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Stararchitekt im Interview Daniel Libeskind: „Autos zerstören die Städte“

Von Ralf Döring


Osnabrück. Spitze Winkel, schräge Linien und spektakuläre Einschnitte sind das Merkmal des Architekten Daniel Libeskind. Dabei steht der Mensch im Zentrum seines Schaffens.

Immer mehr Menschen leben in Städten. Was bedeutet das für Architektur und speziell für Ihre Arbeit?

Wir müssen dafür sorgen, dass Architektur auf soziale Belange eingeht. Städte dürfen nicht nur für die Reichen, ökonomisch Erfolgreichen da sein, sondern für jeden. Wir müssen Städte erschwinglich halten. Das hat damit zu tun, wie wir sie gestalten, wie wir zum Beispiel mit dem Verkehr umgehen. Der Autoverkehr und daraus resultierend die Luftverschmutzung haben stark zugenommen und schwächen die Städte. Wie schaffen wir bezahlbaren Wohnraum, wie sorgen wir dafür, dass jeder Mensch in der Stadt seine Würde behält, wie kreieren wir eine Stadt, die für alle Bürger attraktiv ist? Das ist eine echte Herausforderung, vor allem in den richtig großen Städten.

Deshalb haben Sie jüngst ein Haus für Senioren in Brooklyn gebaut?

Genau. Ich habe zwei Wettbewerbe für bezahlbare Wohnhäuser gewonnen, eines in Brooklyn und eines auf Long Island. Das ist New York, aber ich würde das auch in anderen Städten umsetzen, auch in Deutschland. Bezahlbarer Wohnraum ist zu einem globalen Problem geworden, weil die Einkommensschere immer weiter auseinandergeht. Aber jeder Einzelne verdient ein würdevolles Wohnumfeld.

Wie muss eine Wohnung aussehen, die das gewährleistet?

Es geht keinesfalls darum, wie groß eine Wohnung ist. Was eine gute Wohnung ausmacht, ist die Frage, wie sie aufgebaut ist, wie sie aussieht, wie sie sich der Familie anpasst, die in ihr lebt. Auch Luxus spielt keine Rolle, sondern allein die Qualität des Designs.

Sie sprachen bereits über Luftverschmutzung und Verkehr. Kann in Zukunft noch jeder Einzelne mit dem eigenen Auto durch die Stadt fahren?

Nein. Wir müssen zuallererst erkennen, dass Autos die Städte zerstören. Der Individualverkehr hat die organisch gewachsenen Strukturen der Städte zersetzt, und dagegen müssen wir etwas unternehmen, wenn Städte ihre Bedeutung für die Gesellschaft behalten sollen. Ich denke, wir gehen auf eine Epoche zu, in der Autos allmählich verschwinden und wir Autobahnen und Stadtzentren für die Fußgänger zurückerobern. Neue Technologien wie selbstfahrende Autos werden die Städte sehr radikal verändern.

Das Problem in Deutschland ist, dass viele Menschen nach der Devise „My car is my castle“ leben.

Das gilt für die USA und für jedes entwickelte Land. Aber es ist doch sinnvoller, ins öffentliche Verkehrssystem zu investieren und aufs Privatauto zu verzichten. Wer Auto fährt, nimmt eine hohe Verantwortung auf sich; trotzdem bleibt es gefährlich. Wenn wir uns vom Auto befreien, gewinnen wir insgesamt mehr Freiheit.

Sie haben Wohn- und Bürohäuser gebaut, Sie haben Universitätsgebäude wie die Erweiterung der Leuphana-Universität in Lüneburg gebaut. Bereitet Ihnen das mehr Freude, als Museen wie das Felix-Nussbaum-Haus oder das Jüdische Museum in Berlin zu bauen?

Nein! Museen sind unglaublich wichtig, denn sie leisten einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben. Deshalb ist Architektur in diesem Fall mehr als nur ein Museumsbau. Menschen verbringen dort Zeit, sie bekommen Einblick in bestimmte Themen und werden informiert, und all das trägt bei zu einer lebenswerten Gesellschaft. Ich bin stolz auf die Museen, die ich gebaut habe, um Fragen von Geschichte und Erinnerung ins Bewusstsein zu bringen. Damit leiste ich einen Beitrag zu Fragen, wie wir als Menschen eine bessere Zukunft gestalten.

Sie haben auch Möbel gestaltet. Folgt das den Ideen des Bauhauses, Architektur und Design als Gesamtheit zu verstehen?

