Autor und Dissident aus China Liao Yiwu las und musizierte in der Uni Osnabrück

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Für seine Literatur ging er ins Gefängnis: Liao Yiwu schrieb in der Haft seinen Roman „Die Wiedergeburt der Ameisen“. In der Osnabrücker Schlossaula stellte der Autor und Dissident auf Einladung der Universität und der Friedensgespräche sein Werk jetzt vor.

Am Ende des Abends zupft er die kleine Handzither, lässt ihre Töne perlen. Dann erhebt Liao Yiwu die Stimme. Er liest aus seinem Roman „Die Wiedergeburt der Ameisen“. Er liest? Nein, der Autor raunt die Wörter, stößt sie rüde hervor, lässt seine Stimme poltern, rollen, murmeln. Die chinesische Sprache vermischt sich mit den Zithertönen zu einem einzigen Klanggemälde. Liao Yiwu macht aus dem letzten Teil der Lesung eine Performance. So expressiv kann Literatur sein, erst recht dann, wenn sie von einer Vision des Friedens handelt, von Menschen, die tanzen, um jenseits aller Unterschiede zur großen Freiheit zu finden. „Jagt die Sprache zum Teufel, tanzt, nieder mit den Klassenschranken“, heißt es in dem Text, der im chinesischen Original weit über die Stuhlreihen in der Osnabrücker Schlossaula hinweg hallt. Hier weiterlesen: China ist eine Erziehungsdiktatur - Autor Liao Yiwu im Interview.

Abend der Weltliteratur

„Dies ist ein Abend im Zeichen der Weltliteratur“, hatte zuvor Christoph König die Zuhörer begrüßt. Der Professor für neuere und neueste Literatur an der Universität Osnabrück hatte sich dafür eingesetzt, Liao Yiwu nach Osnabrück zu holen. Der Autor und Dissident kam auf Einladung des Germanistischen Kolloquiums der Hochschule und der Osnabrücker Friedensgespräche. König verknüpfte Literatur mit dem Thema der Freiheit. Die sei aber überall auf der Welt gefährdet, auch durch China, eine „Diktatur mit Weltmachtanspruch“, wie König sagte. Er reklamierte die Literatur als Raum der Freiheit und zitierte dazu das Wort vom „Land der Dichtung“ aus Goethes Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“. Wie es ist, wenn die freie Äußerung bestraft wird, erlebte Liao Yiwu selbst, als er für ein Gedicht auf Jahre inhaftiert wurde. Der Autor hatte gegen das Massaker an Oppositionellen 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking protestiert. Hier weiterlesen: Kann Literatur die Gesellschaft verändern? Ein Gastbeitrag von Prof. Christoph König.

Hölle der Haft

Herbert Wiesner, ehemaliger Präsident des deutschen PEN-Zentrums, erinnerte an Yiwus Leidensweg. Der Autor habe in der Hölle der Haft „aberwitzige Erfahrungen“ machen müssen. Die Texte des Romans „Die Wiedergeburt der Ameisen“ seien aus dem Gefängnis geschmuggelt und dann im Westen publiziert worden, sagte Wiesner zu dem Buch, das nur in einer deutschsprachigen Fassung vorliegt. Manuskriptseiten seien 2012 im Literaturmuseums Marbach inder Ausstellung „Kassiber. Verbotenes Schreiben“ präsentiert worden. Am Abend der Osnabrücker Lesung waren einige dieser handschriftlichen Texte im Vorraum der Schlossaula ausgestellt. Wiesner erinnerte daran, dass Liao Yiwu mit dem Gedicht „Massaker“ gegen die Unterdrückung der Opposition protestiert habe. Nach einer Radiosendung des Gedichts sei er verhaftet worden. Liao Yiwu floh 2011 aus China und lebt seitdem in Berlin.

Spiel auf der Flöte

Seine Flöte allerdings hat er mitgenommen. Im Gefängnis lehrte ihn ein alter Mönch das Flötenspiel und, so wird es im Roman erzählt, die Kunst, Freiheit in sich selbst zu entdecken. In der Schlossaula setzt Liao Yiwu zum Flötenspiel an, entlockt dem langen, schwarzen Instrument mal klagende, mal aufbegehrende Töne. Die Musik klingt nach einem alten Lied und nach der ganz aktuellen Lust daran, die eigene Stimme in unverwechselbarer Weise zu erheben. Dafür, dass das in Osnabrück möglich wurde, sorgt an dem Abend auch die Sinologin und Übersetzerin Karin Betz, die nicht nur das Podiumsgespräch vermittelt, sondern auch Auszüge aus dem Roman „Die Wiedergeburt der Ameisen“ in deutscher Sprache zu Gehör bringt - bevor Liao Yiwu selbst mit ausdrucksstarker Leseperformance die Freiheit der Literatur zu einem Erlebnis für alle macht.