„Both Directions At Once - The Lost Album“ Ein Meilenstein John Coltranes auf dem Weg zum Free Jazz

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John Coltrane und seine vielleicht wichtigste Band: Elvin Jones, Jimmy Garrison und  McCoy Tyner (von links) bei einer Aufnahmesession im Studio von Rudy van Gelder. Foto: Jim Marshall Photography LLCJohn Coltrane und seine vielleicht wichtigste Band: Elvin Jones, Jimmy Garrison und McCoy Tyner (von links) bei einer Aufnahmesession im Studio von Rudy van Gelder. Foto: Jim Marshall Photography LLC

Osnabrück. John Coltrane ist eine zentrale Figur für den Jazz und die Musik der 60er-Jahre. Umso wertvoller ist ein Fund, der an diesem Freitag auf den Markt kommt: Ein verloren geglaubtes Album mit sieben Aufnahmen.

Unten wühlen und arbeiten Elvin Jones am Schlagzeug und Jimmy Garrison am Bass. Darüber vollführt John Coltrane seine musikalischen Steil- und Sturzflüge, seine Kapriolen und Loopings. Pianist McCoy Tyner pausiert bei diesem Stück; das gewährt Coltrane ein Mehr an Freiheit, ein mehr an Ausdruck, ein mehr an Intensität. „Impressions“ heißt das Stück; zu hören ist es in dieser Version auf dem Album „Both Directions At Once“, das diesen Freitag auf den Markt kommt. Ein neues Album von John Coltrane? Weiterlesen: Das KaMaQuartet denkt „A Love Supreme“ weiter

Coltrane, der Star des Jazz

Ein Zusatz im Titel klärt das Mysterium auf: „The Lost Album“ steht da. Tatsächlich verdankt die Musikwelt es Coltranes Ruhm, dass dieses Album eben nicht verloren gegangen ist, sondern 55 Jahre nach dem Studiotermin am 6. März 1963 veröffentlicht wird. Mit „My Favorite Things“ hatte Coltrane 1961 einen Hit gelandet – damals passierte das noch im Jazz –, und so konnte er offenbar ein paar Sonderkonditionen heraushandeln, als er noch im selben Jahr zu Impulse Records wechselte. Eine war: Er nahm von jeder Aufnahme, die er im Studio von Rudy van Gelder in New Jersey einspielte, ein Referenzband mit nach Hause – sie es fürs persönliche Archiv, sei es, um die Aufnahmen in Ruhe durchzuhören . Dieses Band befand sich im Besitz von Coltranes erster Frau Naima, zum Glück in gutem Zustand. Die Stereo-Masterbänder sind bei diversen Umzügen der Plattenfirma Impulse verschwunden.

Aus- und Rückblick

Einen Tag später, am 7. März 1963, geht Coltrane mit seinem Quartett und dem Sänger Johnny Hartman wieder in van Gelders Studio und nimmt eine seiner sanftesten Platten auf. „Both Directions At Once“ hingegen präsentiert Coltrane als brodelnde Kraftzentrale. Vehement arbeitet er auf ein Ideal unbedingter Freiheit hin, das er zwei Jahre später im Free-Jazz-Album „Ascension“ verwirklicht. Doch der Werdegang hat seine Ausgangspunkte und Wegmarkten: „Impressions“ etwa basiert auf die Harmonik des Miles-Davis-Klassikers „So What“, an dem Coltrane ja auch mitgewirkt hat. Im „Slow Blues“, geht Coltrane zurück bis in seine bluesgeprägte Jugend. Weiterlesen: Die schleichende Jazzrevolution in „Kind of Blue“

Und dann gibt es noch zwei Stücke, die nicht einmal einen Titel tragen, sondern nur eine Impulse-Archivnummer. In „Ascension“ werden sich Titel auflösen in „Part 1“ und „Part 2“, so wie sich Melodie und Klang in reine Energie aufgelöst haben. Doch bis dahin liegt ein Stück Weg vor Coltrane und der Musik. „Both Directions“ markiert eine wichtige Station dahin. Eine Station, für die man sich Zeit nehmen sollte. Es lohnt sich.


John Coltrane: „Both Directions At Once - The Lost Album“. CD + LP-Standard-Variante mit sieben Tracks und CD + LP-Deluxe-Edition mit zusätzlichen Alternate Takes. Ab 29.6. auf Impulse!

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