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"Auf der Suche nach Bergman" Von Trotta: Bergman hatte seine Oscars versteckt

Von Daniel Benedict

Ingmar Bergman: Zum 100. Geburtstag des Regisseurs legt Margarethe von Trotta ihre Doku Ingmar Bergman: Zum 100. Geburtstag des Regisseurs legt Margarethe von Trotta ihre Doku "Auf der Suche nach Ingmar Bergman" vor. Foto: imago/ZUMA Press

Berlin. Wer war Ingmar Bergman? Margarethe von Trotta erinnert sich an den Künstler, den ihre aktuelle Doku porträtiert.

Am 14. Juli wäre Ingmar Bergman 100 Jahre alt geworden. Margarethe von Trotta bringt zum Jubiläum die Dokumentation "Auf der Suche nach Ingmar Bergman" ins Kino. Im Kino erinnert sie sich an den Ausnahmeregisseur.




Margarethe von Trotta auf Fårö: Im Kernland der Bergman-Welt sucht die Regisseurin nach Spuren zum Meister. Foto: Weltkino / Börres Weiffenbach


Frau von Trotta, 1997 wurde Ingmar Bergman in Cannes mit einer „Palme der Palmen“ als besten Regisseur aller Zeiten geehrt …

Von Trotta: Ein schrecklicher Titel, zumal er selbst so viele andere Regisseure verehrt hat. Ich denke, man hat gehofft, dass ihn das zum Kommen ermuntert. Bergman hat ja immer seine Tochter oder Liv Ullmann geschickt. 1988 hatte Bergman mich in die Jury des Europäischen Filmpreise geholt; da hat er uns in ein schottisches Golf-Hotel verfrachtet, im Spätherbst, als garantiert keiner mehr Golf spielte. Bei der Preisverleihung hat er dann so getan, als sei er krank. Das war so. Wenn zu viele Menschen um ihn waren, hat er Ängste bekommen. Und Preise waren ihm unwichtig. Seine Oscars hatte er irgendwo im Schrank versteckt; das hat mir mal sein Kameramann Sven Nykvist erzählt. (Wer war Bergman? Eine Würdigung zum 100. Geburtstag)


Was macht Bergman für Sie nicht zum besten, aber zu einem der besten Regisseure?

Vielleicht gerade der Umgang mit seinen Ängsten. In seinen Filmen liefert er schonungslose Selbstporträts, und es ist erhellend, wie ernst er sich dabei auch in seinen schlechten Seiten nimmt. Er ist ehrlich mit sich und gibt alles preis.




Haben Sie Lieblingsfilme?

Mein erster Bergman-Film war der Film, der mich für das Kino begeistert hat: „Das siebente Siegel“. Dann kommt „Wilde Erdbeeren“, „Licht im Winter“ und „Schreie und Flüstern“. Und „Sarabande“, das war sein letzter Film. Sicher spielt da bei meiner Begeisterung auch die Freude eine Rolle, dass er so lange nach seinem offiziellen Abschied mit „Fanny und Alexander“ überhaupt wieder hat; aber mich rührt auch, wie er hier noch einmal das Paar aus „Szenen einer Ehe“ zusammenbringt, Liv Ullmann und Erland Josephson. In einer Szene zieht der alte Mann sich aus und sagt: Ich hab Angst vor dem Tod, ich hab Angst vor der Dunkelheit – und legt sich dann zur Frau ins Bett legt wie das Kind zu seiner Mutter. Das finde ich ergreifend.

In Ihrer Doku erwähnen Sie, dass Ingmar Bergman Sie und ihren damaligen Mann Volker Schlöndorff in den 70ern in München besucht hat. Waren Sie Freunde?

Er wollte damals uns und überhaupt Künstler in München kennenlernen. Er war ja geflohen, nachdem ihm im Schweden eine Steuerfahndung in eine schwere Krise gestürzt hatte. Er kannte Filme von Volker und mir und suchte einfach nur Kontakt. Ich erinnere mich nicht, ob wir ihm helfen konnten oder was wir besprochen hätten. Ich weiß nur noch, dass er die ganze Zeit unsere Hände gehalten hatte und ich davon tief beeindruckt war. Es muss ihm damals wirklich sehr schlecht gegangen sein. Was wir nicht wussten. Von der Steueraffäre haben wir erst später erfahren. (Von Bergman bis Ant-Man: Die Filmstarts im Juli)

Ist aus dem Kontakt mehr erwachsen?

Volker hat seine Filme gemacht, ich meine. Wiedergetroffen habe ich Bergman erst 1988 in der Jury für den Europäischen Filmpreis. Danach habe ich ihn noch einmal gesehen, als er sich Mitte der 90er als Präsident der Europäischen Akademie von uns allen verabschiedet hat. Wir saßen wie die Gralsritter um König Artus herum. Er ist dann nach Fårö gegangen und nie wiedergekommen.

