Serie Magische Museen Wohnhaus als Ort der Kunst: Emil Noldes Seebüll

Von Martin Schulte

Im Bildersaal hängen die farbkräftigen, großformatigen Werke Emil Noldes dicht gedrängt. Foto:grafikfoto.de/StaudtIm Bildersaal hängen die farbkräftigen, großformatigen Werke Emil Noldes dicht gedrängt. Foto:grafikfoto.de/Staudt

Seebüll Unsere Redakteure stellen in diesem Sommer Ausstellungshäuser vor, die ihren Charme auf eine besondere Weise entfalten. Heute geht die Reise nach Seebüll, wo Emil Nolde lebte und arbeitete.

Diese Landschaft, die so flach ist wie keine zweite in Deutschland, kann einem schon manchmal das Gemüt niederdrücken. In den kalten Herbst- und Wintermonaten etwa, wenn die Felder braun sind und der Himmel grau, wenn der Wind heftig von der Nordsee her pustet, dann zeigt sich Nordfriesland eher von seiner unwirtlichen Seite. Dann hängt über den schmalen Wegen, die zu Emil Noldes Museum führen, der Horizont so tief, dass man fast über ihn stolpern könnte. Der berühmte Expressionist, der 1867 als Emil Hansen im Dörfchen Nolde geboren wurde und sich später nach dem Ort im deutsch-dänischen Grenzland benannte, hat seine eigene Maler-Utopie in Seebüll gefunden, mitten im nordfriesischen Nirgendwo.

Das war im Jahr 1926, und der Maler hat den Moment, in dem er den geeigneten Platz für sein Wohn- und Atelierhaus erblickte, in seinen Erinnerungen beschrieben: „Als ein junges Pferd um uns herumgaloppierend tollte und die Himmelswolken, über dem Wasser schwebend sich spiegelten, da schauten wir beide uns verstehend an, und meine Ada sagte: Hier ist unser Platz!“ Kurz darauf begannen die Noldes mit dem Bau des Wohnhauses, das einen rautenförmigen Grundriss bekam. Es ist ein untypisches Haus für die Region: mit den strengen Linien der Bauhaustradition, gedrungenen Formen, kleinen Fenstern. Kein einladender Dreiseithof, wie er für die Gegend typisch ist, sondern eher ein abweisender Rotklinker-Bunker, aber einer, der mit der Landschaft verwachsen scheint. Zu diesem Eindruck trägt auch die Gestaltung des Blumengartens bei, den Nolde mit viel Liebe fürs Detail anlegte und der bis heute nach den Vorstellungen des berühmtesten Bauernsohnes der Region gepflegt wird. 1937 erfüllte sich Nolde überdies einen lange gehegten Traum und ließ auf seinem Atelier nachträglich den sogenannten Bildersaal errichten, in dem auch heute noch die Besucher von den eng gehängten, großen Ölbildern des Expressionisten empfangen werden.

Haus und Garten gehörten zu dem Gesamtkunstwerk, das Emil und Ada Nolde in der Region hinterlassen haben – und das seit Noldes Tod im Jahr 1956 zur gleichnamigen Stiftung gehört. Der große Schatz des Museums aber ist die Sammlung der Nolde-Werke im Magazin. Fast 500 Ölgemälde sowie mehrere Tausend Aquarelle und Grafiken sind das insgesamt – der Großteil der von Nolde erhaltenen Werke. Dazu kommen viele persönliche Dinge wie seine farbverschmierten Pinsel oder die Tabakspfeife, aber auch Korrespondenz und Bilder befreundeter Maler wie etwa Franz Marc. „Wir wollen dieses Haus ganz bewusst auch für andere Künstler öffnen“, sagt Christian Ring, der die Stiftung seit 2013 als Direktor leitet. Bislang wurden im Museum nur Bilder des Hausherrn ausgestellt. Unter Ring hat sich die Stiftung zunehmend geöffnet, sowohl im Bereich der Kunst als auch in der Betrachtung der fragwürdigen Seiten des Malers Emil Nolde. So hat die Stiftung unlängst ein Gutachten in Auftrag gegeben, das die Rolle des Malers während der nationalsozialistischen Diktatur wissenschaftlich geprüft hat. Das wenig überraschende Ergebnis: Nolde, der ein großer Anhänger der NS-Ideologie war, hat nie verstanden, warum seine Kunst als „entartet“ verboten worden war. Und er hat sich bei den Nazis angebiedert. „Noldes Werk ist so stark, dass es diese historische Prüfung aushält“, sagt Ring. Und in der Tat sind die fantasievollen, farbmächtigen und üppigen Bilder des Expressionisten nicht nur fester Bestandteil großer internationaler Ausstellungen, sondern auch gefragte Objekte auf dem Kunstmarkt. Und sie locken jährlich knapp 80000 Menschen nach Seebüll. Dorthin also, wo an den Museumswänden eindrucksvolle Belege der Farbkraft der nordfriesischen Landschaft hängen. Eine Farbkraft, die einem durchaus das Gemüt erhellen kann.

Emil Nolde – Wanderjahre. Die Entdeckung der Farbe. Nolde-Stiftung, Seebüll 31, Neukirchen. Bis 30. November, täglich 10 bis 18 Uhr.