Obdachlosenzeitung gibt auf Bettelbanden verdrängen Berliner „Strassenfeger“

Von Andre Pottebaum

„Vergesst uns nicht„Vergesst uns nicht" lautet einer der Titel, der an den Wänden der leeren Redaktion des Berliner „Strassenfegers" hängt, nachdem das Aus der Obdachlosenzeitung bekannt gegeben wurde. Foto: dpa

Berlin. Eine der bekanntesten Straßenzeitungen Deutschlands, der „Strassenfeger“ aus Berlin, ist Geschichte. 24 Jahre nach Veröffentlichung der ersten Ausgabe, stellte der Trägerverein den Verkauf ein. Als Gründe werden finanzielle und personelle Probleme genannt, aber auch die anhaltende Bandenkriminalität in der Millionen-Metropole.

Über zwei Jahrzehnte gehörte der „Strassenfeger“ zum Stadtbild Berlins. Vor S-Bahnhöfen, an Supermärkten oder auf öffentlichen Plätzen wurde die Zeitung an den Mann gebracht. Doch nach Jahren der Stagnation, des Auflagenrückgangs sowie Schwierigkeiten beim Vertrieb ist nun Schluss.

„Der ,Strassenfeger' ist ein Herzensprojekt. Eine Rettung ist unter den derzeit desolaten Strukturen und der personellen Situation des mob e.V. nicht möglich“, heißt es in einer Pressemitteilung des Trägervereins, die nach dem Aus der Zeitung veröffentlicht wurde. Und weiter: „Die Krise des ,Strassenfegers' reiht sich in die Krise der anderen Straßenzeitungen deutschlandweit ein. Die finanzielle und personelle Ausstattung des ,Strassenfegers' über die Jahre hat es leider nicht möglich gemacht, diesem Umstand aus dem Verein entgegenzuwirken.“

Kritik am Aus

Betroffen von der Einstellung ist neben der Traditionsschrift auch das vom Verein betriebene „Kaffee Bankrott", ein offener Treffpunkt für Verkäufer, Obdachlose und Personen, die neben einer warmen Mahlzeit Gelegenheit zum Ausruhen und Aufwärmen gesucht haben. Während der Verein vor allem finanzielle Engpässe als Ursache nennt, hätten sowohl die Zeitung als auch das Kaffee nach Informationen der „B.Z."  gerettet werden können. Insidern zufolge erwirtschaftete der Trägerverein 2017, trotz roter Zahlen der beiden „Vorzeigeprojekte", ein Plus von 40.000 Euro, das nicht zuletzt auf Fördermittel für die ebenfalls vom Verein betriebene Notunterkunft zurückzuführen sei.

„Der ,Strassenfeger‘ mag ein Zuschussgeschäft gewesen sein, aber er war auch eine bekannte Marke, ein Sprachrohr und eine Plattform für die Spendenwerbung“, erklärte Philipp Mehne der „B.Z.", der selbst lange Zeit im Vorstand des Vereins mitwirkte. „Die Zeitung gab mehreren hundert Verkäufern Struktur und ein kleines Einkommen. Bevor man den Laden einfach zumacht, hätte man erst einmal einen Rettungsversuch unternehmen oder andere Träger um Hilfe bitten müssen“, so Mehne weiter.

Bandenkriminalität als Ursache

Diese Rettungsversuche blieben auch nach Ansicht vieler Betroffener aus. Immer wieder äußerten Mitarbeiter ihre Unzufriedenheit über chaotische Strukturen, fehlende Unterstützung und widrige redaktionelle Bedingungen. Doch geändert habe sich nur wenig. Vor allem mit der neuen Leiterin der Notunterkunft, Mara Fischer, sei es immer wieder zu Konflikten gekommen. Ehemalige Mitarbeiter berichteten der „B.Z." von einer „Atmosphäre der Angst“, die sich durch Drohungen und Einschüchterungen bemerkbar gemacht habe. Auch habe sich der Fokus von der Obdachlosenzeitung hin zur Notunterkunft verschoben.

Zu einer Stellungnahme war der Trägerverein nach Anfrage unserer Redaktion nicht bereit. Die Verantwortlichen verwiesen auf die kürzlich veröffentlichte Pressemitteilung, in der vielmehr von Beschwerden über Verkäufer die Rede ist, die betteln würden, statt die Zeitung zu vertreiben. „Wir haben keine Handhabe dagegen", erklärte Fischer gegenüber der Deutschen Presse-Agentur über die bandenähnlichen Strukturen. Außerdem sei es nicht gelungen, Gewalt und Übergriffe gegen die Verkäufer zu verhindern. Dennoch hoffe der Verein, dass die Schließung des Kaffees sowie die Einstellung der Zeitung lediglich ein temporäres Aus bedeuten würde. Man befände sich derzeit mit möglichen Förderern und Unterstützern in Gesprächen, heißt es in dem Schreiben weiter. Prämisse habe nun der Ausbau der Familien-Notunterkunft, die am Standort des Vereins vorgenommen werden soll.

Neue Straßenzeitung soll Lücke schließen

Nach dem Aus des „Strassenfegers" ist mittlerweile eine neue Straßenzeitung in Berlin erschienen. Der „Karuna Kompass" soll zumindest symbolisch die Lücke schließen, die die Traditionsschrift hinterlässt. Als Zeichen der Solidarität wurde die erste Ausgabe an die ehemaligen Verkäufer des „Strassenfegers" verschenkt, die unter dem Titel „Spar Dir Dein Mitleid" erschienen ist. Der „Karuna Kompass" soll ab Ende Juli mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren regulär in den Verkauf gehen und 1,50 Euro pro Ausgabe kosten. Die Zeitung sei zunächst für ein Jahr vorfinanziert, wie Jörg Richert, Geschäftsführer der Karuna Sozialgenossenschaft erklärte. Einnahmen sollen aus dem Verkauf von Anzeigen sowie durch Zuschüsse von Stiftungen generiert werden.


Obdachlosenzeitung „Strassenfeger“

Der Berliner „Strassenfeger“ erschien erstmals im Oktober 1995 und ging aus den Vorläufern, dem „mob-Magazin" sowie der „Hunnis Allgemeinen Zeitung" hervor, die wiederum im Mai 1995 zur „motz" fusionierten. Mit der „Streem" gibt es eine dritte Straßenzeitung in Deutschlands Hauptstadt.

Nach eigenen Angaben verkaufte der „Strassenfeger" zuletzt zwischen 10.000 und 12.000 Exemplaren, die für 1,50 Euro verkauft wurden. 90 Cent gingen davon an die Verkäufer, der Rest wurde für die Produktion und den Vertrieb benötigt.