Serie "Mein Buch fürs Leben" Drei Schüler identifizieren sich mit "Tonio Kröger“

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Eine Tanzstunde wurde zum peinlichen Fiasko für den jungen Schüler Tonio Kröger. Szenenbild aus der Verfilmung von Rolf Thiele 1964 mit Theo Lingen als Tanzlehrer. Foto: ddpEine Tanzstunde wurde zum peinlichen Fiasko für den jungen Schüler Tonio Kröger. Szenenbild aus der Verfilmung von Rolf Thiele 1964 mit Theo Lingen als Tanzlehrer. Foto: ddp

Osnabrück. Ein unwiderstehliches Identifikationsangebot machte mir und meinen Schulfreunden Thomas Manns Erzählung "Tonio Kröger".

Ein Buch war es nicht, sondern eine Erzählung, die sich in der Untertertia wie ein süßes Gift in meinem Denken ausbreitete. Thomas Manns „Tonio Kröger“ erschütterte mich in meinen entwicklungsbedingt noch nicht allzu stabilen Grundfesten. Um verständlicher zu machen, warum: Ich besuchte das Katharineum in Lübeck, genau jenes Gymnasium, das der spätere Literaturnobelpreisträger und schlechte Schüler nach zwei „Ehrenrunden“ ohne Abitur verlassen hatte. In dem übrigens auch der Schauspieler Mathieu Carrière entdeckt wurde, für seine Filmrolle des Tonio Kröger (1964). Dort im hohen Norden gab es häufig jene blauäugigen, unglaublich blonden, sportlich-gesunden Menschen mit stets rosigem Teint wie Hans Hansen und Inge Holm, nach denen sich der Schüler Tonio in Sehnsucht verzehrt.

Weiterlesen: Worum es in der Serie "Mein Buch fürs Leben" geht:


Vergötterung der Blonden, Blauäugigen: Mathieu Carrière als Tonio Kröger in Rolf Thieles Verfilmung von 1964. Foto: ddp images


Auf den Leim gegangen

Schon lief die Identifikationsmaschinerie an: Auch ich war wie Tonio der brünette Typ, mit braunen Augen und südlichen Wurzeln. Kein Wunder also, dass auch ich bei geselligen Anlässen hin und wieder vergeblich wartend abseits stand, in der Hoffnung, der jeweils Angebetete würde mich dort erlösen. Was war geschehen? Ich und übrigens auch meine beiden männlichen und dunkelhaarigen Schulfreunde waren Thomas Mann auf den eloquent ausgelegten Leim gegangen, seinen so unglaublich stringenten Erklärungen dafür, warum es nur zwei Grundtypen von Menschen gebe: die blonden, blauäugigen, die unkompliziert und gewinnend mitten im Leben stehen und allseits geliebt werden und die „dunklen“, zarten, eher schwächlichen und vom Leben und der Liebe ausgeschlossenen. Denen nichts als das Grübeln bleibt bis hin zum „Erkenntnisekel“ – und bei Tonio Kröger die Verdammnis zum Künstlertum.

Weiterlesen: „Die Pest“: Camus und der Kampf gegen das Absurde


Ehrwürdiges Gemäuer: Im Lübecker Katharineum mit eigener Katharinenkirche (links) drückten Thomas Mann und Tonio-Kröger-Darsteller Mathieu Carrière die Schulbank. Die Datierung der alten Aufnahme ist unklar. Foto: imago/Arkivi


Angriff auf das Selbstbild

Das Gift dieses Erklärungsmodells fraß sich, nicht ohne Skepsis, durch mein bisheriges Selbstbild. Las ich nicht auch wie Tonio lieber Theodor Storms so unendlich wehmütige Liebesnovelle „Immensee“, statt von Melancholie unangekränkelt wie Hans Hansen Pferdebildbände zu studieren? Außerdem gefiel mir insgeheim und mit schlechtem Gewissen, wie geringschätzig Thomas Mann vom braven, treuherzigen und gewöhnlichen Mittelmaß von Hans und Inge sprach, die „frei vom Fluch der Erkenntnis“ fröhlich vor sich hinlebten. Wollten wir drei Schulfreunde doch auch, wenn schon nicht allseits geliebt, dann wenigstens geistig überlegene Intellektuelle werden. Halb verschwörerisch, halb spöttisch raunten wir uns in den Schulpausen auswendig Mann-Zitate zu, etwa wenn es über den verliebten Tonio heißt: „Damals lebte sein Herz; Sehnsucht war darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganz keusche Seligkeit.“

Weiterlesen: "Krabat" – Preußlers Meisterstück


Gefühlsverbot für Künstler

Alles andere als leichte Kost wie so oft bei Mann waren die Dialoge des 30-jährigen Schriftstellers Tonio mit der Künstlerin Lisaweta. Der künstlerisch Schaffende darf nicht empfinden, wettert Tonio, das warme, herzliche Gefühl sei immer banal und künstlerisch unbrauchbar. „Künstlerisch sind bloß die Gereiztheiten und kalten Ekstasen unseres verdorbenen, unseres artistischen Nervensystems“. Richtig!, stimmten wir jubelnd und natürlich mit heißem Herzen zu und beherzigten unter einigen Krämpfen diese Rezepte: Weg mit der Gefühligkeit und dem banalen Alltagsgeschwätz, her mit der knochentrockenen, heiligen Sachlichkeit.


Der "Zauberer", wie ihn seine Kinder nannten: Thomas Mann am Schreibtisch. Foto: picture-alliance/dpa


Lieber Künstler als Bürger

Zu verführerisch las sich, was Mann, der „Zauberer“ mit bestechender, aber eben auch papierener schwarz-weißer Analyse da anbot. Zu jung waren wir, um schon den Mut für das Mischverhältnis aus Gefühl und Verstand aufzubringen, das erst lebensfähig macht. Natürlich reizte es mehr, unglücklicher, aber genialer Künstler zu werden als ordentlicher und langweiliger Bürger. Bei aller Skepsis dem Mannschen Stil gegenüber waren wir doch in die Falle Literatur getappt. Die Mann sehenden Auges aufgestellt hatte, wenn er sie Tonio Kröger als „kranken Adel“ oder als „sanfte Rache am Leben“ bezeichnen lässt. Dennoch ist dieser Racheakt in seiner so brennend intensiv herausgearbeiteten Dichotomie von Bürgertum und Künstlertum ein großartiges Stück Literatur, das zeitlos gültig bleibt. 

Weiterlesen Sylvia Plaths "Die Glasglocke" als "Buch fürs Leben"

Welches ist denn Ihr „Buch fürs Leben?“ Beteiligen Sie sich gern mit einer kurzen Begründung an unserem Format und schicken Sie diese an feuilleton@noz.de. Am Ende soll darüber abgestimmt werden, welches Buch vorn liegt.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN