmeer.

Fortsetzung des Mythos

Regisseur Roger Vontobel inszeniert „Siegfrieds Erben“ als bildstarke und düstere Fortsetzung des Nibelungen-Mythos. Die Geschichte der Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel setzt dort ein, wo die klassische Sage endet – nach dem Tod der rachedurstigen Kriemhild, Etzels Frau sowie Ex-Frau des blonden Drachentöters Siegfried.

Der trauernde Etzel reist nach Worms, um das Burgunderland und den Nibelungenschatz als Erbe einzufordern. Er trifft dort auf die Eltern des toten Siegfried, die den Schatz ebenfalls beanspruchen – sowie auf die zurückgebliebene Brunhild. Es ist der Beginn einer Spirale aus Hass, Gewalt und Wahnsinn, die in schwindelerregendem Tempo nach unten dreht. Im Zentrum stehen diesmal besonders die Frauen.

Bei langsam verglühendem Abendlicht eröffnet das Stück vor der Nordseite des Doms wie ein Kammerspiel. Scharfer Schwarzweiß-Kontrast beherrscht die schmale Bühne. In der Luft liegt die intensive Musik des mongolischen Kehlkopfsängers Enkhjargal Dandarvaanchig. Es ist ein schlichter Start, doch nach 30 Minuten beginnt das Stück mit einem Regiekniff wie von vorne. Die Kulisse kippt und gibt den Blick frei auf die Reste eines einstmals glanzvollen Hofs. Hier thront Brunhild (Ursula Strauss) mit ihrem Sohn Burkhardt (Max Mayer).

Baden in altem Ruhm

Wie alle in diesem Stück lebt die rothaarige Walküre auf den Trümmern ihrer Träume. Sie badet in altem Ruhm, während ringsum das Unkraut sprießt.Ihre furiosen Auftritte gehören zu den Höhepunkten des rund dreistündigen Stücks mit Pause. Angeführt von König Siegmund (Bruno Cathomas) und Königin Sieglinde (Karin Pfammatter), treffen die Niederländer mit Tochter Swanhild (Linn Reusse) ein. Am Ende wälzen sich alle im Dreck, statt Rheingold gibt es Schmutz und Schmerz. „Mit „Siegfrieds Erben“ starten wir in eine neue Ära der Festspiele und bewegen uns wieder näher an den Ur-Stoff der Nibelungenerzählung heran“, sagt Intendant Hofmann. Zuletzt war Kritik laut geworden, die Stücke seien überfrachtet. In diesem Jahr kommt es statt zur Materialschlacht zu feinen Ideen der Regie. So brandet Beifall auf, als Videotechnik den Dom gleichsam zum Zittern bringt (Bühnenbild: Palle Steen Christensen). Auch die Kostüme überzeugen (Nina von Mechow).

Wohltuend ist, dass Zaimoglu und Senkel den etwa 1300 Zuschauern immer wieder Momente der Ruhe anbieten - etwa, wenn Schauspieler Wolfgang Pregler mit viel Hingabe die Königsmutter spielt oder Miguel Abrantes Ostrowski als intriganter Priester meisterhaft die Balance hält zwischen Kabale und Karikatur. Pheline Roggan als Schamanin und Michael Ransburg als Diener gelingen mit kleinen Gesten große Kunst.

Prochnow und Ochsenknecht

Für Prochnow (77) und Ochsenknecht (26) ist diese Premiere besonders: Der Ältere hat nach eigener Aussage noch nie in einem Freilichtstück mitgewirkt, der Jüngere stand überhaupt zum ersten Mal auf einer Theaterbühne. Ochsenknechts Vater Uwe, der mit mehreren Familienmitgliedern nach Worms gereist war, spielte einst gemeinsam mit Prochnow im deutschen Filmklassiker „Das Boot“.

Bei einem Schauspieler floss übrigens echtes Blut: Felix Rech begab sich am vergangenen Mittwoch mit Bauchschmerzen ins Krankenhaus und musste am Blinddarm operiert werden. Nur zwei Tage später stand er am Freitagabend wieder als Gotenkönig Dietrich von Bern auf der Bühne.

