Sommerausstellung „Kaleidoskop“ Neue Sicht auf die Künstlerkolonie Worpswede

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Worpswede. „Kaleidoskop Worpswede“: Unter diesem Titel hat Kurator Jörg van den Berg die vier Museen der ehemaligen Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen neu inszeniert. In der Konfrontation mit aktueller Kunst erweisen sich die Worpsweder Klassiker als erstaunlich vital. Ihre Suche nach einer neuen Kunst bleibt aktuell.

Wo sind die Landschaftsbilder von Otto Modersohn und den anderen Worpsweder Künstlern geblieben, wo das berühmte Gemälde „Sommerabend“ von Heinrich Vogeler? Wer in diesen Wochen das Künstlerdorf Worpswede bei Bremen besucht, wird in den Ausstellungshäusern jene vertrauten Klassiker vermissen, die den Ort um 1900 zu einer ersten Adresse der Landschaftsmalerei machten. In der Rotunde der „Großen Kunstschau“ hat Kurator Jörg van den Berg alle Bilder abhängen lassen und Platz geschaffen für eine Rauminstallation von Tilo Schulz. Zwischen bemalten Paneelen vollführt nun eine Schauspielerin eine Performance. Unter dem Oberlicht atmet sie hörbar ein und aus: Ihr Atem scheint eine Botschaft zu sein, die in die ferne Vergangenheit der Künstlerkolonie dringt. Hier weiterlesen: Paula Modersohn-Beckers schneller Start in die Moderne.

Format hat es in sich

„Kaleidoskop Worpswede“: Der Titel der Sommerausstellung klingt betulich. Das Format hat es jedoch in sich und dass nicht nur, weil mit Künstlern wie Harun Farocki, Per Kirkeby, Giorgio Morandi, Olaf Nicolai und Jessica Stockholder große Namen aufgeboten werden. In jedem Sommer schließen sich mit dem Barkenhoff, der Großen Kunstschau, der Kunsthalle und dem Haus im Schluh die vier Ausstellungshäuser zur großen Worpsweder Jahresausstellung zusammen. Das ist es in diesem Jahr aber auch schon mit der Routine. Denn jetzt darf der Münchener Kurator van den Berg mit den Ausstellungshäusern den ganzen Künstlerort und seine Geschichte munter aufmischen. Der Kurator mixt dabei nicht einfach nur Alt und Neu. Er integriert zeitgenössische Positionen in die historischen Kontexte und befragt mit seinen sensiblen Raumkonzepten die ehemaligen Künstlerdomizile. Hier weiterlesen: Große Kunst im Kino - das Genre des Künstlerfilms.

Neue Kunst im Moordorf

Künstler wie Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn, Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck und andere gehörten um 1900 zur europäischen Avantgarde. Sie etablierten sich im Moordorf Worpswede, um im engen Kontakt mit dem einfachen Leben in der Natur eine neue Kunst zu schaffen. Vor allem ihre expressiven Landschaftsbilder stehen heute für Worpswede als eine der wichtigsten europäischen Künstlerkolonien. Heinrich Vogelers Barkenhoff, das Haus im Schluh, wo sich seine Frau Martha als Weberin niederließ, und die von Bernhard Hoetger um 1925 konzipierte Große Kunstschau als Museum der Gründergeneration formieren sich zum Signet eines Ortes, der den Geist von Kreativität und freiem Leben bewahrt zu haben scheint. Heute wirkt Worpswede allerdings bisweilen wie eine Zeitkapsel, die fern vom hektischen Getriebe ein heimeliges Gestern bewahrt. Kurator Jörg van den Berg hat diese Zeitkapsel jetzt geöffnet. Hier weiterlesen: Von Reylander bis Mammen - Worpswede und die Künstlerinnen.

Ein Video aus Afrika

Dabei trimmt er die alten Häuser nicht einfach auf neu, sondern verbindet die Konzepte von Kunst und Leben, die in ihnen einst ersonnen wurden, geschickt mit aktuellen Themen und Tendenzen der Kunst. Darin liegt das eigentliche Verdienst des Projektes, das über den Effekt kulturtouristischer Belebung weit hinausgeht. So bringt er im Haus im Schluh, in dem Martha Vogeler und ihre Töchter einst Stoffe webten, aktuelle Textilkunst mit den alten Webstühlen zusammen. Das Video von Gitte Villesen zeigt afrikanische Frauen aus drei Generationen einer Familie - eine schöne Parallele zur Worpsweder Frauenkommune im Haus am Schluh. Kunst, ein Leben in Gemeinschaft, andere Formen des Wirtschaftens: Genau dieser reformerische Ansatz der Worpsweder Kolonie ist, wie die Ausstellung nun zeigt, für heutige Künstler interessant. Der Link zwischen den Reformansätzen der damaligen Künstlerkolonie und aktuellen Fragestellungen funktioniert erstaunlich leicht.

Hier weiterlesen: Sammler stiftet Worpswede Bilder von Vogeler.

Bienenkästen im Garten

Auf dem Barkenhoff zeigt Antje Schiffers ihre Filme von Bauernhöfen. Olaf Nicolai hat im Garten seine „Bienenkästen“ installiert. Kein Wunder, das Wohnhaus Heinrich Vogelers beherbergte in den zwanziger Jahren eine Landkommune. Der Künstler hatte sein Atelierhaus zuvor als Gesamtkunstwerk des Jugendstils zu einem Traumreich weltentrückter Schönheit geformt. Neben den Gemälden und Grafiken Vogelers mit ihren Märchen- und Mädchenmotiven hat nun Gabriela Oberkofler feingliedrige Zeichnungen mit Motiven Vogelers auf die Wände gebracht. Gelungen wirkt auch die Ausstellung in der Großen Kunstschau. Kurator van den Berg hat dort klassische Worpsweder Landschaftsbilder mit Gemälden, Fotos und Objekten von zeitgenössischen Künstlern wie Harun Farocki, Per Kirkeby und Christopher Muller kombiniert. Vogelers „Sommerabend“ etwa findet sich nun in unmittelbarer Nachbarschaft einer Installation, für die Thomas Locher fünf Stühle zu einem Kreis an der Wand befestigt hat. Gemälde und Installation machen die Sprachlosigkeit zwischen Menschen zum Thema. Hier weiterlesen: Wie gut ist der neue Film über Paula Modersohn-Becker?

Ausstellung als Geschenk

„Kaleidoskop Worpswede“ holt nicht nur eine Künstlerkolonie aus ihrem Dornröschenschlaf. Das Ausstellungsprojekt zeigt auch, dass Fortschritt in der Kunst nur eine relative Größe ist. Denn in der Konfrontation mit aktueller Kunst sehen die vertrauten Worpsweder kein bisschen alt aus. Ihr Ansatz, Kunst als Suche nach einem Leben jenseits der Norm zu konzipieren, erweist sich im Licht dieser ungewöhnlichen Ausstellungsinszenierung als erstaunlich aktuell. Der Künstlerort macht sich deshalb mit dieser Ausstellung im Jahr seines 800. Geburtstages ein besonderes Geschenk. Kleiner Wermutstropfen: Fortsetzungen des Formates erscheinen als unbedingt lohnend. Leider fehlt aber wohl das Geld für solche Neuauflagen. Schade. Denn das Format funktioniert.


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