Kunsthalle Osnabrück zeigt Faulhaber Raum und Macht: Im Kirchenschiff rollt die Kugel

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Wer bekommt wie viel Raum? Das ist eine Frage der politischen Macht. Und der Kunst. Christoph Faulhaber will mit seinen Werken in der Kunsthalle Antworten geben. Nicht jede überzeugt.

Discokugel oder Abrissbirne? Über der Roten Flora schwebt der riesige Glitzerball. Für sein Projekt lässt Christoph Faulhaber 2015 einen Kranwagen vor das seit Jahren besetzte Hamburger Kulturhaus fahren. Im Scheinwerferlicht kreist die zwei Meter große Kugel über dem Zentrum der Autonomen. Öffentlicher Raum zwischen Selbstverwaltung und Kapitalinteresse – mit der Doppeldeutigkeit seiner schwebenden Kugel bringt Faulhaber den politischen Konflikt präzise auf den Punkt. Das Projekt im öffentlichen Raum ist sein Medium. Die Präsentation im Ausstellungsraum dagegen eher nicht, wie jetzt in Osnabrück zu sehen ist. Hier weiterlesen: Felice Varinis aufregende Klebekunst in Osnabrück.

Bunte Riesenbälle

„Revolution & Architektur“: Dieser Titel ist reichlich groß geraten für eine disparate Präsentation, zu der 60 bunte Riesenbälle ebenso gehören wie Topfpflanzen auf Podesten und Collagen aus Zeitungsseiten in Holzrahmen. Faulhaber will nicht nur das weite Feld kartieren, dass sich zwischen den Polen Politik und Architektur aufspannt, er bringt auch noch aktuelle Rauminstallation und die Rückschau auf frühere Projekte zusammen. Der wohlwollende Besucher mag das als Angebot voll assoziativer Querverweise sehen, dem kritisch gestimmten Betrachter wird es hingegen an Stringenz fehlen. Hier weiterlesen: „Vier blaue Kreise“ verzaubern Osnabrück.

Lustig und bedrohlich

Angst vor dem leeren, weiten Raum kennt Faulhaber jedenfalls nicht. In die große Halle des gotischen Kirchenbaus ließ er 60 jeweils drei Meter hohe Plastikkugeln kullern, verteilte sie zwischen Apsis und Portal, türmte sie zu Gebirgen in Rot und Gelb, Grün und Blau. Wieder entfaltet er den Anspielungsreichtum der Kugel. Sie erinnert dieses Mal an die Architekturfantasien von Revolutionären, die von Kugelbauten träumten, wie an wabbelnde Hüpfburgen. Die gigantischen Bälle sehen erst einmal lustig aus, können aber auch bedrohlich wirken. Hier weiterlesen: Hannover zeigt „Made in Germany 3“.

Ball in der City

Wer sie antippt und so in Bewegung setzt, merkt mit einem Mal, wie einem der eben noch sicher geglaubte Raum strittig gemacht werden kann. Die Installation passt nicht nur optisch bestens in den Raum, sie liefert auch noch Stoff zum Nachdenken. Kunstwerk und Konzept passen in diesem Fall zusammen. Kuratorin Julia Draganovic und ihr Team hatten schon einmal einen der Bälle durch die Osnabrücker City gerollt. Wie sich jetzt zeigt, war das mehr als nur ein aufmerksam registrierter Werbegag im Vorfeld der Ausstellung. Hier weiterlesen: Was zeigen Museumsquartier und Kunsthalle Osnabrück 2018?

Drastische Schockeffekte

Die anderen Teile der Ausstellung entfalten weniger Präsenz. Denn Faulhaber muss für den retrospektiven Teil auf viel Archivpapier zurückgreifen und gibt dann noch ein Versprechen, dessen Einlösung in den Sternen steht. Der Künstler hat in den vergangenen Jahren für Skandale gesorgt. Er wurde wegen seiner kritischen Aktionen von Sicherheitsleuten festgesetzt, vom amerikanischen FBI verhört, sorgte mit einem umstrittenen Projekt dafür, dass ein Kunststipendium eingestellt wurde. Heute geht ruhiger um ihn zu. Nun stellt er Zeitungsseiten zu Themen von den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center 2001 bis zum Brand des Ludwigshafener „Türkenhauses“ 2008 aus. Der Künstler möchte die Macht der Bilder kritisch befragen, setzt aber selbst mit Strecken aus der „Bild“-Zeitung und Titelblättern mexikanischer Magazine voll blutiger Gewaltopfer auf drastische Schockeffekte. Hintergründige Kunst sieht anders aus. Ein Raum der Ausstellung ist sogar mit Tüchern verhängt. Der Besucher wird vor dem Eintritt darauf hingewiesen, dass ihn verstörend harte Bilder erwarten. Hier weiterlesen: Wie Künstler Christoph Faulhaber das FBI ärgert.

Pflanzen im Entree

Ganze Strecken der Schau wirken so langatmig und wenig gelungen. Ratlos lässt auch die Ansammlung von Zimmerpflanzen im Entree. Dafür richtet Faulhaber im Innenhof ein Banner auf, mit dem er einst die Rote Flora verhüllte. Da ist er wieder, der Geist eines Künstlers, der sich im öffentlichen Raum am wohlsten fühlt. Bestens. Hier weiterlesen: Zimmerpflanzen für die Kunsthalle.