Roman von Francesca Melandri „Alle, außer mir“: Das triste Erbe des Kolonialismus

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Osnabrück. Was haben Flüchtlingswellen mit dem Kolonialismus zu tun? Francesca Melandris Roman „Alle, außer mir“ erzählt von Migranten und der verdrängten Vergangenheit europäischer Kolonialkriege. Das Buch trifft den wunden Punkt aktueller Debatten um Flüchtlinge.

Eines Tages steht er einfach vor ihrer Tür. Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti heißt der junge Mann, der bei der römischen Lehrerin Ilaria Profeti anklopft. Ein Neffe aus Afrika. Sein Name kombiniert äthiopische und italienische Anteile und spiegelt so bereits jene Verflechtungen von Geschichten, die Ilaria zu entwirren versuchen wird. Francesca Melandri erzählt in ihrem neuen Roman „Alle, außer mir“ vordergründig eine Familiengeschichte. In Wirklichkeit forscht sie nach der verdrängten Geschichte des europäischen Kolonialismus. Der junge Flüchtling ist kein Zufallsgast, sondern Sendbote aus einer nur scheinbar fern liegenden Vergangenheit mit ihrem beschämenden Erbe von Rassismus und Völkermord. Hier weiterlesen: China ist eine Erziehungsdiktatur - Autor Liao Yiwu im Interview.

Suche in Archiven

Melandri hat sich zunächst als Autorin von Drehbüchern einen Namen gemacht. „Alle, außer mir“ ist ihr dritter Roman, für den sie jahrelang recherchiert hat. Ob Italiens Archive oder Reisen nach Äthiopien - Melandri hat viel Stoff gesammelt, den sie im Roman nun ausbreitet. Das Genre der Familiengeschichte erweist sich dabei als jene elastische Form, mit der auch große Materialmengen erzählerisch koordiniert werden können. Melandri erzählt von Ilarias Vater Attilo, einem greisen Familienpatriarchen, der am Ende des Romans hochgetagt sterben wird. Seine Demenz avanciert zum Symbol kollektiven Vergessens. Was der einstige Lebemann verdrängt, will auch das offizielle Italien nicht mehr wissen - die Gräuel jenes sogenannten Abessinienkrieges, den Italien in seiner vormaligen Kolonie Äthiopien 1935 führte. Hier weiterlesen: Kann Literatur die Gesellschaft verändern? Ein Gastbeitrag von Prof. Christoph König.

Glatte Gewinner

Melandri zeichnet ihre heimliche Hauptfigur Attilo Profetti als glatten Gewinnertyp. Er unterhält nicht nur in Italien eine geheime Zweitfamilie, auch in Äthiopien hatte er Frau und Sohn. Deren Nachfahre Shimeta macht sich auf die Flucht nach Italien. Melandri erzählt eindringlich von Flüchtlingslagern, Schleusern, Märschen durch die Wüste, gefahrvoller Überfahrt. Und von dem, was der Großvater des jungen Flüchtlings seiner Familie verschwieg, dem Grauen des Völkermords, den Italiener in ihrer Herrschaftszeit bis 1941 an den Äthiopiern begingen. Profeti gab zeitlebens vor, als Partisan auf der moralisch richtigen Seite gestanden zu haben. Ilarias Recherchen - sie agiert hier wie ein alter Ego der Autorin Melandri - entlarven den Vater als gewissenlosen Rassekundler. Hier weiterlesen: Mein Buch fürs Leben - Albert Camus und der Kampf gegen das Absurde.

Fassade des Saubermanns

Alle, außer mir: Der Titel der deutschen Ausgabe des Romans zitiert Attilos Lebensmotto. Alle außer ihm sollen leiden oder sterben, er selbst aber will zu denen gehören, die davonkommen, vom Leid der anderen noch profitieren. Attilo Profeti gibt nach außen den Saubermann. In Wirklichkeit steht er für jenen amoralischen Machismo, der mit seiner Mischung aus Rücksichtslosigkeit, Lüge und Vorteilsnahme auch in der politischen Gegenwart mit Figuren von Silvio Berlusconi bis hin zu Donald Trump nur zu bekannt ist. Attilo Profeti liefert den Archetyp des Karrieristen mit der glatten Selbstdarstellung der ewigen Gewinner. Sein einziger Kummer: In der Prozesswelle der Mane pulite, der sauberen Hände, wird er nicht belangt. War er also zu unwichtig - auch als Schuft? Hier weiterlesen: Mein Buch fürs Leben - das macht Bücher für uns so unersetzlich.

Tief im Dilemma

Seine Tochter Ilaria steckt im Dilemma, so wie die schweigende Mehrheit der Gesellschaft. Als Lehrerin kümmert sie sich um Kinder von Migranten, sie kämpft sich durch den chaotischen römischen Alltag, lebt in einer Wohnung, die ihr Vater mit Schmiergeldern finanziert hat. Man wurstelt sich durch. Das gilt auch für Ilaria, die in Archiven nach der dunklen Vergangenheit ihres Vaters forscht, sich moralisch entrüstet und doch ein Liebesverhältnis mit dem jungen Rechtspopulisten Piero unterhält. Piero geht als junger Staatssekretär auf den gleichen Karriereweg wie Profeti. Kennt der Kreislauf aus Korruption und Ungerechtigkeit keinen Ausweg? Hier weiterlesen: Romane der Antihelden - Martin Walser zum 90. Geburtstag.

Migration und Kolonialismus

Francesca Melandri enthält sich zum Glück eindeutiger moralischer Urteile. Sie zeichnet ihre Figuren ohnehin schon mit Charakterlinien hart an der Grenze zum Klischee und weicht nicht immer der Versuchung aus, jedes noch so drastische Detail von Grausamkeit und Leid plastisch ausmalen zu wollen. Gleichviel. Ihr Roman „Alle, außer mir“ zeigt, wie aktuelle Migration und Kolonialismus miteinander verknüpft sind und trifft so den ausgeblendeten Kern der aktuellen Debatte um sogenannte „Flüchtlingskrisen“. Deshalb ist dieser Roman ein Buch der historischen Stunde. Hier weiterlesen: Die Stimme zum Roman - Lesungen machen aus Literatur Events.


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