Serie „Mein Buch fürs Leben“ „Die Pest“: Camus und der Kampf gegen das Absurde

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Osnabrück. Der Kampf gegen die Seuche ist auch der Kampf gegen Amoralität und Gleichgültigkeit: In seinem Roman „Die Pest“ entwirft Albert Camus eine zeitlos gültige politische Parabel. „Die Pest“ wurde vor Jahren zu meinem Lieblingsbuch. Im Sehnsuchtsort des Autors ging mir sein Sinn wirklich auf. Eine Reise in die Provence.

Mein Renault schnurrt die schmale Straße hinauf. Es geht ins Gebirge. Luberon heißt der Höhenzug im Süden Frankreichs. Über Wiesen schweben rote Mohnblüten. Zikaden zirpen. Der Himmel spannt seinen blauen Seidenschirm über das Land. Mein Ziel ist Lourmarin, Sehnsuchtsort meines literarischen Idols Albert Camus. Er hatte in dem Dorf mit tausend Seelen ein Haus. Ein gutes Jahr lebt er dort bis zu seinem frühen Tod 1960. Sein Welterfolg „Die Pest“, das Kultbuch des Existenzialismus, ist da schon längst erschienen. In Lourmarin verwirklicht Camus seinen Traum eines mediterranen Daseins, klar, einfach, lakonisch, im Licht des Südens. Hier weiterlesen: Mein Buch fürs Leben - das macht Bücher für uns so unersetzlich.

Roman als Parabel

An den Tag des Ausflugs nach Lourmarin erinnere ich mich noch genau. Aber ich weiß nicht mehr, wann ich „Die Pest“ zum ersten Mal gelesen habe. Vielleicht habe ich das Jahr vergessen, weil es gerade bei diesem Roman auch nicht wichtig ist. Denn Camus erzählt im nüchternen Ton einer Parabel die Geschichte von dem Arzt Bernard Rieux, der in der Stadt Oran am Mittelmeer einsam, aber unbeugsam seinen aussichtslosen Kampf gegen die tödliche Seuche kämpft. Zeit spielt in Parabeln keine Rolle. Als Gleichnis gelten sie immer. Allerdings spielt der politische Hintergrund in dem 1947 erschienenen Roman mit. Die Besetzung Frankreichs durch die Deutschen stößt seine Landsleute ebenso in Unwirklichkeit und Entfremdung wie die Figuren des Romans. „Aber als die Tore auf einmal geschlossen waren, merkten sie, dass sie alle, auch der Erzähler, in derselben Falle saßen und sich damit abfinden mussten“, heißt es. Hier weiterlesen: „Felix und Felka“ - Der Roman über Felix Nussbaum.

Oliven und Lavendel

Ich halte den Wagen an. Ich bin angekommen. Die Häuser von Lourmarin verschachteln sich mit ihren flachen Ziegeldächern wie auf einem kubistischen Gemälde zu einer Kaskade kantiger Formen. Überall stehen knorrige Olivenbäume. Zwischen ihnen leuchtet blau der Lavendel. Schlanke Zypressen schießen mit ihren geflammten Silhouetten empor zur Sonne. Albert Camus preist das Licht, feiert das mediterrane Leben als eigene Daseinsform. In diesem Licht steht auch alles, was er in seinem großen Roman erzählt. Klar und hart klingt die Sprache. Markant und gleichsam schattenlos stellt er die Charaktere wie die Geschichte vor seine Leser hin. Camus verwendet die Pest als Symbol für Besetzung und Exil, für Krieg und Totalitarismus. Aber vor allem sieht er die Seuche als Symbol für die moralische Gleichgültigkeit der Menschen, die von der Krankheit aus ihrer Lethargie gerissen und zu Entscheidungen gezwungen werden. Hier weiterlesen: Romane der Antihelden - Martin Walser zum 90. Geburtstag.

Menschen in der Prüfung

Die Sonne der Provence brennt herab. Ihr Licht dringt in jeden Winkel, durch jede Ritze der Fensterläden. Dieses Licht leuchtet alles aus, auch jedes Lebensverhältnis. So lichtvoll erzählt Camus von der Pest, der großen Prüfung, von Menschen, die gegen sie angehen, von jenen, die zurückweichen. Die Seuche wirft die Menschen auf sich selbst zurück. Richter, Priester, Bürger, ein unschuldiges Kind, alle fallen der Pest zum Opfer, diesem großen Gleichmacher. Der Arzt Rieux ist wichtigste Figur des Romans, Sprachrohr von Camus´ Philosophie. Der Autor entwirft schon in seinem Essay „Der Mythos von Sisyphos“ das Leben als Konfrontation mit dem Absurden. Es gibt keinen Sinn, außer dem, den der Mensch sich gibt. „Wenn er an einen allmächtigen Gott glaubte, würde er aufhören, die Menschen zu heilen und würde diese Sorge ihm überlassen“. Rieux glaubt nicht. Er weiß, dass Gewissheit nur in der Anstrengung liegt. Hier weiterlesen: Romane der Antihelden - Martin Walser zum 90. Geburtstag.

Solidarität und Liebe

Camus appelliert an den einzelnen Menschen, vertraut auf dessen Fähigkeit, ein Schicksal zu wenden. Er hofft auf Solidarität und Liebe, nicht auf Ideologien. Heilsbotschaften aller Art weist er zurück. Genau deshalb wendet er sich auch von Jean-Paul Sartre, dem anderen Literaturstar jener Jahre ab. Camus lebt, was er schreibt. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen und Zigarette im Mundwinkel wirkt der junge Autor wie ein James Dean der Literatur, unangepasst, aufsässig. Ein Idol, ja. Und mit seinem durchdringenden Blick aus dunklen Augen ein Mann mit Charisma. Camus mag den Wirbel um seine Person nicht. In Lourmarin sucht der Literaturnobelpreisträger Camus nach der Sprache für seinen neuen Roman. Nur wenige Monate bleiben bis zu jenem Autounfall, der am 4. Januar 1960 seinem Leben ein abruptes, ein absurdes Ende setzt. Hier weiterlesen: Die Stimme zum Roman - Lesungen machen aus Literatur Events.

Schlichte Ruhestätte

Auf dem Friedhof von Lourmarin, seinem Sehnsuchtsort, ist Camus begraben. In dessen Mitte ragen Zypressen wie Wächter auf. An Camus´ schlichter Ruhestätte steht schon ein Ehepaar aus Belgien, Camus-Fans wie ich. „Albert Camus 1913 1960“. Mehr ist nicht auf dem rauen Stein zu lesen. Wozu auch? An Erlösung hat Camus nicht geglaubt. Die nie endende Reise zum Licht findet für ihn im Diesseits statt. „Es gibt keine wirkliche Güte oder wahre Liebe ohne die größtmögliche Klarsichtigkeit“. Es sind Sätze wie diese, die Albert Camus´ „Die Pest“ zu einem Roman fürs Leben machen. Hier weiterlesen: Von „Deutschstunde“ bis „Christa T.“ - wie Literatur den Geist von 1968 prägte.


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