Premiere fast ausverkauft Erste große Abendproduktion in Tecklenburg: Les Misérables

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Verkommen im Elend: Thenardier (Jens Janke, links) wird beinahe von Insektor Javert (Kevin Tarte) verhaftet. Er kann aber letztlich doch entkommen. Foto: Stephan Drewianka/Freilichspiele TecklenburgVerkommen im Elend: Thenardier (Jens Janke, links) wird beinahe von Insektor Javert (Kevin Tarte) verhaftet. Er kann aber letztlich doch entkommen. Foto: Stephan Drewianka/Freilichspiele Tecklenburg

Tecklenburg. Der Roman von Victor Hugo ist französisches Nationalheiligtum. Das Musical von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg feiert seit seiner Premiere 1980 in Paris einen internationalen Siegeszug und gilt als das erfolgreichste Musical weltweit. Nun sind Les Misérables wieder einmal in Tecklenburg angekommen.

Es sind die Umstände, die die Protagonisten im Frankreich in der Zeit und nach der Herrschaft Napoleons, von 1815 bis 1832, zu dem werden lassen, was sie sind. Hauptfigur ist Jean Valjean, dessen Leben mit Beginn seiner Freilassung nach 19 Jahren Haft wegen des Diebstahls von einem Laib Brot bis hin zu seinem Tod erzählt wird. Drumherum gesponnen ein feines Netz aus Elenden.

Zuvorderst die Näherin Fantine, die ein uneheliches Kind verstecken muss, und, als dieses Geheimnis auffliegt, ihre Arbeit und Würde verliert. Dann ist da das Waisenkind Cosette, das sein Dasein zunächst als billige Arbeitskraft im Wirtshaus der Thenardiers verbringt. Auch letzteren ist kein Glück beschieden. Das Wirtshaus geht pleite und die ehemaligen Gastleute finanzieren ihr Leben durch Raub, Betrug, Leichenfledderei und notfalls auch Mord.

Revolution

Im weiteren Verlauf spielt noch eine Gruppe Studenten um den verheimlicht adligen Marius Pontmerci eine Rolle, die davon ausgeht, dass das Leben der Franzosen nur durch eine weitere Revolution verbessert werden kann. Und natürlich ist da Inspektor Javert, der fromm und gläubig genau vom Gegenteil ausgeht. Nur Recht und Ordnung, so ist er überzeugt, dienen Gottes Willen. Als seine Weltsicht am Ende zerbrechen muss, geht auch er zugrunde.

Natürlich muss ein Musical, selbst wenn es mit dreieinhalb Stunden Dauer zu den längeren der Gattung gehört, bei den fein und akribisch gezeichneten Figuren des nicht selten in fünf Bänden veröffentlichen Buches Abstriche machen. So werden etwa Figuren, deren Beschreibung und Beweggründe in der literarischen Vorlage mehrere Kapitel gewidmet sind, zu Nebenfiguren deklassiert. Ein weiterer Abschnitt der Handlung fehlt komplett. Dennoch ist den Franzosen, die das Musical ersonnen haben, der Geniestreich gelungen, das Werk verständlich zu raffen und einem breiten Publikum zu öffnen.

Nahezu ausverkauft

Das schafft auch die Tecklenburger Inszenierung mühelos. Schon die Premiere ist nahezu ausverkauft, für weitere Vorstellungen sind noch schmale Kartenkontingente verfügbar. Schließlich hat das Musical bei Fans in Deutschland einen guten Ruf, wogegen ihm kommerziell hierzulande wenig Erfolg vergönnt war. Zuletzt wurde es nach Aufführungen in diversen Stadttheatern kaum noch gespielt.

Regisseur Ulrich Wiggers füllt die umfangreiche Handlung denn auch prall mit Leben, Kati Heidebrechts so in diesem Stück noch nie gesehene Choreografie schafft aus Solisten, Ensemble und ehrenamtlichen Mitgliedern der Bühne eine homogene Masse, die es in der Kombination mit der Regie gut schafft, die prekären sozialen Umstände in Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu brandmarken. Und die großen Szenen mit mehr als 100 Menschen auf der Bühne tun dem Elend wirklich gut, sprich: sie verdeutlichen es wunderbar.

Keine Ausfälle

Ausfälle gibt es in der Besetzung nicht zu vermelden. Zu den stärksten Interpreten gehören bei der Premiere Kevin Tarte als hin- und hergerissener Inspektor Javert und die an den Umständen zerbrechende Fantine von Milica Jovanovic. Auch Patrick Stanke als Valjean überzeugt stimmlich, scheint aber seine Rolle, die weite Strecken des Abends deutlich älter ist als sein reales Alter, noch nicht zu 100 Prozent gefunden zu haben.

Hörbar zu kämpfen hatte hingegen der musikalische Leiter Tjaard Kirsch. Nicht etwa, weil er den Klang und die Tempi der aktuellen internationalen Inszenierungen nicht sicher treffen würde. Streckenweise stehen Orchester und Interpreten aber deutlich auf Kriegsfuß miteinander und drohen allzu offensichtlich zu zerfasern. Aber der Dirigent kann die brenzligen Situationen doch immer wieder retten.


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