Bergman-Filme, die längst als Klassiker kanonisiert sind, haben in den 60er Jahren Skandale ausgelöst, die man heute kaum noch versteht. Haben Sie selbst diese Schockwirkung damals empfunden, zum Beispiel in den erotischen Szenen aus „Das Schweigen“?

Nein, und ich glaube auch, das war vor allem ein deutsches Phänomen. Es gab ein großes Bedürfnis, nackte Haut zu sehen und zugleich ein großes Tabu – denken Sie an die Sexfilm-Welle, die zuerst als Aufklärung beworben wurde. Die Schweden haben das nicht ernst genommen; die haben sich zur jeden Mittsommernacht ausgezogen und das Ende der Winterdunkelheit gefeiert. Das war ein anderes Lebensgefühl, das mit der Scham der Deutschen nicht zusammenging.

Auch Reich-Ranicki hat die existenziellen Fragen des Films 1964 in der „Zeit“ als Vorwand für Sex missdeutet.

Er hat das vielleicht so gesehen, weil er so ein verklemmter Typ war – Bergman war's nicht. Die puritanischen Zuschauer in Deutschland sind natürlich wirklich nur wegen dieser Szene ins Kino gerannt, die hatten schließlich auch Gelüste. Kein anderer Film von Ingmar hatte mehr Zuschauer.

Für Bergman kennzeichnend ist die Arbeit mit einer festen Filmfamilie aus den immer gleichen Schauspielern und Kameraleuten. Sogar Skriptgirl war bei ihm offenbar eine Lebensanstellung. Sie halten es genauso …

… und dafür muss ich immer wieder mit Ingmar Bergman argumentieren.


Ikonisches Filmstill: Bibi Andersson und Liv Ullmann in "Persona" (1966). Foto: imago/United Archives


Dafür muss man argumentieren? 

Absolut. Als ich „Hannah Arendt“ gedreht habe, waren alle Produzenten und Geldgeber gegen Barbara Sukowa, sogar Arte. Ich musste mit dem Abbruch des Projekts drohen, sonst hätte ich sie nicht durchgesetzt – die einzige Schauspielerin, der man zutraut, dass sie so wie Hannah Arendt denkt. Dabei ist es natürlich ein großer Vorteil, wenn man sich kennt und vertraut. Barbara Sukowa sagt immer, mit mir würde sie auch das Telefonbuch verfilmen – sie geht bei mir ins Extrem, weil sie weiß: Ich hole sie zurück. Wir verstehen uns stumm. Bei Bergman war das noch intensiver, weil er mit Schauspielerinnen wie Liv Ullman, Harriet Andersson und Bibi Andersson sogar Liebesbeziehungen hatte. Da kennt man sich dann auf noch eine andere Weise. Das ermöglicht Filme, in die man viel von seiner eigenen Person einbringen kann.

In Ihrer Doku erwähnen Sie Bergman-Einflüsse in Ihrem Werk, auf die andere Sie erst hinweisen müssen. Welche waren das?

Bei der Gefängnisszene in „Die bleierne Zeit“ spiegeln die Schwestern sich ineinander – das ist so ein Bild, bei dem alle an „Persona“ denken. Ein Film, den ich damals überhaupt nicht im Kopf hatte.

„Die bleierne Zeit“ gehört zu den elf Titeln, die Bergman auf einer Liste der für ihn wichtigsten Filme geführt hat. Hat er Ihnen erklärt, was ihn so beeindruckt hat?

Er hat mir erzählt, dass er Anfang der 80er in einer Krise steckte, nicht mehr drehen wollte und durch meinen Film wieder Mut gefasst hat. Warum, hat er nicht gesagt. Ich glaube, es ist das Pfarrhaus. Ich erzähle nach Gudrun Ensslins Geschichte von zwei Schwestern aus einem Pfarrhaus, das ihn an seine eigene Kindheit erinnert haben muss. Erst jetzt habe ich ein Foto von seinem Vater auf der Kanzel entdeckt, das genauso aussieht wie eine Einstellung in meinem Film. Und dann hat er sich sicher in meinem Blick auf die Frauen wiedergefunden: Ich habe immer zwei Frauen gebraucht, um einen einzigen Charakter darzustellen. Weil ich mich selbst als so extrem empfunden habe. Und diese Identifikation mit Frauen ist ein Kern seiner Arbeit: Die verstummende Künstlerin in „Persona“ - das nicht Liv Ullman, das ist er selbst.

Ihre Doku nennen Sie „Suche nach Bergman“. Haben Sie etwas gefunden, das Ihren Blick auf ihn verändert?

Ja, den hohen Anteil an Autobiografie im Werk. Ich hatte mich bislang für die Filme interessiert, nicht für sein Leben. Wie sehr er sich in den Figuren spiegelt, war neu für mich.