Kunst mit Gleisanschluss Magisch: Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen

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Züge kommen in diesem Bahnhof noch immer an, doch wo einst Fahrkarten verkauft wurden, befindet sich heute das Foyer des großartigen Arp-Museums. In Remagen-Rolandseck am Rhein kommt man mit einem Zug zur Kunst. Oder auch mit dem Schiff. Wer will da schon mit dem Auto anreisen?

Wer diese Toilette betritt, könnte für einen Moment vergessen, weshalb er überhaupt gekommen ist. Unter den Fenstern räkelt sich an der Wand eine unbekleidete Schönheit, über den Pissoirs treffen den Besucher die strengen Blicke altertümlicher Gestalten. Auf rotem Untergrund scheinen diverse Gemälde zu hängen und ein freundlicher Herr steht da, als wolle er eine Bestellung aufnehmen.

Diese Toilette ist ein Kunstwerk, gestaltet von dem britischen Maler Stephen McKenna, der die Wände mit farbenprächtigen Zitaten aus der Kunstgeschichte verzierte. Und sie erzählt eine Geschichte. Die Geschichte eines der außergewöhnlichsten Bahnhöfe Deutschlands und die eines Museums mit Gleisanschluss. Aber auch die Geschichte eines Mannes, der mit seinem Willen Berge versetzen konnte und dem Mittelrheintal ein Juwel schenkte: Johannes Wasmuth.

Sommerfrische am Rhein

Diese Geschichte reicht zurück bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals, als die Reichen und Schönen noch nicht auf die Seychellen oder Malediven fliegen, ist das Rheintal bevorzugtes Ziel ihrer Sommerfrische. Schon 1844 hat die Bonn-Cölner Eisenbahn ihre Strecke zwischen den beiden Städten am Rhein eröffnet, die schönsten Schlösser und Villen aber liegen noch ein Stück weiter südlich bei Remagen. Und so wird 1853 der Weiterbau der Linie bis in den Remagener Ortsteil Rolandseck beschlossen, damit die Herrschaften möglichst bequem zu ihren erhabenen Domizilen reisen konnten.

1858 wird der klassizistische Bahnhof Rolandseck fertiggestellt und avanciert schnell zum Treffpunkt der feinen Gesellschaft. Ob Kaiser Wilhelm II., Königin Victoria von England, Otto von Bismarck, Friedrich Nietzsche, Johannes Brahms, Clara Schumann, George Bernard Shaw oder Franz Liszt – sie alle wechseln hier an der Endstation auf Dampfschiff oder Kutsche, feiern eines der vielen Feste im Rolandseck oder lassen einfach nur den Blick über Rhein und Drachenfels schweifen. Eine Landschaftsansicht, die für Alexander von Humboldt zu den sieben schönsten der Welt gehört.

Abriss beschlossen

100 Jahre später ist von der Pracht nicht mehr viel übrig. Der Bahnhof ist nach dem Zweiten Weltkrieg verfallen, die Bundesbahndirektion Mainz beschließt den Abriss der Immobilie – und setzt das Vorhaben zum Glück nicht gleich in die Tat um.

Denn 1964 betritt Johannes Wasmuth die Szene. Ein junger Kunstfreund und Galerist aus Warburg, der seine ersten Schritte ins Berufsleben als Schaufensterdekorateur in Neuss am Rhein gemacht hat. Dann aber erarbeitet er sich schnell einen Ruf als Wohltäter, indem er Werke von Picasso über Dalí bis Arp zugunsten sozialer Zwecke versteigert.

Freundschaft mit Folgen

Mit dem deutsch-französischen Bildhauer und Maler Hans Arp verbindet ihn zudem seit dem Ende der Fünfzigerjahre eine innige Freundschaft, die noch Folgen haben soll. Er kümmert sich nach Arps Tod 1966 um dessen Werk und jenes seiner ersten Frau Sophie Taeuber-Arp, das später zum Grundbestand des ARP-Museums werden soll.

Wasmuth hat eine Vision. Er mietet den Bahnhof und beginnt, ihn zu einem Haus der Kunst umzugestalten. Maler und Musiker ziehen ein, Gerhard Richter porträtiert Wasmuth 1966 vor dem Bahnhof stehend, im selben Jahr löst sich hier die legendäre Künstlergruppe ZERO auf. Wasmuth überredet Bundeskanzler Konrad Adenauer, sich von dem Maler Oskar Kokoschka porträtieren zu lassen, und steckt den Verkaufserlös von 150.000 D-Mark in die Sanierung des Bahnhofs.

Marceaus Manifest

1969 lädt er unter dem Motto „Rettet den Bahnhof Rolandseck“ zu einem Fest, der französische Pantomime Marcel Marceau verfasst ein Manifest: „Der Bahnhof Rolandseck wird das Theater sein, in dem sich alle Künste vereinen, um das Wunderbare zu schaffen.“ Statt der erwarteten 600 Gäste kommen über 3000. Wenig später erhält Wasmuth aus der Hand von Helmut Kohl, damals Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, ein Dokument, mit dem er den verfallenen Bahnhof für eine symbolische D-Mark erwirbt.