Das Bauhaus war eine Gruppe von Genies, die eine Vorstellung davon hatten, was es bedeutet, ein modernes Leben zu führen. Wie müssen Gropius, Kandinsky, Paul Klee und all die Meister bewundern, die nicht nur darauf achteten, wie Dinge aussehen, sondern wie sie funktionieren. Das hat mich sehr beeinflusst. Ich habe spät angefangen, mich mit Architektur zu befassen, aber ich designe alles vom Stuhl bis zum Tisch, Lampen, Betten, um ein Haus auf elegante und funktionale Art einzurichten.

Was Sie bisher nicht gebaut haben, ist ein Konzerthaus und ein Stadion. Denken Sie darüber nach?

Tatsächlich habe ich ein Konzerthaus gebaut, und zwar das Grand Canal Theatre in Dublin. Das ist ein multifunktionales Gebäude mit 2000 Sitzplätzen, das auch für Opernaufführungen und klassische Konzerte genutzt wird und Dublins Hafengebiet wiederbelebt hat. Aber natürlich würde ich gern mehr Kulturhäuser bauen, denn in Hamburg haben wir gesehen, wie so etwas eine Stadt voranbringen kann – nicht nur ökonomisch, sondern kulturell. Die Besonderheit in Dublin war übrigens, dass ich mit der Bühne begonnen habe: Ich habe das Gebäude von der Akustik her gedacht und habe deshalb nicht mit der Fassade begonnen. Denn die Akustik ist der Schlüssel zu einer großartigen Konzerthalle.

Angenommen, Sie hätten die Elbphilharmonie gebaut. Wie würde sie dann aussehen?

Ich kann das nicht sagen. Die Elbphilharmonie ist ein sehr gutes Haus geworden, und Spekulationen lohnen nicht. Aber es gibt jede Menge anderer Konzerthäuser in der Welt zu bauen.

In Bremen haben Sie ein Konzerthaus geplant, das Musicon. Es wurde nicht realisiert – sind Sie darüber traurig?

Nein. Als Architekt plane ich ein Projekt, aber ich bin nicht der einzige Beteiligte. Sie brauchen Geld und Leidenschaft, so etwas zu realisieren. Über die Jahrhunderte haben viele Architekten Gebäude entworfen, die niemals realisiert wurden.

Das Los eines Architekten.

Ja! Aber der Job eines Architekten ist es, Dinge zu entwerfen und den Weg zu neuen Projekten zu finden.

Sie haben Bühnenbilder für „Tristan“ entworfen und die Oper „St. François d’Assise“ inszeniert. Möchten Sie so etwas wiederholen?

Es gibt Pläne, aber ich kann darüber noch nicht sprechen. Jedenfalls es ist nicht wie Architektur; so etwas dauert keine zehn Jahre.

Wenn man an die Bayreuther Festspiele denkt, hat man schon das Gefühl.

(lacht). Ich hatte bereits einen Vertrag für Wagners „Ring des Nibelungen“ in Covent Garden. Unglücklicherweise musste ich mich davon zurückziehen, weil ich zu viel mit Projekten in New York und anderswo beschäftigt war. Aber eines Tages werde ich das tun!

Ich bin gespannt. Lassen Sie uns über das Felix-Nussbaum-Haus sprechen. Dieses Museum war das erste Gebäude, das Sie jemals entworfen und gebaut haben. Aber in Artikeln über Sie wird es häufig nicht einmal erwähnt. Warum ist das so?

Das Felix-Nussbaum-Haus ist eines meiner liebsten Gebäude, ich glaube auch, eines meiner stärksten. Ich liebe es, und ich finde, Osnabrück ist so eine bezaubernde Stadt. Aber Osnabrück ist nicht Berlin: Es ist ein kleiner Ort. Große Projekte in großen Städten werden einfach besser wahrgenommen. Aber es geht nicht um die Größe eines Gebäudes, es geht um seine Qualität, um seine Atmosphäre, welche Geschichte es erzählt. In diesem Sinn und nach architektonischen Gesichtspunkten ist das Felix-Nussbaum-Haus eines meiner wichtigsten Gebäude.

1998 war die Welt eine andere als heute. Zumindest gefühlt gibt es mehr Kriege, mehr Gewalt, mehr Flüchtlinge. Vor diesem Hintergrunde: Würde das Nussbaum-Haus heute anders aussehen?

Nein! Das Gebäude erzählt eine Geschichte, und das ist nicht die Geschichte über sechs Millionen Menschen, sondern eine Geschichte über ein einziges Individuum: ein deutscher Bürger, eine Persönlichkeit, ein stolzer deutscher Bürger, der zufällig Jude war. Was geschah mit ihm? Er erlebte Antisemitismus und eine Staatspolitik, die geprägt war von Bigotterie und Hass auf Religion. Was passierte, als der Genozid begann? Was geschah mit dem Land, was geschah mit den Werten der Humanität? Das ist die Geschichte des Nussbaum-Hauses, und die ist heute aktueller denn je, aktueller als zu der Zeit, als es gebaut wurde.