Die Nibelungen gehören zu den Lieblingssagen der Deutschen. Der Ort der Festspiele ist historischer Grund: Eine Schlüsselszene der Sage, der Streit der Königinnen, spielt auf der Nordseite des Doms. An diesen Streit knüpfen die Festspiele seit 2002 an - in stets neuen Variationen. In diesem Jahr heißt es noch bis zum 5. August: „Der Teufel hielt sich die Nase zu, als er sie alle in die Hölle warf.“

Drei neue Stücke

Sommertheater in einer Sommernacht: So lässt sich die Premiere der deutschen Erstaufführung von „Shakespeare in Love“ beschreiben. Am Freitag wurde das Stück bei den 68. Bad Hersfelder Festspielen in der Stiftsruine gezeigt. Nach der ausverkauften rund zweieinhalbstündigen Vorstellung spendeten die 1300 Zuschauer lautstarken Beifall. Das Stück zum oscarprämierten Kinofilm aus dem Jahr 1998 war die dritte Saison-Premiere des hessischen Freilicht-Theaterfestivals.

Nach „Peer Gynt“ ist mit der fiktiven Erzählung über das Schaffen William Shakespeares ein zweites Schauspielstück zu sehen, das Musical „Titanic“ läuft in diesem Jahr als Wiederaufnahme. Ein Gegenstück zum Ibsen-Drama: Während „Peer Gynt“ die Zuschauer forderte und am Ende auch kritische Stimmen nach sich zog, durfte sich das Publikum am Freitagabend zurücklehnen und genießen. Regisseur Antoine Uitdehaags Inszenierung von Lee Halls Bühnenfassung kam an, war unterhaltsam und amüsant.

Für den neuen Intendanten Jörn Hinkel, der die Leitung des Freilicht-Theaterfestivals vom im Januar wegen Missbrauchsvorwürfen zurückgetretenen Dieter Wedel übernommen hatte, hat die Inszenierung ihre Aufgabe bestens erfüllt. „Wir wollten ein möglichst breites Spektrum von verschiedenen Stücken zeigen“, sagte er nach der Premierenvorstellung. „Ich glaube, dass das zwei sehr schöne Tag- und Nachtstücke sind, die da nun nebeneinanderstehen.“

Hinkel springt ein

Für Hinkel wurde die Premiere zu einem besonderen Abend: Er stand kurzerhand selbst auf der Bühne. Peter Englert, der gleich drei Figuren spielen sollte, war erkrankt, Hinkel übernahm die Rollen „Robin“ und „Lambert“, Roland Schreglmann half als „Bootsmann“ aus. Bemerkt hätten die Zuschauer diese spontane Umbesetzung ohne entsprechenden Hinweis vermutlich nicht - zu homogen war das Spiel des Ensembles. Neben aus dem Fernsehen bekannten Akteuren wie Brigitte Grothum, Martin Semmelrogge, Robert Joseph Bartl oder Bettina Hauenschild standen mit den beiden Hauptdarstellern zwei noch junge Schauspieler auf der Bühne: Dennis Herrmann (Jahrgang 1986) als Will Shakespeare und Natalja Joselewitsch (1991) als Viola spielten ihre Parts mit viel Charme und harmonierten auf der Bühne.

Shakespeare, der junge Dichter, leidet nicht nur Geldnot, sondern auch unter einer Schaffenskrise. Er verliebt sich in die Adelige Viola de Lesseps, die im 16. Jahrhundert entgegen allen Verboten davon träumt, auf der Bühne zu stehen. Sie schlüpft in Männerkleider, nennt sich Thomas Kent und spielt in Shakespeares Stück. Das Versteckspiel fliegt auf, und man hofft auf ein Happy End – doch sie ist bereits einem anderen versprochen.

Im Kern ist der Inhalt der Bühnenversion derselbe wie im Film. Eine einfache Kopie der Kinofassung ist es aber nicht, den Fokus seiner Inszenierung legt Uitdehaag klar auf die Bühne. „Es geht um das Theaterleben, um Schauspieler und Autoren“, sagt er. Shakespeare sei in jeder Zeit immer wieder neu interpretiert worden, fügte der Regisseur hinzu.

Auch aktuell könne und müsse man das tun - und so finden sich in der Bad Hersfelder Inszenierung trotz Ansiedlung im 16. Jahrhundert auch immer wieder moderne Elemente. So lässt sich beispielsweise die Sprache zum Teil klar der heutigen Zeit zuordnen und auch Türsteher in schwarzen Anzügen mit Sonnenbrillen passen weniger in die damalige Epoche. Gelungen sind auch die vielfältigen Kostüme, genau wie die fließenden Übergänge zwischen den Szenen. Mal leisere, mal lautere Töne, auch Tanzszenen oder wilde Kämpfe, mal ernst, dann wieder heiter: „Shakespeare in Love“ zeigt die bunte Welt des Theaters - vereint in einem Stück.dpa


Weitere Aufführungen: „Siegfrieds Erben“ wird bis zum 5. August an 16 Abenden aufgeführt. Montag, 30. Juli, ist spielfrei. „Shakespeare in Love“: 26. u. 27. Juli,4. August.

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