Wasmuth ist wie besessen von seinen Plänen. Der Bahnhof wird im Stile von 1910 wiederhergestellt. Künstler, die er in Rolandseck beherbergt, machen sich verdient um das Gebäude. McKenna bemalt die Toiletten, Anton Henning macht aus dem ehemaligen Wartesaal ein kunterbuntes Bistro, Maria Nordmann gestaltet den Sanitätsraum, Thomas Huber die Bibliothek. Weltberühmte Künstler geben Konzerte und zeigen ihre Werke in Ausstellungen, aus der nahen Bundeshauptstadt Bonn unternehmen der Dalai Lama, der Kaiser von Japan und Leonid Breschnjew Abstecher nach Rolandseck. Und in Samuel Fullers Tatort-Folge „Tote Taube in der Beethovenstraße“ von 1973 gibt‘s im Bahnhof eine wüste Schießerei.

Mauerfall als Glücksfall

Der Mauerfall erweist sich als Glücksfall. Berlin wird Hauptstadt, im Gegenzug fließen Ausgleichsmittel in den Raum Bonn. Plötzlich ist Geld da für den nächsten Schritt: Einen Museumsneubau 40 Meter oberhalb des Bahnhofs. Den amerikanischen Stararchitekten Richard Meier, der das Getty Center in Los Angeles geschaffen hat, begeistert Wasmuth schon 1978 für das Projekt. Doch bis zur Realisierung vergehen fast 30 Jahre.

1995 wird das Museum Bahnhof Rolandseck gegründet, zwei Jahre später stirbt der erst 61-jährige Johannes Wasmuth überraschend an Herzversagen – in Rolandseck. Doch sein Traum lebt weiter und wird von Gleichgesinnten zur Wirklichkeit gemacht: Am 28. September 2007 eröffnet Bundeskanzlerin Angela Merkel das Arp-Museum oberhalb des Bahnhofs. Die Werke von Hans Arp ziehen als Dauerausstellung ein, der Geist von Johannes Wasmuth weht durch Richard Meiers schneeweißes und lichtdurchflutetes Meisterwerk.

Vom Bahnhof ins Museum

Dessen Besonderheit: Man betritt das alte Bahnhofsgebäude, in dem früher Fahrkarten verkauft wurden, geht durch einen Tunnel quasi in den Berg, fährt mit dem Aufzug nach oben – und steht im Museum. Die Kunst aber ist überall: im Bahnhofsgebäude gibt es einen Ausstellungsraum, von dem aus man direkt auf den Bahnsteig blickt, an Wänden und Decke des Tunnels hängen Kunstwerke.

An die 80 Ausstellungen beherbergt das Arp-Museum seit seiner Eröffnung, wobei die Skulpturen von Barbara Hepworth 2016 und Henry Moore 2017 den wohl prägendsten Eindruck hinterlassen. 65.000 Besucher kommen im Schnitt pro Jahr und in Rolandseck steigt schon jetzt die Vorfreude auf den 26. August: Dann gesellt sich zur aktuellen Gotthard Graubner-Ausstellung „Mit den Bildern atmen“ die Schau „Im Japanfieber. Von Monet bis Manga“, die sich auf die Spur des Einflusses japanischer Kunst auf die westliche Kultur von den Impressionisten bis zur Gegenwart macht.

Totgeweiht und langlebig

Dazu hat der bekannte Landschaftsgärtner Peter Berg gerade einen japanischen Felsengarten vor dem Bahnhofsgebäude gestaltet. Vor 60 Jahren totgeweiht, lebt Rolandseck mehr denn je und verändert sich ständig.


Info zu Rolandseck/Arp Museum:

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen 11 bis 18 Uhr

Eintritt bis 25.08.2018: 9 Euro, ermäßigt 7 Euro (Neubau + Bahnhof Rolandseck=alle Ausstellungen); nur Bahnhof Rolandseck: 4 Euro, ermäßigt 2 Euro. Eintritt vom 26.08.2018 bis 20.01.2019: 10 Euro, ermäßigt 8 Euro (Neubau + Bahnhof Rolandseck)

Adresse + Kontaktdaten:

Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Hans-Arp-Allee 1, 53424 Remagen

Tel. 02228- 92 55-0; Mail: info@arpmuseum.org; Internet: www.arpmuseum.org

Anreise:

Per Bahn: Die Mittelrheinbahn zwischen Köln und Mainz hält stündlich im Bahnhof Rolandseck (Wer mit der DB anreist, muss in Bonn oder Remagen umsteigen in die Mittelrheinbahn.)

Mit dem Auto: Parkplätze direkt vor dem Haus vorhanden (auch zwei Behindertenparkplätze barrierefrei erreichbar)

Mit der Fähre: regelmäßiger Fährverkehr zwischen Bad Honnef und Rolandseck

Mit dem Schiff: Anreise mit der Bonner Personenschifffahrt möglich; Halt Rolandseck

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