Abschlusskonzert in der Herz-Jesu-Kirche Die Kunst der Kooperation beim Morgenland Festival

Von Ralf Döring

Grandioses Finale: Das Gurdjeff-Ensemble aus Armenien und Hewar spielen beim Abschlusskonzert des dierjährigen Morgenland Festivals in der Herz-Jesu-Kirche. Foto: David EbenerGrandioses Finale: Das Gurdjeff-Ensemble aus Armenien und Hewar spielen beim Abschlusskonzert des dierjährigen Morgenland Festivals in der Herz-Jesu-Kirche. Foto: David Ebener

Osnabrück. Mit einer armenisch-syrischen Zusammenarbeit ist das Morgenland Festival Osnabrück am Sonntagabend zu Ende gegangen. Das Konzert steht beispielhaft für die Stärken des Festivals.

Osnabrück Seine besondere Qualität spielt das Morgenland Festival Osnabrück aus, wenn es Künstler aus unterschiedlichsten Kulturen und musikalischen Sozialisationen zusammenbringt. Eine ganze Reihe von Beispielen hat die am Sonntagabend zu Ende gegangene diesjährige Auflage des Festivals präsentiert. Was das Gurdjieff-Ensemble aus Armenien und der syrischen Formation Hewar präsentieren, zählt zu den ausgereiftesten künstlerischen Produkten, die das Festival bisher hervorgebracht hat.

Klassik, Jazz, Folklore

Im Frühjahr haben sich die beiden Ensembles zum ersten Mal getroffen; in Osnabrück haben sie ausgiebig und ergiebig geprobt. Dabei repräsentiert diese Kooperation weit mehr als nur den Zusammenfluss unterschiedlicher Ethnien. Issam Rafea, Gründungsmitglied von Hewar, hat mit „Kharej al-Sirb“ genauso ein Stück klassischer Musik geschrieben, wie Kinan Azmeh mit seiner „Fantasy in Three Characters“ oder Tigran Mansurian mit „Tun Ari“. Weiterlesen: Osnabrück als Probenort für die Elbphilharmonie

Die Formensprache und die Architektur der klassischen Musik werden zu stilbildenden Elementen, die aber ihre charakteristische Färbung erhalten. Kontrapunkt und Anklänge an die klassisch-westliche Musiktradition zählen so selbstverständlich zum Repertoire dieser Kooperation, wie Folklore oder Jazzelemente. Für die klangliche Eigenart aber sorgen die wehmütigen Klänge des Nationalinstruments Duduk – wenn man so will eine entfernte Verwandte der Oboe –, die Flöten, Lauten, die Stehgeige Kamanche, der Zither Kanon, dem Hackbrett Santur und die Perkussionsinstrumente. Den klassischen Beitrag liefert Hewar mit Klarinette (Azmeh), Viola d‘Amore ( Jasser Hay Youssef) und Cello (Basilius Alawad), und dann ist da noch Dima Orsho, die den klassischen Operngesang genauso einfließen lässt, wie sie in ihren Improvisationen vom Jazz zum arabisch inspirierten Gesang wechselt.

Syrien trifft NDR Bigband und die Neue Seidenstraße

Sein Debüt hat dieses Ensemble in der Elbphilharmonie gegeben; es folgte ein Auftritt beim Holland Festival, und nach dem Morgenland Festival reist das Ensemble weiter in den Boulez-Saal nach Berlin, Daniel Barenboims neuestes Schmuckkästchen. Das zeigt, wie sehr das Morgenland Festival zwar fest in Osnabrück verankert ist, aber zum musikalischen Global Player geworden ist. Das verdankt sich der Intuition des Leiters Michael Dreyer, der die richtigen Musiker zusammenbringt und Energien freisetzt, von denen die Musiker, so scheint es, mitunter selbst überrascht sind. Das gilt für die Wu Man an der chinesischen Laute Pipa und Wu Wei an der chinesischen Mundorgel Sheng; beides Stars der sogenannten Weltmusikszene. Das gilt ebenso für den syrischen Trompeter Nezar Omran, der Ingolf Burkhardt, Trompeter der NDR Big Band, trifft: eine Zusammenarbeit, bei der die Funken fliegen. Das gilt schließlich für „Die neue Seidenstraße“: Hier teilen sich Ulzhan Baibussynova und Raushan Orozbaeva aus dem diesjährigen Schwerpunktlande Kasachstan die Bühne mit Wu Wei, dem Pianisten Salman Gambarov aus Aserbaidschan und dem klassisch ausgebildeten Jazzschlagzeuger Bodek Janke – eine Kombination, die Energie und Transzendenz vereint. Weiterlesen: Das Konzert mit der „Neuen Seidenstraße

Angesichts solcher Erfolge – die übrigens auch beim Publikum ankommen – ist es schade, dass das Morgenland Festival diesmal ins Kreuzfeuer internationaler Verwerfungen geraten ist. Gleich zu Beginn sah es sich mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert: DJ Psychaleppo hätte sich mit BDS gemein gemacht, einer Protestbewegung, die zum Boykott des Staates Israel aufruft. Dreyer hielt zu seinem DJ, der sich seinerseit von jeglichem Antisemitismus distanzierte. Doch der Vorfall zeigt, wie Kunst und Musik instrumentalisiert werden, um Mauern zu errichten – zwischen den Kulturen, zwischen Menschen; die Ruhrtriennale kann davon ebenfalls ein Lied singen. Nun kann kein Festival politische Missstände korrigieren. Das Morgenland Festival tut dennoch sein Möglichstes, Mauern zu verhindern. Die Kooperationen belegen es auf höchstem künstlerischen Niveau.