Serie „Magische Museen“ Barkenhoff: Sehnsuchtsort in Worpswede

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Worpswede. Sie sind die besonderen Orte der Kunst – magische Museen. In unserer Serie stellen wir diese stillen Stars unter den Ausstellungshäusern vor. Hier: der Barkenhoff in Worpswede bei Bremen.

Wie kommt der Ritter ins Moor? Er hat sein Pferd angehalten, lehnt sich verträumt wie Parzival auf seine Lanze. Und schaut zur Birkenkrone empor. Heinrich Vogeler malt den Ritter im Jahr 1900 auf sein Gemälde „Am Heiderand“. Da hat er schon gebaut, was im Teufelsmoor bei Bremen ebenso fremd wirkt wie ein Reiter mit Helm und Panzer aus fernen Landen – seinen Barkenhoff, ein schneeweißes Wunder unter grauem Himmel, ein Zauberreich purer Schönheit inmitten trister Bauernkaten. Mit dem Wohn- und Atelierhaus kreiert der 1872 in Bremen geborene Vogeler ein Gesamtkunstwerk des Jugendstils. Das klingt so griffig wie ein Markenname, mit dem Tourismusmanager gern um Kunden werben. Das Geheimnis, den Zauber, die Aura dieses einzigartigen Ortes erklärt das nicht. Hier weiterlesen: Speicher besonderer Geschichten - die Serie „Magische Museen“.

Leben in der Künstlerkolonie

Dabei folgt Vogeler eigentlich nur einem Trend. Maler gehen auf das Land, bilden Künstlerkolonien. Das freie Leben in der Natur soll inspirieren, von einengender Konvention befreien. Vogeler hat gerade sein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie absolviert, als er Künstlerfreunden 1895 in das ferne Worpswede folgt. In dem Ort bei Bremen fristen Moorbauern ein karges Dasein. Vogeler kauft eine halb verfallene Bauernkate. In den folgenden Jahren baut er das Anwesen um, macht aus dem Hof ein Wohnhaus, aus Stallungen ein Atelier. Den Umriss der Giebelfront mit ihrer geschwungenen Kontur zeichnet er einfach in den Sand. Dazu eine von Amphoren bekrönte Gartenmauer, eine anmutig geschwungene Freitreppe: Vogeler macht aus dem Haus ein Schaustück seiner Kunst. Hier weiterlesen: Sommerausstellung „Kaleidoskop“ - neue Sicht auf die Künstlerkolonie Worpswede.

Neuer Stil der Malerei

Künstlerkolonien gibt es in ganz Europa, aber wenige haben sich so intakt erhalten wie Worpswede. Die erste Generation der Maler, die in dieses Dorf zogen, die Künstler von Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker bis Hans am Ende und Fritz Overbeck prägen um 1900 einen neuen Stil der Landschaftsmalerei. Der Bildhauer Bernhard Hoetger errichtet Mitte der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts die Große Kunstschau als Museum dieser Malergruppe. Weitere Orte wie die Kunsthalle oder das von Martha Vogeler bewohnte Haus im Schluh sowie viele weitere Künstlerhäuser prägen nicht nur ein einzigartiges Ortsbild. Sie verwandeln das ganze Städtchen in ein einziges Atelier. Das zieht Kulturinteressierte in das flache Land bei Bremen, auch wenn in Worpswede schon lange keine Avantgarde mehr erdacht wird. Hier weiterlesen: Magisch - das Arp-Museum in Remagen.

Entrückt und märchenhaft

Um 1900 sieht das ganz anders aus. Heinrich Vogeler folgt der Philosophie des Jugendstils und damit eher einer Designbewegung als einem Kunststil. Dekore in geschwungenen Linien, Ornamente mit der Anmut von Blumenranken, dazu sinnliche Motive von Pfau bis Märchenfrau – der Jugendstil verwandelt Objekte in Preziosen von entrückter Märchenhaftigkeit. Dieser Stil ebnet die Hierarchie der Gattungen ein. Ob Gemälde oder Serviettenring, Schreibtisch oder Buchvignette – die fließend gewundenen Linien des Jugendstils prägen jede Gestaltungsaufgabe. Heinrich Vogeler folgt diesem Konzept begeistert und macht aus seinem Barkenhoff selbst ein kleines Gesamtkunstwerk. Seine Idee: Ob Haus, Treffpunkt, Atelier, Ausstellungshaus und Bildmotiv – der Barkenhoff ist alles gleichzeitig. Hier weiterlesen: Paula Modersohn-Beckers schneller Start in die Moderne.

Ort der Sehnsucht

Der Künstler vervollständigt sein Haus mit einer Gartenanlage und macht es konsequent zum Motiv seiner Gemälde und Grafiken. Von Baumkronen überwölbt und von Blüten umflort avanciert der Barkenhoff auf diesen Bildern zum Sehnsuchtsort für Schönheitssucher. Der Barkenhoff ist realer Ort und entrückte Bildchiffre zugleich. Die Kombination aus Realität und Traum lädt diesen Ort magisch auf. Im Weißen Saal des Barkenhoffs treffen sich Künstler zu geselligen Abenden, Konzerten und Lesungen. Der Dichter Rainer Maria Rilke wohnt ab 1900 mehrfach für längere Zeit in dem Haus, lernt dort seine erste Frau, die Bildhauerin Clara Westhoff, kennen. Heinrich Vogeler malt 1905 den Barkenhoff als Kulisse für eine Künstlersoiree. Auf dem Bild „Sommerabend“ lauschen sie versonnen zarter Hausmusik: Paula Modersohn-Becker, Otto Modersohn, Clara Westhoff, Heinrich Vogeler selbst. Rosenduft scheint diese Szenerie zu umwehen – und die milde Melancholie des Abschieds. Hier weiterlesen: Von Reylander bis Mammen - Worpswede und die Künstlerinnen.

Kurz vor dem Abriss

Nach dem Ersten Weltkrieg verlässt Vogeler Jugendstil und Barkenhoff. Der Künstler geht in die Sowjetunion, malt seine prismatisch aufgefächerten „Komplexbilder“ vom Aufbau der sozialistischen Gesellschaft. Auch der Barkenhoff bekommt Fresken mit dem Sowjetstern. In den Zwanzigerjahren wird das Anwesen Landkommune und Kinderheim der Roten Hilfe. Später verfällt das Anwesen, steht in den Siebzigerjahren kurz vor dem Abriss. 1972 erwirbt die Gemeinde Worpswede den Barkenhoff, 1981 wird die Barkenhoff-Stiftung gegründet. Im Rahmen des Masterplans Worpswede werden Haus und Garten bis 2015 umfassend saniert. Hier weiterlesen: Wie gut ist der neue Film über Paula Modersohn-Becker?

Jenseits von Zeit und Raum

Der Barkenhoff ist heute Museum der Werke Heinrich Vogelers. Märchengemälde wie die „Melusine“, Sessel und Schränke, Grafiken, Vignetten und Bestecke formieren sich zu einer gestalterischen Idee von erlesener Eleganz. Und wer vor die weiße Front des Hauses tritt und über die Freitreppe hinunter auf Rosenlauben und Trauerweiden schaut, der spürt ihn, den Zauber dieses Areals der Schönheit, das auf seltsam faszinierende Weise jenseits von Zeit und Raum zu liegen scheint. Hier weiterlesen: Große Kunst im Kino - das Genre des Künstlerfilms.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN