Sommer-Liebesfilm im Kino "303": Weingartners Anti-Tinder-Film

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Liebe ist mehr als Tinder: Mala Emde und Anton Spieker als Jan und Jule in Hans Weingartners "303". Foto: AlamodeLiebe ist mehr als Tinder: Mala Emde und Anton Spieker als Jan und Jule in Hans Weingartners "303". Foto: Alamode

Berlin. Hans Weingartners Roadmovie "303" erzählt von einer Liebe, die mehr Zeit braucht als ein Tinder-Flirt. Viel mehr.

Mit seinem Erfolgsfilm "Die fetten Jahre sind vorbei" (2014) widerlegte Hans Weingartner das Klischee von der apolitischen Jugend. Sein Liebesfilm "303" erweitert den Befund nun auf die Generation der Millennials. Am 19. Juli kommt der Film in die deutschen Kinos.




Wovon Handelt Weingartners "303"?

Zwei Studenten wollen in den Süden. Und weil Jan (Anton Spieker) gerade im richtigen Moment von der Mitfahrgelegenheit versetzt wird, steigt er in Jules (Mala Emde) Wohnmobil. Sie ist eine geheimnisvolle Melancholikerin, er ein hibbeliger Spaßmacher. Aber so grundverschieden wie die beiden sind, passen sie doch gut zueinander: Sie hat gerade eine Prüfung vermasselt; ihm ist ein Stipendium durch die Lappen gegangen. Sie ist schwanger und muss rausfinden, ob sie schon eine Mutter sein will. Er will seinen leiblichen Vater fragen, wieso er ihn nach der Geburt verlassen hat. Eigentlich müssten Jan und Jule sich also nur verlieben. Dann könnte er ihr ungeborenes Kind so annehmen, wie er selbst nie angenommen wurde – und alle Konflikte wären passgenau gelöst. ("Ant-Man", "Mamma Mia 2", "Hotel Artemis": die wichtigsten Neustarts im Juli)

Noch einmal Jan und Jule

Wie die Geschichte endet, spielt natürlich nur eine untergeordnete Rolle. Hans Weingartners „303“ ist ein Roadmovie, weshalb der Weg das Ziel sein muss. Dass seine Helden Jan und Jule heißen, ist dabei als Typbezeichnung zu verstehen: In seinem Hit „Die fetten Jahre sind vorbei“ (2004) hieß das zentrale Paar schon genauso. Beide Filme sind vom gleichen Impetus getrieben: Dekade für Dekade widerlegt Weingartner das Klischee der unpolitischen Jugend. Damals erzählte Weingartner von einer Generation, deren Revolte gegen das Kapital die ihrer 68er-Eltern in nichts nachstand. „303“ führt nun vor, dass auch Digital Natives profundere Gedanken haben, als ihr Snapchat-Account vermuten lässt.


So sieht er aus, der Mercedes Hymer 303, dem Hans Weingartners Film seinen Namen verdankt. Szenenfoto mit Mala Emde und Anton Spieker. Foto: Alamode


"303" als Anti-Tinder-Film

Weingartner selbst spricht von einem „Anti-Tinder-Film“ und beschreibt seine Liebesdramaturgie so: „Statt 3 Sekunden Wisch-und-Weg die langsame Annäherung zweier Seelen.“ Das Digitale ist in diesem Film tatsächlich eine Nebensache. Smartphones spielen nur eine Rolle, wenn man sie versehentlich im falschen Auto liegen lässt; und die einzige Technik, auf die es für Jan und Jule ankommt, ist der 303 – ein Oldtimer-Wohnmobil von Mercedes. Junge Menschen bewegt hier im Wortsinn seit Jahrzehnten genau das Gleiche.

Damit ist natürlich nicht nur das Auto gemeint. „303“ ist ein Dialogfilm und im Wohnmobil werden alle großen Themen des Lebens geklärt: Ist der Mensch dem Wesen nach ein Egoist oder sozial? Macht der Kapitalismus uns krank, weil glückliche Menschen weniger einkaufen? Ist Liebe eine bewusste Wahl oder ein biochemischer Prozess? In Weingartners Film ist sie vor allem ein endloses Geplapper, bei dem Jan und Jule vom Cro-Magnon-Menschen bis zu ihrer eigenen Beziehung praktischerweise in jedem Punkt eine andere Meinung vertreten, sodass die Worte nie enden. „Es ging alles so schnell“, sagt Jule am Ende der Reise und hat leider Unrecht: In zweieinhalb Stunden Laufzeit zerdehnt der Film vom Bonmot bis zum ersten Kuss jedes einzelne seiner Motive. (Erstes Foto vom Set: Tarantinos Film über Charles Manson)

Dialoge wie ein "Bento"-Artikel

1995 war Hans Weingartner Produktionsassistent bei „Before Sunrise“, dessen Geplauder Julie Delpy und Ethan Hawke zu Identifikationsfiguren einer Generation machte. „303“ strebt unübersehbar dieselbe Leichtigkeit an, verzichtet aber auf alle hippen Gesten. Tiefsinniger wirkt er dadurch allerdings auch nicht. So erfahrungshungrig Jan und Jule auch sind, so viel sie im Moment auch bewegt – um über sich selbst zu sprechen, haben sie doch nur angelesenes Vokabular: Grundkenntnisse der Evolutionslehre und Halbwissen zur Sozialgeschichte. Da könnte ich ja gleich die „Brigitte“ lesen, kontert Jan einmal ein Argument von Jules. Seine eigenen Thesen zur Polyamorie klingen dafür nach der „Spiegel“-Kinderseite „Bento“.

"303". D 2018. R: Hans Weingartner. D: Mala Emde, Anton Spieker. 145 Minuten, ab 12 Jahren. Filmstart: 19. Juli 2018.


Der Regisseur: Hans Weingartner portätiert in "303" die Generation der Millennials. Foto: Alamode



Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN