80 Prozent der Bühnen betroffen Große Sanierungswelle rollt auf Theater zu

Von Christine Adam und Ralf Döring


Ch.A.  dö  Osnabrück. Eine große Sanierungswelle steht den Theatern bevor. Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ berichtet über Sanierungsbedarf und Finanzierung.

Sanierungswelle: Wer mit wachem Blick durch die Bundesrepublik fährt, dem fallen die vielen Baugerüste an den Theatern auf. Dabei rollt die große Welle erst noch richtig an: 80 Prozent der Bauten haben massiven Sanierungsbedarf. Bislang rund ein Drittel von ihnen stehen kurz vor dem Umbau oder hat bereits begonnen. Die große Masse startet in den Jahren ab 2019/20. In Thüringen sind gleich bei etlichen öffentlich getragenen Bühnen Generalsanierungen überfällig. Wie kommt es zu diesem fast zeitgleichen Sanierungsbedarf?

Viele deutsche Theater sind um die 100 Jahre alt. Fast alle von ihnen wurden im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges zerstört. Weil sich nach Kriegsende Kulturhunger regte, wurden schon 1946 diese Bauten zügig wieder aufgebaut – nicht selten unter Vernachlässigung von Baumaterial, Statik oder Sicherheitstechnik. Nun, viele Jahrzehnte später, lassen sich marode Technik, überlastete Gebäudestatik, unzureichender Brandschutz und anderes mehr mit vergleichsweise geringem Aufwand flicken.

Veränderte Produktionsbedingungen: Unstrittig ist: In den 100 Jahren haben sich nicht nur Spielweisen, Inszenierungsstile , Sehgewohnheiten verändert, auch die Zahl der Produktionen ist gewaltig gestiegen. Spielstätten erleben einen ständigen Umbaumarathon, was neben mehr Probenräumen einen gesteigerten Bedarf an Logistik und Lagerflächen nach sich zieht. Mittlerweile sind mindestens 50 unterschiedliche Berufe in den Theatern beschäftigt, auch die brauchen Räume in einer technisierteren Welt als früher.Lichttechnik, Akustik, Hub- oder Drehbühnen, Videoeinsatz und digitale Techniken sind leistungsstärker und raffinierter geworden. Das fordert Obermaschinerie, Gebäudestatik oder Böden ganz anders heraus.

Finanzierungsmodelle: Die Nachricht weckt Begehrlichkeiten: 80 Millionen Euro spendiert der Bund der Stadt Mannheim für die Sanierung des Nationaltheaters. Laut „Rhein-Neckar-Zeitung“ sichert das der Stadt ein Drittel der Bausumme. Auf der anderen Seite des Neckars, in Heidelberg reagiert man, gelinde gesagt, verwundert auf die Nachricht: Dort wurde die Sanierung zu einem Drittel über Spenden finanziert; den Rest der insgesamt 70 Millionen Euro musste die Kommune alleine stemmen. Ein anderes Finanzierungsmodell hat Würzburg erarbeitet: Die Sanierungskosten von 60 Millionen Euro teilen sich Stadt Würzburg, Bezirk Unterfranken, Land Bayern sowie die Sparkassenstiftung. Fest steht: Derzeit nehmen Kommunen, Bund und Länder ordentlich Steuern ein, sodass die Finanzdezernenten und -minister ihre Haushalte ohne Verrenkungen mit einer schwarzen Null abschließen können. Und selten war es günstiger, Darlehen und Kredite aufzunehmen – selten waren die Voraussetzungen für umfassende Sanierungen günstiger. Warten macht die Sache eh nicht billiger, und wer zu lange wartet, den straft der Tüv: In Mannheim hätte 2022 die Schließung gedroht.

Sanierungsverfahren: Im Prinzip gibt es drei Möglichkeiten, eine Theatersanierung durchzuführen. Die radikalste Variante ist der Neubau: Sie wurde eine Zeit lang in Frankfurt diskutiert, weil ein Neubau von Oper und Schauspielhaus genauso teuer wäre wie die Sanierung: Jeweils rund 900 Millionen Euro sind veranschlagt. In aller Regel steht der Abriss eines Theaters aber nicht zur Debatte. Dann stellt sich die Frage: Wie wird die Sanierung durchgeführt? Würzburg will sein Drei-Sparten-Haus während der Theaterferien sanieren, das Staatstheater in Oldenburg tut das bereits, andere Kommunen schließen ihr Theater. Das hat einen entscheidenden Vorteil, sagt der Vorsitzende der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft (DTHG), Wesko Rohde: Die Baustelle muss nicht jedes Jahr aufs Neue eingerichtet werden. Das spart Geld, das direkt in die Sanierung fließen kann. Der Nachteil: Eine oder mehrere Interimsspielstätten müssen gefunden werden. Nicht jede Kommune ist dabei in der Lage wie Berlin mit seiner Staatsoper: Die fand für mehrere Jahre Unterschlupf im Schillertheater, das der Berliner Senat trotz lauter Proteste 1993 geschlossen hatte.

Theater als Einzelgänger? Was baugeschichtlich eigentlich nicht überraschen kann, sorgt hier und da für hitzige Debatten, auch mit Blick auf die Akzeptanz von so viel Kosten. Dabei fällt auf, dass Theater nicht selten allein den schleppenden Kampf um die Sanierung bestreiten – was merkwürdig erscheint angesichts der anschwellenden Sanierungswoge. Wesko Rohde beobachtet eine gewisse Mutlosigkeit bei Theatern in Sanierungsdingen und rät zu klarer, ehrlicher Bestandsanalyse. Außerdem empfiehlt er, die reiche Bauerfahrung und -vernetzung von Dachverbänden wie der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft anzuzapfen.

Das deutsche Architekturmuseum Frankfurt hat die Ausstellung „Große Oper – viel Theater“ konzipiert, die 19 europäische (und auch deutsche) Beispiele für Sanierungen und auch komplette Neubauten miteinander vergleicht. Bis zum 1. Oktober in der Oper Frankfurt .


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