Architektur ist eine Kunst für die Zukunft. Welche Botschaft wollten Sie mit dem Felix-Nussbaum-Haus aussenden?

Zunächst einmal: Osnabrück ist ein wunderbarer Ort zum Leben. Ich bin dankbar, dass ich ein Gebäude für Osnabrück bauen durfte. Es geht um Deutschland, um Felix Nussbaum. Es geht um die Zukunft, denn das Gebäude verhandelt das Thema Humanität. Es ist ein Haus ohne Ausgang. Was bedeutet das für die Zukunft? Vielleicht die Frage, welche Bilder von Felix Nussbaum wir nie sehen werden: Er war gezwungen, solch traurige Bilder zu malen. Warum fand er so ein schreckliches Ende? Das Nussbaum-Haus sendet aber auch eine Botschaft der Hoffnung aus. Denn das Haus ist mehr als der Nussbaum-Gang; es zeigt auch seine früheren Werke, die so romantisch und schön sind. Es geht auch darum, Nussbaum zurückzubeziehen auf das Kulturhistorische Museum, und die Stadt zeigt dabei Kontinuität in der Aufarbeitung der Geschichte und Verantwortungsbewusstsein im Gedenken. Das macht dieses Gebäude auf der Welt so einmalig.

Am Sonntag werden Sie Ihr Gebäude leer vorfinden, da die Bilder abgehängt wurden. Wie wird das für Sie werden?

Das wird eine Art Wiedergeburt! Das Gebäude wurde gebaut, um Gemälde zu zeigen, das ist seine Funktion. Aber bevor die Bilder hineinkommen, ist es leer. Ich denke, das wird ein wunderbares Erlebnis für die Menschen werden: Sie gehen durch das Gebäude, können meditieren, das Licht sehen, die Echos hören. Das Gebäude selbst erzählt schon eine Geschichte, auch ohne Gemälde.

Letzte Frage: Wann haben Sie das letzte Mal Akkordeon gespielt?

(lacht) Das ist lange her. Wissen Sie, als Profi fällt es schwer, ein Hobbymusiker zu sein. Wenn Sie einmal diese Entscheidung gefällt haben, führt kein Weg mehr zurück.

Aber Musik spielt eine große Rolle in Ihrem Leben?

Natürlich. Wenn man sich die Proportionen des Felix-Nussbaum-Hauses anschaut, sieht man: Es folgt präzisen kompositorischen Prinzipien, zum Beispiel bei der Lichtsetzung. So, wie ich Architektur verstehe, liegt da immer Musik drin.

Sonderprogramm zum 20-jährigen Bestehen: des Felix-Nussbaum-Hauses: 20 Jahre - 20 Tage. Infos unter www.osnabrueck.de/fnh


Der Architekt Daniel Libeskind: Beispiele seiner Baukunst

Kö-Bogen: Am 17. Oktober 2013 wird der Kö-Bogen in Düsseldorf eröffnet. Der Gebäudekomplex beherbergt Büros, Einzelhandel und Gastronomie. Die typische Libeskind-Architektur mit scharfen Einschnitten in der Front aus Glas und Kalkstein erschließt sich von der Hofgarten-Seite aus, während die geschwungenen Formen im Inneren (unser Bild) Libeskind von seiner leichtlebigen Seite zeigt.

Leuphana: Daniel Libeskind denkt Architektur vom Menschen. Beim neuen Zentralgebäude der Leuphana-Universität in Lüneburg lässt er deshalb Studierende an der Planung teilhaben. Die Linienführung strebt schräg nach oben und vermeidet alles Regelmäßige, die Kosten leider auch: Aus geplanten 58 Millionen Euro sind bei der Eröffnung im Frühjahr 2013 rund 100 Millionen Euro geworden.

Sapphire: Hart, kantig, schroff: So beschreibt Daniel Libeskind den Edelstein Saphir, und das passt aus seiner Sicht offenbar zu Berlins Mitte.Deshalb hat er sein Wohnhaus dort „Sapphire“ genannt. Asymetrisch und glänzend steht es da, und wer dort wohnen will, muss ein bisschen was auf der Tasche haben: Bis zu 15 000 Euro pro Quadratmeterkostet eine Wohnung dort.

Jüdisches Museum: Der Museumsbau in Kreuzberg hat Daniel Libeskind berühmt gemacht, wenngleich er auf der Werkliste die Nummer 2 trägt – nach dem Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück. Offenkundige („Garten des Exils“, „Holocaustturm“) und versteckte Querverweise (die Zahl 49) sind der Link zur Welt jenseits der Museumsmauer – ein prägnantes Merkmal in Libeskinds Architektur. dö

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